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Sterbehilfe-Debatte in den USA: Wo beginnt der Tod?

Von , New York

Sterbehilfe in den USA: Debatte um Leben und Tod Fotos
DPA

Hirntod. Eine Diagnose, zwei tragische Fälle, die in den USA die Debatte um Sterbehilfe anfachen. Ist Jahis Familie im Recht, wenn sie darauf beharrt, die 13-Jährige an Maschinen weiterleben zu lassen? Oder Erick, der seine Frau sterben lassen will, obwohl sie schwanger ist?

Jahi McMath starb vor fünf Wochen. Nach einer Mandeloperation traten bei der 13-Jährigen aus dem kalifornischen Oakland unerwartete Komplikationen auf, die Ärzte erklärten sie für hirntot. Auf Betreiben der Familie - und gegen den Willen der Mediziner - wird sie aber von Maschinen künstlich am Leben erhalten.

"Ich will, dass sie mehr Zeit bekommt", erklärte Jahis Mutter Nailah Winkfield. "So oft hört man, dass Menschen in ihrer Lage aufwachen."

Fast 3000 Kilometer entfernt in Texas hängt die ebenfalls hirntote Marlise Muñoz, 33, sogar schon seit Ende November an einem Beatmungsgerät. Hier verhält es sich genau andersherum: Da Muñoz im vierten Monat schwanger war, als sie zu Hause kollabierte, besteht das Krankenhaus auf lebensverlängernden Maßnahmen, um so zumindest das ungeborene Baby zu retten.

Muñoz' Angehörige dagegen wollen Mutter und Kind sterben lassen und das nun gerichtlich erzwingen. "Das war ihr Wunsch", sagte ihr Mann Erick Muñoz dem TV-Lokalsender WFAA. Er hat sich am Dienstag mit einen Dringlichkeitsantrag und einer Klage gegen die Klinik an ein Gericht gewandt.

Zwei Tragödien, zwei entgegengesetzte Appelle, eine schier unlösbare Debatte: Wo endet das Leben, wo beginnt der Tod - und wann darf der Mensch eingreifen? Nicht nur Deutschland debattiert gerade diese Fragen, demnächst sogar im Bundestag. Auch in den USA kocht das Reizthema wieder hoch.

Der Hirntod ist unwiderruflich

Die jüngsten Kontroversen in Kalifornien und Texas reißen alte Wunden auf. Sie offenbaren das Dauerdilemma hinter Problemen wie der exakten Definition des Todes: Jede Situation ist anders, jeder Patient auf seine Weise ein neuer Präzedenzfall - und jede Seite hat nachvollziehbare Argumente.

Dabei sind die Fakten brutal klar, jedenfalls in den jüngsten US-Fällen. Der Hirntod ist unwiderruflich. Alle Gehirnfunktionen sind erloschen, der Patient kann - anders als beim Wachkoma - aus eigener Kraft nicht länger weiterleben.

Der technologische Fortschritt verwischt diese Grenze jedoch. Künstliche Beatmung und Ernährung können noch über Monate hinweg den Eindruck von Leben erwecken: Die Haut ist warm, das Herz schlägt. Jahis Angehörige klammern sich daran - während Muñoz' Familie das als Illusion akzeptiert hat.

Alle Versuche, die Wissenschaft mit den Gefühlsqualen der Betroffenen in Einklang zu bringen, waren bisher unzureichend. In den USA markiert der Gehirntod zwar seit 1981 den rechtlichen Zeitpunkt des Ablebens. Das bestätigte zuletzt auch eine Ethikkommission des Weißen Hauses, nachdem sie auf 144 Seiten die "Kontroverse um die klinische und ethische Gültigkeit" dieses neurologischen Befundes erörtert hatte. Ihr Fazit: Man müsse neue "philosophische Grundsätze" finden.

Doch noch geben nur die US-Bundesstaaten New York und New Jersey den Angehörigen ein Mitspracherecht, wann die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden. Anderswo dürfen die Ärzte eigenständig entscheiden.

Eben auch in Kalifornien. Dort war Jahis Mandeloperation anfangs nur ein Routineeingriff gewesen, um ihre Schlaf-Apnoe zu beheben. Allem Anschein nach verlief die Prozedur zunächst problemfrei. Als Jahi aus der Narkose erwachte, bat sie um ein Eis am Stiel.

Ein bizarrer Kompromiss

Drei Tage später war sie hirntot. Von inneren Blutungen und Herzstillstand war die Rede, über die tatsächlichen Ursachen schweigen sich die Ärzte aus. Doch obwohl drei Neurologen Jahis Hirntod feststellten und die Abschaltung der Geräte bestätigten, klagte die Familie dagegen.

Schließlich gab es einen Kompromiss: Am 5. Januar wurde Jahi vom Children's Hospital & Research Center in Oakland, das ihre weitere Pflege verweigerte, erst an den Gerichtsmediziner überführt, der ihren Totenschein ausstellte - und von dort in eine andere, bislang anonym gehaltene Klinik gebracht, wo sie seither künstlich ernährt und beatmet wird.

Dem Mädchen gehe es schon viel besser, freute sich Jahis Onkel Omari Sealey auf CNN: "Sie bewegt sich viel mehr, sie reagiert auf Töne und Berührung." Experten widersprechen dem: Jahis Körper werde "unvermeidlich" verfallen, erklärte die an dem Fall beteiligte Kinderärztin Heidi Flori vor Gericht. Keine ärztliche Kunst werde diesen Prozess aufhalten können: "Sie werden sie schlichtweg nicht ins Leben zurückrufen."

Das haben die Angehörigen von Marlise Muñoz in Texas längst eingesehen. Muñoz war nach einer Lungenembolie zusammengebrochen. Das Krankenhaus beruft sich nun auf ein texanisches Gesetz, wonach die künstliche Beatmung andauern muss, solange der Fötus eine Überlebenschance hat, auch wenn das Baby behindert zur Welt kommen könnte.

Der Vater hat kein Mitspracherecht über das Schicksal seines Kindes - obwohl die Mutter vor ihrem Tod lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt hatte. "Sie ist nur noch eine Wirtin für den Fötus", sagte Muñoz' Vater Ernest Machado der "New York Times". "Ich bin wütend auf den Staat."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Es gibt keinerlei Beweis, dass Frau Munoz für hirntot erklärt wurde!
1lauto 15.01.2014
Außer einer Aussage des Ehemanns. Ware sie für hirntot erklärt worden gäbe es schon lange einen Leichenschein. Das wäre öffentlich.
2. Gründe für das Misstrauen...
anja-boettcher1 15.01.2014
...gegenüber jeder generellen Erklärung zur Spende von Organen liegen eben auch in der erschreckenden Kommerzialisierung des medizinischen Sektors. Betrugsfälle in Deutschland haben dieses Misstrauen verschärft. Ein Mensch ist eben ein Mensch, auch im Sterben, und kein Ersatzteillager. Aber was zählt ein Mensch noch bei den Profiten, die im Organhandel zu machen sind? Wer glaubt, dass bei der Beurteilung, ob ein Mensch komatös oder wirklich tot ist, wirklich Korruption ausgeschlossen ist? Dass tatsächlich Menschen hinsichtlich ihrer Bedürftigkeit an Spenderorganen gleich behandelt werden? Ich vertraue auch, was die Entscheidung über meine Organe betrifft, ausschließlich meinen Angehörigen, keiner anonymen Maschinerie. Und selbst wenn sie einfach nur deshalb gegen eine Organspende entscheiden, weil sie es unerträglich finden in dem Moment, ist dies ihr Recht. Eine Zwangsverordnung der Organspende erschiene mir auch als Bedrohung. Wenn aber meine Familie das Gefühl hätte, alles läuft sauber, dürften sie gerne meine Nieren oder Augen freigeben. Noch in den 80igern wäre ich nicht so misstrauisch gewesen. Woran liegt das? Daran, dass die Poltik zunehmend vor dem großen Geld einknickt und Menschen sich nicht mehr repräsentiert sehen. Seit dem neoliberalen Wandel ist alles Ware, alles eine "commodity" geworden, auch und gerade der Mensch. Wir erfahren die Würde des Menschen als antastbar. Und das Vertrauen in "Apparate" ist hin.
3. wie ich in einem Forum las, ist der Spender tot,....
joG 15.01.2014
.....die gesendeten Organe entfernt worden sind.
4. Hirntod
Bengurion 15.01.2014
Dieser Link sei jedem am Thema Interessierten wärmstens ans Herz gelegt! Ausgezeichneter Artikel! http://www.bpb.de/apuz/33...
5. Korrektur
Bengurion 15.01.2014
Zitat von BengurionDieser Link sei jedem am Thema Interessierten wärmstens ans Herz gelegt! Ausgezeichneter Artikel! http://www.bpb.de/apuz/33...
http://www.bpb.de/apuz/33311/wie-tot-sind-hirntote-alte-frage-neue-antworten
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.
Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es, bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbstständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).


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