Toleranztest Guck mal, wie die stillt!

Essen in der Öffentlichkeit ist total normal? Nicht für Säuglinge. Stillende Frauen werden oft angestarrt, beschimpft, zurechtgewiesen. Hier berichten Mütter von ihren schrägsten Erfahrungen. Machen Sie den Test: Wie hätten Sie reagiert?

Corbis

Von und


Angelika Langer, 35, Nürnberg

"Der Hund war wichtiger als das Kind"

"Um ein einigermaßen normales Leben führen zu können, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als manchmal in der Öffentlichkeit zu stillen. Da gibt es schon Momente, die mich zum Lachen bringen. Einmal ging ich mit meinem Baby auf dem Arm und unserem Hund in ein Möbelhaus. Da kam eine Verkäuferin auf mich zu und sagte lächelnd: 'Wenn Ihr Hund Durst hat, können Sie ihn da hinten im Stillraum trinken lassen. Da ist das Waschbecken etwas niedriger.' Ich war baff. Ihr war der Hund wichtiger als das Kind. Ich sagte nur: 'Ähm, danke! Jetzt weiß ich, dass es einen Stillraum gibt und wo er ist!'”

Wie hätten Sie reagiert?
Bevor die Frau zur Fütterung auf einem der Sofas Platz nimmt und womöglich die Polster versaut, erkläre ich ihr lieber wo der Stillraum ist. Und wenn ich ihr den Stillraum als Hundetränke verkaufe, weiß sie auch gleich, wie ich zu Müttern stehe, die mit ihren Säuglingen in der Öffentlichkeit herumlungern.
Ich hätte sie behandelt wie jeden anderen Kunden. Wenn sie gefragt hätte, wo sie ihr Kind stillen kann, hätte ich ihr den Stillraum gezeigt - und, ach ja, wenn sie um Wasser für den Hund gebeten hätte, hätte ich einen Napf organisiert.
Bonusfrage! Würden Sie den Stillraum wirklich zur praktischen Hundetränke umwidmen, statt der Mutter einfach einen Ort zum Stillen anzubieten?
Stimmt, Babys können wirklich unbequem werden, wenn sie Hunger haben. Und einer Mutter zu signalisieren, dass der Stillraum auch gern als praktische Hundetränke genutzt wird, ist vielleicht nicht die beste Idee.
Klar! Hunde brauchen Auslauf und werden unterwegs schnell mal durstig, Mütter allerdings sollten es wirklich hinbekommen, ihre Kinder so zu füttern, dass sie damit niemand anderen belästigen müssen.
Prima, die Mütter werden dankbar sein, wenn's im Stillraum nicht mehr so nach Hund riecht.
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Haben Sie das Schild "Mütter und Hunde müssen draußen bleiben" eigentlich schon gut sichtbar angebracht?
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Mutter, Baby und Hund wären Ihnen sicher sehr dankbar.
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Lisa Hirsch, 32, Langenfeld

"Die Frau warf vor Ekel ihren Hotdog weg"

"Ich saß vergangene Woche mit einer Freundin in einem Café und stillte meinen acht Monate alten Sohn Lasse, als mir plötzlich diese Frau auffiel. Sie saß uns gegenüber und starrte uns an, als wären wir Aliens. Der Kaffee vor ihr wurde kalt, so lange gaffte sie entrüstet auf den Kinderkopf vor meiner Brust. Eine Freundin erlebte eine noch krassere Szene: Sie stillte ihr Baby auf einer Parkbank, die sie mit einem älteren Ehepaar teilte, das Hotdogs aß. Augenblicklich schnellte die Frau auf, warf vor Ekel ihren Hotdog in den Müll und rief: 'Wie eklig ist das denn! Widerlich!' Ich frage mich, was unnatürlicher ist. Sein Baby mit Muttermilch zu füttern, oder diese Industriewürstchen."

Wie hätten Sie reagiert?
Eklig! Ich kann die alte Dame verstehen. Bei so einem Anblick hätte ich auch keinen Bissen mehr runtergekriegt.
Ich hätte gar nicht reagiert. Parkbänke sind öffentlich. Und warum sollten nicht alle dort essen dürfen?
Bonusfrage! Sie kriegen wirklich nichts runter, weil neben Ihnen ein Kind gestillt wird? Oder wollen Sie der Frau nur signalisieren, dass Sie es für eine Frechheit halten, wenn jemand öffentlich seine Brust entblößt und sein Kind trinken lässt?
Tut mir leid, ich habe tatsächlich einen empfindlichen Magen und kann nicht essen, wenn Babys neben mir auf einer Parkbank auch ihren Hunger stillen.
Es ist schon schade um den schönen Hot Dog, und natürlich hätte ich ihn lieber gegessen. Aber irgendjemand muss doch diesen stillenden Müttern Einhalt gebieten.
Ach, ich reg mich eigentlich nur gern publikumswirksam auf.
Guten Appetit!
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Dann können Sie sich sicher vorstellen, wie es ist, wenn man so richtigen Heißhunger hat. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal eine stillende Frau sehen - und essen Sie vielleicht woanders. Dann werden alle satt.
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Ach, Sie regen sich eigentlich nur gern publikumswirksam auf.
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Vielleicht brauchen Sie einfach nur ein Hobby.
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Kathrin Breuer, 32, Berlin

"Ein schöner Anblick"

"Meine Freundin und ich haben im Tierpark auf einer Bank gesessen. Sie hatte ihre kleine Tochter an der Brust, und ich habe meinen Sohn gestillt. Ein älterer Herr steuerte direkt auf uns zu, das war uns natürlich erstmal unangenehm, und wir dachten 'Oh Gott, was wird das jetzt?'. Aber zu unserer Überraschung lächelte er höflich und sagte: 'Meine Damen, das ist mal ein schöner Anblick!' Er wünschte uns einen schönen Tag und ging fort."

Wie hätten Sie reagiert?
Genau wie der Herr. Ist doch ein schöner Anblick.
Ich hätte mich den beiden Frauen nicht so sehr aufgedrängt.
Ich hätte die beiden Frauen verjagt. Die können sich wirklich einen Platz suchen, wo sich dieser "schöne Anblick" nicht jedem Zoobesucher aufdrängt.
Ja, davon träumt jeder, dass ein Wildfremder kommt und sagt: "Das ist mal ein schöner Anblick". Oder?
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Vielleicht gut, wenn man nicht alles ausspricht, was einem so durch den Kopf geht. Vielleicht hätten die Frauen dann aber auch einen schönen Moment verpasst.
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Bonusfrage! Sie hätten die beiden Frauen wirklich von der Bank verscheucht?
Klar, da sind Kinder im Zoo, die von dem Anblick verstört sein könnten. Und Passanten, denen bei diesem Anblick glatt der Hotdog aus der Hand rutscht.
Ich seh es ja ein: Eigentlich ist es traurig, dass stillende Frauen erst mal davon ausgehen, dass eine Person, die sich ihnen nähert, sie zurechtweisen und vielleicht sogar verscheuchen will.
Vielleicht sollten Sie dann besser vor den Tierkäfigen Posten beziehen: Die Mütter hinter Gittern sollen beim Stillen gar keine Scham kennen.
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Das ist doch eine Win-Win-Situation. Die Mütter können in Ruhe Platz nehmen - und Sie müssen nicht mehr ständig vor ihnen auf der Hut sein.
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Anika Reiss, 26, Köln

"Ich musste mich richtig überwinden"

"In einem überfüllten Fastfood-Restaurant musste ich mich zum ersten Mal überwinden, in der Öffentlichkeit zu stillen. Der Laden war so voll, dass es keine freien Tische mehr gab - aber mein Sohn hatte eben Hunger. Also fasste ich mir ein Herz und setzte mich einfach zu einer fremden Familie an den Tisch, drehte mich ein bisschen weg und stillte mein Baby. Die Leute haben kurz aufgeschaut - ich hatte schon Angst, sie stört das - aber dann aßen sie seelenruhig ihre Pommes und Burger weiter."

Wie hätten Sie reagiert?
Ich hätte der Stillenden diskret, aber freundlich zugenickt, um es ihr angenehmer zu machen, in direkter Gesellschaft von Fremden ihr Kind zu stillen.
Ich hätte es gemacht wie die Familie. Einfach nicht stören lassen, ignorieren und weiteressen.
Als Vater hätte ich die Frau gebeten, den Tisch zu verlassen. Wo kommen wir denn da hin, wenn unsere Schnellrestaurants von stillenden Müttern überrannt werden?
Gut mitgedacht.
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Eine ebenso pragmatische wie freundliche Lösung.
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Bonusfrage! Sie hätten die Frau wirklich weggescheucht?
Hallo? Noch mal zum Mitschreiben: Wo kommen wir denn da hin, wenn unsere Schnellrestaurants von stillenden Müttern überrannt werden.
Eine Sekunde. Ich versuche mal eben, mich in die Frau hineinzuversetzen. Okay, ich würde sie wohl doch nicht so vor meiner Familie und den anderen Gästen bloßstellen. Es muss schon Überwindung kosten, an einem so überfüllten Ort eine so intime Sache zu machen. Außerdem möchte ich meinen Kindern nicht vorleben, dass Stillen etwas total Unnatürliches ist. Vor allem, weil meine Frau sie vor ein paar Jahren selber noch gestillt hat.
Ja, wo kommen wir da hin? Vielleicht zu einem finalen Showdown zwischen stillenden Müttern und maulenden Vätern. Und Sie wären der mauligste und würden es den Mutterhorden ein für alle mal zeigen. Und vor lauter Dankbarkeit würde der Fast-Food-Ketten-Besitzer am Ende vor jedem Restaurant eine Bronzestatue von Ihnen aufstellen.
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Eine Sekunde. Ich versuche mal eben, mich in die Frau hineinzuversetzen. Okay, ich würde sie wohl doch nicht so vor meiner Familie und den anderen Gästen bloßstellen. Es muss schon Überwindung kosten, an einem so überfüllten Ort eine so intime Sache zu machen. Außerdem möchte ich meinen Kindern nicht vorleben, dass Stillen etwas total Unnatürliches ist. Vor allem, weil meine Frau sie vor ein paar Jahren selber noch gestillt hat.
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Anna Holzamer, 26, Bernbeuren

"Ich habe sogar in der Vorlesung gestillt"

"Ich habe Soziale Arbeit studiert und meine Tochter häufig mit in die Fachhochschule genommen und sie während der Seminare und Vorlesungen gestillt. Damit hatte niemand ein Problem - im Gegenteil. Als meine Tochter sich einmal nicht mehr beruhigen ließ, trug der Dozent sie für den Rest der Vorlesung auf dem Arm spazieren. Dort schlief sie ein."

Wie hätten Sie reagiert?
Wie der Professor. Auch junge Mütter müssen eine Chance auf Bildung haben, und vermutlich hatte die Frau gute Gründe, ihr Kind mit in die Vorlesung zu bringen.
Kinder gehören nicht in eine Vorlesung. Und ich finde, es ist eine unverantwortliche Ablenkung der Studierenden, wenn der Dozent beim Lehren ein Baby herumschleppt - oder so ein Säugling in den Vortrag schreit und schmatzt.
Das gibt 'nen Schein als guter Kommilitone.
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Bonusfrage! Sie wollen wirklich alle studierenden Mütter mit Baby im Schlepptau aus Vorlesungen und Seminaren verbannen?
Klar, Mütter gehören nicht an die Uni, wo sie die anderen mit ihren privaten Problemen stören, sondern in den Haushalt zu ihren Kindern.
Wenn ich's mir recht überlege, ist es eigentlich sogar erstaunlich, dass eine junge Mutter neben durchwachten Nächten und der anstrengenden Babypflege auch noch die Lust, das Interesse und die Kraft aufbringt, ihr Studium fortzusetzen. Respekt!
Entschuldigen Sie, dass wir mit dieser Frage Ihre Zeit gestohlen haben. Frauen gehören Ihrer Meinung nach vermutlich eh nicht an die Uni. Oder gibt's da auch Kochkurse?
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Respekt!
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Christin R., 24, Hamburg

"Niemand bot mir einen Sitzplatz an"

"Es war schon spät. Nach einem Ausflug mit meiner vier Monate alten Tochter hatten wir eine Bahn verpasst und damit auch einen Anschluss-Bus. Wir hatten es noch weit bis nach Hause, und sie hatte Hunger. Eigentlich stille ich nicht gern in der Öffentlichkeit, doch weil meine Tochter nicht mehr zu beruhigen war, band ich mir schließlich ein Tuch um und stillte sie im Stehen an der Haltstelle. Der Bus kam, aber meine Tochter war noch nicht fertig. Es war die letzte Möglichkeit, nach Hause zu kommen. Also stiegen wir in den vollen Bus: Ich hielt die Kleine mit einem Arm während sie trank, mit der freien Hand hielt ich mich fest. Niemand bot einen Sitzplatz an. Viele gafften nur. Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt. Seitdem stille ich am liebsten zu Hause."

Wie hätten Sie reagiert?
Ich hätte der Mutter meinen Sitzplatz angeboten oder sie gefragt, ob ich ihr bei der Organisation eines Sitzplatzes zur Seite stehen kann.
Stillen im Bus ist ein Unding. Im Sitzen wie im Stehen. Und warum ist diese Mutter überhaupt noch so spät mit ihrem Baby unterwegs? Ich biete ihr natürlich keinen Sitzplatz an. Nur so wird sie ihre Lektion lernen und sich das nächste Mal genau überlegen, ob sie sich mit ihrem Kind die Nächte um die Ohren schlägt.
1, setzen!
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Bonusfrage! Sie würden die stillende, erschöpfte Mutter wirklich im Bus stehenlassen, um ihr eine Lektion zu erteilen?
Nein, okay. Auch wenn ich grundsätzlich gegen das Stillen in der Öffentlichkeit bin, kann ich mir vorstellen, dass hier eine kleine Notsituation vorliegt. Warum sollte eine so erschöpfte Mutter sonst eine so späte Busfahrt auf sich nehmen?
Klar. So ein Doppelvergehen - spätnachts mit Baby unterwegs und öffentliches Stillen - muss geahndet werden.
Um Sie zu schockieren. Nein? Stimmt. Sehr gut!
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Vielleicht sollten Sie sich einen Abreißblock mit Denkzetteln zulegen. Oder lieber gleich 'ne ganze Kiste. Bei Ihrem todsicheren Gespür für richtig und falsch.
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Jennifer Hopp, 20, Flensburg

"Die Milch spritzte über den ganzen Cafétisch"

"Ich war mit meiner viereinhalb Monate alten Tochter Alexis im Eiscafé. Sie hatte Hunger und schrie, wollte aber nicht im Tragetuch gestillt werden. Also nahm ich sie aus dem Tuch und setzte mich in eine ruhige Ecke. Leider erregten wir damit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, einige kamen uns unangenehm nahe und gafften richtig. Alexis war davon so irritiert, dass sie die Brust aus dem Mund fallen ließ. Peinlicherweise setzte genau in dem Moment der Milchspendereflex ein - und die Muttermilch spritzte über den ganzen Cafétisch. Die Leuten rissen die Augen auf und machten bescheuerte Kommentare. Seitdem versuche ich, nur noch an wirklich ruhigen Orten zu stillen."

Wie hätten Sie reagiert?
Ich hätte gar nicht erst so gegafft. Und wenn ich an einem Tisch in der Nähe gewesen wäre, hätte ich der Frau geholfen. Mit ein paar Servietten und einem Lächeln.
Ich hätte natürlich rübergestarrt. Wer in der Öffentlichkeit stillt, muss damit rechnen. Und wenn dann noch sowas passiert, hätte ich selbstverständlich auch was gesagt. Ist ja wieder einmal bewiesen, warum man Kinder besser zu Hause stillt.
Bestimmt lächelt die Mutter da zurück.
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Bonusfrage! Sie hätten die Frau wirklich erst angestarrt und dann noch einen Kommentar losgelassen, wenn Kind und Mutter durch ihr Verhalten verunsichert wurden?
Na gut, eigentlich nicht. Ich sehe es einfach nicht gern, wenn in der Öffentlichkeit gestillt wird. Deshalb guck ich bei sowas eher weg als hin. Und wenn dann auch noch etwas passiert, das ihr peinlich ist, tut mir die Frau schon leid.
Logo. Nur wenn das Schlimmstmögliche passiert, lernen die doch, dass Säuglingsmahlzeiten nicht an den Esstisch eines Cafés gehören.
Manchmal ist weggucken einfach eine saubere Sache.
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Erziehungstipp: Warten Sie, bis die Frau zum Klo muss. Dann können Sie ihr auch noch Salz in den Zuckerstreuer schmuggeln.
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