Sterbehilfe für belgische Zwillinge: Zusammen bis in den Tod

Von Simone Utler

Sie wurden taub geboren und erblindeten langsam: Belgische Zwillingsbrüder haben sich entschieden, ihrem seit 45 Jahren gemeinsam verbrachten Leben auch gemeinsam ein Ende zu setzen. Belgien ist in Sachen Sterbehilfe ein liberales Land - doch der Fall wirft eine grundsätzliche Frage auf.

Brüssel - Marc und Eddy V., beide 45, tranken eine Tasse Kaffee, dann verabschiedeten sie sich voneinander. Ärzte gaben den Zwillingen tödliche Injektionen, es war der 14. Dezember 2012.

Ein Sprecher des Brüsseler Universitätsklinikums hat am Montag von den letzten Momenten der Brüder berichtet, belgische Zeitungen griffen den Fall auf.

Marc und Eddy V. hatte das Schicksal auf besonders enge Weise miteinander verbunden. Die eineiigen Zwillinge aus dem belgischen Dorf Putte wurden taub geboren - und verbrachten ihr ganzes Leben miteinander. Sie teilten sich im elterlichen Haus ein Zimmer, machten gemeinsam die Schuhmacherausbildung und zogen zusammen in eine kleine Wohnung, wie die belgische Tageszeitung "Het Laatste Nieuws" berichtete.

Sie hatten sich arrangiert mit ihrem Leben. Doch vor einigen Jahren traf die beiden Männer ein Schicksalsschlag: Sie begannen zu erblinden.

"Sie waren wirklich erschöpft"

Die Brüder entschieden sich, die in Belgien legale Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Es soll weltweit das erste Mal sein, dass eineiige Zwillinge das Recht zu sterben nutzten.

Belgien ist eines der wenigen europäischen Länder, das aktive Sterbehilfe erlaubt. Doch der Fall von Marc und Eddy V. bringt auch eine liberale Gesellschaft an ihre Grenzen. Wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert?

Ein Recht auf Euthanasie hat in Belgien jeder Erwachsene, der seinen Todeswunsch freiwillig und wiederholt ausspricht. Ärzte müssen bestätigen, dass der Patient aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls an dauerhaften und unerträglichen psychischen oder physischen Schmerzen leidet, die medizinisch nicht gelindert werden können.

Reicht als Grund zu sterben, taub und blind zu sein?

"Viele Menschen werden sich wundern, warum die beiden um Sterbehilfe gebeten haben, während viele taube und blinde Menschen ein 'normales Leben' führen", sagte Dirk V., der ältere Bruder der beiden, laut der britischen Zeitung "Telegraph". "Aber meine Brüder schleppten sich von einer Krankheit zur nächsten. Sie waren wirklich erschöpft." Die Angst, sich und die Familie nicht länger zu sehen - und eben auch nicht hören zu können -, sei für die Brüder unerträglich gewesen.

Es war jedoch nicht ganz einfach, Mediziner zu finden, die den Wunsch der beiden erfüllten. Ärzte der Klinik vor Ort lehnten das Sterbehilfegesuch ab. "Wenn jemand, der blind oder taub ist, ein Recht auf Sterbehilfe hat, sind wir weit von unserer Linie entfernt", sagte ein Krankenhaussprecher laut "Het Laatste Nieuws": "Ich glaube nicht, dass der Gesetzgeber das mit 'unerträglichen Leiden' gemeint hat."

Es ist der Kern der Debatte: Kann ein Gesetz benennen, was Menschen als unerträglich empfinden? Ein Nachbar der Brüder sagte der belgischen Zeitung "Het Laatste Nieuws" über die Zwillinge: "Die letzten zwei Jahre ihres Lebens waren die Hölle." Die Männer hätten manchmal einfach in ihrer Wohnung gesessen. "Sie hörten nichts und sahen fast nichts. Welche Lebensqualität haben Sie?"

Die Einzigen, die diese Frage beantworten konnten, sind tot. Das Universitätsklinikum Brüssel willigte in den Wunsch der Brüder ein.

"Unerträgliches Leid kann ebenso mental wie körperlich sein"

"Ihnen wurde ihr Recht auf Sterbehilfe nicht gewährt, einfach nur weil sie taub und blind waren", betonte ein Sprecher der Klinik. "Unerträgliches Leid kann ebenso mental wie körperlich sein." Die Brüder seien unzertrennlich gewesen, hätten einander aber nicht mehr hören oder sehen können. Die Familie habe die Entscheidung der beiden mitgetragen.

Belgien hat 2002 die Sterbehilfe legalisiert. Die Zahl der Menschen, die ihr Recht auf einen selbstbestimmten Tod nutzen, ist seitdem gestiegen: Im Jahr 2011 zählte die nationale Kontrollkommission 1133 Fälle, rund ein Prozent der Todesfälle. Von den Patienten, die auf eigenen Wunsch aus dem Leben schieden, waren 86 Prozent mindestens 60 Jahre alt, 72 Prozent waren an Krebs erkrankt. 30- bis 40-mal pro Jahr wird in Belgien laut der niederländischen Tageszeitung "De Volkskrant" Sterbehilfe aufgrund von psychischen Problemen in Anspruch genommen.

Abgesehen von Belgien, den Niederlanden und Luxemburg ist die aktive Sterbehilfe in europäischen Staaten verboten. In der Schweiz und Deutschland ist Beihilfe zum Suizid grundsätzlich nicht strafbar, wenn der Helfer zwar das Mittel zur Selbsttötung bereitstellt, die Person, die sterben möchte, es aber selbst einnimmt. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) will mit einem neuen Gesetz die gewerbsmäßige, also kommerzielle Sterbehilfe verbieten.

Auch in Belgien ist eine Gesetzesänderung geplant: Das Recht auf Sterbehilfe soll auf Minderjährige ausgeweitet werden. Die regierenden Sozialisten streben zurzeit die Ausweitung des Gesetzes für extreme Fälle an. Die Annahme der Vorschläge gilt als wahrscheinlich, da die Sozialisten von mehreren Parteien des linken und rechten Spektrums unterstützt werden.

Marc und Eddy V. seien am Tag ihres Todes glücklich und ruhig gewesen, berichtete die Tageszeitung "De Volkskrant". Ihre Leichen seien eingeäschert worden, die identischen Urnen liegen nun unter einem Grabstein.

Mit Material von Reuters

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1. optional
BonChauvi 15.01.2013
Furchtbar so etwas. Hoffentlich kommen wir da in Deutschland nie hin. Es hat übrigens vor ein paar Jahren einen noch viel krasseren Fall in Belgien gegeben. Eine 43-Jährige wurde auf dem Operationstisch todgespritzt, damit man sofort ihre Organe zur weiteren Verwendung entnehmen konnte.
2.
myrmidone 15.01.2013
Mir ist schleierhaft was an dem Fall kontrovers sein soll? Taub und blind zugleich zu sein - das ist doch praktisch ein Dasein als lebendiger Leichnam. Etwas grausameres und gruseligeres kann ich mir kaum vorstellen. Sicher, jetzt wird irgendjemand Hellen Keller und derartige Beispiele in den Raum werfen, als beleg dass man durchaus blind-taubstumm leben kann. Nur können und wollen ist schon ein Unterschied. Und was der eine verkraftet und bewältigt ist für manch anderen eine absolute Unerträglichkeit. Es ist sowieso eine Unsitte unserer Zeit, das Leben nach rein mathematischen Gesichtspunkten zu bewerten: Länger - also "mehr" - Leben ist nicht automatisch auch besseres Leben. Lieber 50 jahre wie Sammy Davis Junior leben als 100 Jahre als ein untoter Stoffwechselautomat vor sich hinvegetieren. Die Art und Weise wie in Altersheimen und Pflegeheimen der natürliche Tod durch eine ausgefeilte, dem Leben aber völlig entrückte, Apparatmedizin verhindert und die Menschen jahrelang in bizarren Schwebezustand zwischen tot und lebendig "eingefrohren" werden ist auch so ein Beispiel der totalitären "Leben ist immer gut und muss um jeden Preis erhalten und bis zum Maximum des Möglichen ausgedehnt werden"-Ideologie, die unsere Politik und Medizin dominiert. In Sachen Sterbehilfe würde ich noch weiter gehen als die Belgier: Wieso muss man überhaupt medizinische Probleme haben um diese in Anspruch nehmen zu können? Was ist denn, wenn ein Mensch kerngesund ist aber gerne sterben möchte? Wieso soll es unzulässig sein, diesem eine entsprechende Pille zu geben die es ihm ermöglicht sich hinzulegen, einzuschlafen und einfach nicht mehr aufzuwachen? Sagen wir wenn ein 20 oder 25 oder 30jähriger gerne sterben möchte, weil er die Gesellschaft die ihn umgibt ablehnt, oder das Leben ihm zu anstrengend ist, oder er keine Lust zu arbeiten hat oder er philosophischen Überdruss gegenüber der Wirklichkeit in ihrer Tatsächlichkeit empfindet - meiner Meinung nach alles legitime Gründe, jemandem als Mediziner die Mittel zum friedlichen Freitod zugänglich zu machen.
3.
wschwarz 15.01.2013
Zitat von sysopSie wurden taub geboren und erblindeten langsam: Belgische Zwillingsbrüder haben sich entschieden, ihrem seit 45 Jahren gemeinsam verbrachten Leben auch gemeinsam ein Ende zu setzen. Belgien ist in Sachen Sterbehilfe ein liberales Land - doch der Fall wirft eine grundsätzliche Frage auf. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sterbehilfe-in-belgien-taube-und-blinde-zwillinge-waehlen-den-tod-a-877696.html
Wir sind geboren worden, ohne gefragt worden zu sein. Dürfen wir nicht einmal frei über unseren Tod entscheiden Die beiden Männer waren ihr Leben lang aneinandergeklebt, dazu taub und blind. Dieses Schicksal ist hinzunehmen? Was passiert denn, wenn man den Freitod wählt? Kommt man dann nicht mehr in den Himmel? Hätten sie am Leben bleiben müssen, damit die Menschen sich ihrer Humanität erfreuen können?Ja klar, normalerweise sind wir als freie Menschen geboren und haben alle Möglichkeiten uns frei zu entfalten.
4. Geht es noch?
Stefan Wenzel 15.01.2013
Zitat von myrmidoneMir ist schleierhaft was an dem Fall kontrovers sein soll? Taub und blind zugleich zu sein - das ist doch praktisch ein Dasein als lebendiger Leichnam. Etwas grausameres und gruseligeres kann ich mir kaum vorstellen. Sicher, jetzt wird irgendjemand Hellen Keller und derartige Beispiele in den Raum werfen, als beleg dass man durchaus blind-taubstumm leben kann. Nur können und wollen ist schon ein Unterschied. Und was der eine verkraftet und bewältigt ist für manch anderen eine absolute Unerträglichkeit. Es ist sowieso eine Unsitte unserer Zeit, das Leben nach rein mathematischen Gesichtspunkten zu bewerten: Länger - also "mehr" - Leben ist nicht automatisch auch besseres Leben. Lieber 50 jahre wie Sammy Davis Junior leben als 100 Jahre als ein untoter Stoffwechselautomat vor sich hinvegetieren. Die Art und Weise wie in Altersheimen und Pflegeheimen der natürliche Tod durch eine ausgefeilte, dem Leben aber völlig entrückte, Apparatmedizin verhindert und die Menschen jahrelang in bizarren Schwebezustand zwischen tot und lebendig "eingefrohren" werden ist auch so ein Beispiel der totalitären "Leben ist immer gut und muss um jeden Preis erhalten und bis zum Maximum des Möglichen ausgedehnt werden"-Ideologie, die unsere Politik und Medizin dominiert. In Sachen Sterbehilfe würde ich noch weiter gehen als die Belgier: Wieso muss man überhaupt medizinische Probleme haben um diese in Anspruch nehmen zu können? Was ist denn, wenn ein Mensch kerngesund ist aber gerne sterben möchte? Wieso soll es unzulässig sein, diesem eine entsprechende Pille zu geben die es ihm ermöglicht sich hinzulegen, einzuschlafen und einfach nicht mehr aufzuwachen? Sagen wir wenn ein 20 oder 25 oder 30jähriger gerne sterben möchte, weil er die Gesellschaft die ihn umgibt ablehnt, oder das Leben ihm zu anstrengend ist, oder er keine Lust zu arbeiten hat oder er philosophischen Überdruss gegenüber der Wirklichkeit in ihrer Tatsächlichkeit empfindet - meiner Meinung nach alles legitime Gründe, jemandem als Mediziner die Mittel zum friedlichen Freitod zugänglich zu machen.
Mann muss in Deutschland nur die richtige pseudo-linke Linie vertreten, dann darf man hier bei SPON alles rauspusten, was eigentlich - und zu recht - spätestens nach 1945 tabu ist. "Untoter Stoffwechselautomat" für einen Menschen das ist schon heftig. Falls Sie es nicht merken. Das Leben nach qualitativen Gesichtspunkten zu bewerten, haben wir in Deutschland schon hinter uns. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, Leben nie wieder zu BEWERTEN. Aber stimmt, wir hatten uns eigentlich auch vorgenommen, nie wieder Soldaten in einen bewaffneten Konflikt zu schicken. Bis dann Joseph Wilhelm Fischer und Herr Struck den "Hufeisenplan" entdeckten.
5. Das Leben endet mit dem Tod ... immer!
bitboy0 15.01.2013
Und ich bin der Ansicht das man den Wunsch eines Menschen zu sterben respektieren sollte! Natürlich sollte man auch erst mal versuchen zu helfen, vielleicht einen Weg finden den Menschen aufzubauen, ihn zu trösten und im Lebensmut zu geben. Ärzte retten übrigens kein einziges Leben, sie können es nur verlängern! Jeder Mensch wird sterben! Und wenn die beiden beschlossen haben das sie nicht noch mal vielleicht 40 Jahre im dunklen und geräuschlosen Raum sein wollen ist das nicht so schwer nachzuvollziehen für mich!
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).
Sterbehilfe in anderen Ländern
Niederlande und Belgien
Die Niederlande waren das erste Land weltweit, das "aktive Sterbehilfe" erlaubt. Seit April 2002 dürfen Ärzte dort einem Schwerkranken eine tödliche Spritze verabreichen, wenn der Patient im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist und es wünscht. Ein Kontrollausschuss aus einem Arzt, einem Juristen und Ethikexperten muss der Sterbehilfe zustimmen. Wenige Monate später folgte Belgien dem Beispiel mit einem ähnlichen Gesetz.

Schweiz
Die Schweiz hat eine vergleichsweise liberale Gesetzgebung. Der Staat nimmt die Beihilfe zur Selbsttötung hin, sie ist aber nicht ausdrücklich erlaubt. Laut Gesetz ist es strafbar, jemandem "aus selbstsüchtigen Beweggründen" beim Suizid zu helfen - solange dem Helfer aber kein selbstsüchtiger Beweggrund vorzuwerfen ist, wird er nicht bestraft. Mediziner dürfen einem unheilbar Kranken eine tödliche Dosis eines Medikamentes besorgen, die er dann selbst einnehmen muss.

Frankreich
In Frankreich dürfen die Ärzte einen unheilbar kranken Patienten "sterben lassen", sein Leben aber nicht aktiv beenden. Das heißt, der Patient darf auf eigenen Wunsch schmerzstillende Mittel bekommen, auch wenn sein Tod durch die Medikamente möglicherweise beschleunigt wird. Die Ärzte dürfen auch lebensverlängernde Maßnahmen - wie künstliche Beatmung - einstellen.

Großbritannien, Schweden, Norwegen
Auch in Großbritannien dürfen Ärzte einem Schwerkranken hohe Dosen an Schmerzmitteln verabreichen, selbst wenn sie damit in Kauf nehmen, dass der Patient schneller stirbt. In Schweden und Norwegen ist es unter bestimmten Bedingungen möglich, lebensverlängernde Behandlungen einzustellen.

Griechenland, Polen
In Griechenland, wo die orthodoxe Kirche sehr stark ist, gilt Sterbehilfe als Beleidigung Gottes und ist streng verboten. Auch das katholische Polen hat Sterbehilfe unter Strafe gestellt - wer gegen das Gesetz verstößt, nimmt bis zu fünf Jahre Gefängnis in Kauf.

Quelle: AFP