Streuner in der Ukraine Das Elend der Straßenhunde

Die Massentötung von Straßenhunden bescherte der Ukraine vor der Fußball-EM schlechte Schlagzeilen. Internationaler Druck half dem Tierschutz, viele Städte setzen heute auf Kastration. In der zweitgrößten Metropole des Landes ist die Lage aber weiterhin verheerend.

Stephan Klein/ ace media tv

Von Simone Utler


Hamburg - Die Tierschützer kommen im apfelgrünen oder weißen Rettungswagen. "Mobile Animal Clinic" steht auf den Fahrzeugen, mit denen die Mitarbeiter von Vier Pfoten durch Kiew fahren. Sie sind auf der Suche nach Straßenhunden. Die Tierschützer haben Blasrohre mit Pfeilen dabei, wenn sie einen Streuner finden, betäuben sie ihn und bringen ihn in eine Tierklinik. Zur Kastration.

Die Ukraine setzte lange Zeit auf staatlich organisierte Massentötungen von Straßenhunden, meist durchgeführt von privaten Hundejägern. Grausame Bilder von getöteten Tieren bescherten dem Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft ein Imageproblem, Tierschützer liefen Sturm. In Folge der internationalen Proteste verhängte die Regierung schließlich ein Tötungsverbot und kündigte harte Strafen für Tierquäler an. Das Umweltministerium wurde angewiesen, einen nationalen Aktionsplan auszuarbeiten, um des Problems der unkontrollierten Vermehrung der Hunde Herr zu werden.

Drei Monate nach der EM setzen mehrere Städte auf Kastrationsmaßnahmen, wie ein WDR-Bericht zeigt, der am Sonntagabend ausgestrahlt wird. "Die Ukraine ist insgesamt auf einem guten Weg", sagt Amir Khalil von der Hilfsorganisation Vier Pfoten. Das sei der Tatsache zu verdanken, dass das Land zur EM in den internationalen Fokus gerückt sei. "Der Druck aus dem Ausland, besonders aus Deutschland, hat dem Tierschutz Aufmerksamkeit gebracht."

Herrenlose Hunde sind in der Ukraine wie in der gesamten Ex-Sowjetrepublik ein alltägliches Problem. In Rudeln lungern sie an Märkten, Mülldeponien und Industriegeländen herum, immer wieder berichten Medien über Angriffe auf Passanten, es besteht Tollwutgefahr. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, die Schätzungen gehen extrem auseinander.

TV-Spots und Werbeplakate

Vor allem in der Hauptstadt hat sich die Situation in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Vor der EM habe es "eine Welle von Vergiftungen" gegeben, räumt ein Vertreter der Stadt ein. Doch noch vor der Landesregierung ließen sich die Oberen der Hauptstadt von Tierschützern überzeugen, dass Kastrationen der bessere Weg sind. "Zusammen mit dem Deutschen Tierschutzbund haben wir entschieden, so ein Programm in Kiew einzuführen", sagte Gennadij Davydov, der Leiter für Ökologie von Kiew, dem WDR. Ein Kamerateam des Senders reiste für eine Reportage über die Situation von Straßenhunden mehrere Tage durch das Land.

Allein Vier Pfoten hat in Kiew seit diesem April knapp 6100 Hunde kastriert, gekennzeichnet, geimpft, behandelt und wieder freigelassen. Die Organisation arbeitet bisher mit insgesamt fünf Städten zusammen, die sechste hat gerade einen Vertrag unterschrieben.

Zur Aufklärung der Bevölkerung wurde eine Medienkampagne gestartet. Im Fernsehen laufen Spots, in denen der Deutsche Tierschutzbund auf die Bedeutung der Kastration hinweist. Dabei geht es auch um unkastrierte Hunde aus Privathaushalten, die den Aktivisten zufolge stark zur Vermehrung der Straßentiere beitragen. Zudem wurden in Kiew an zahlreichen Orten Plakate mit den Kontaktdaten der Anlaufstellen für interessierte Bürger aufgehängt.

Der Deutsche Tierschutzbund engagiert sich bereits seit zwölf Jahren in Odessa. Mehr als 32.000 Hunde und rund 5000 Katzen wurden dort seit 2005 behandelt. "Viele Tiere konnten nach der Kastration an neue Halter vermittelt werden", sagt Projektkoordinator Wolfgang Apel. Die Zahl der Straßenhunde in Odessa sei Schätzungen zufolge um 50 Prozent zurückgegangen.

Vor dem Engagement des Deutschen Tierschutzbundes seien in Odessa pro Woche circa 200 Straßenhunde von der Straße eingesammelt und in einer sogenannten Budka in Containern durch Gaszufuhr getötet worden. "Noch im Jahr 2000 waren es nach den Aufzeichnungen der dortigen Budka mehr als 10.000 Tiere jährlich", so Apel. "Mit Beginn unserer Arbeit wurde diese Praxis umgehend beendet."

"Noch immer Hundetötungen in Charkow"

Verheerend scheint die Situation nach wie vor in Charkow zu sein. Die Straßen der zweitgrößten ukrainischen Stadt sind in Schuss, die Häuserfassaden sind frisch gestrichen. Stadt und Staat ließen sich die Vorbereitung der EM einiges kosten. Die Straßen von Charkow sind adrett - von Straßenhunden keine Spur.

"In Charkow werden immer noch Hunde eingeschläfert und getötet", sagt Tierschützer Khalil. Die Stadtverwaltung räume dies sogar ein und beziffere die Zahl der getöteten Hunde für die Jahre 2010 und 2011 auf insgesamt 15.000.

Das Team des WDR besuchte für seinen Bericht ein Tierheim, das erst im Juni eröffnet wurde und gern von der Stadt präsentiert wird. Hier sind Hunde untergebracht, die auf der Straße gefunden wurden und offiziellen Angaben zufolge vermittelt werden sollen. Doch auf Nachfrage räumt die Leiterin des Tierheims ein, dass durchaus Tiere getötet werden. "Die Straßenhunde sind wild und aggressiv. Deshalb gibt uns der Staat sieben Tage, bis sich ein Halter meldet, und wenn bis dahin keiner kommt, um den Hund abzuholen, schläfern wir ihn ein", sagte Tierheimleiterin Julia Shapowalow dem WDR.

Die ukrainische Bevölkerung ist in weiten Teilen sehr tierfreundlich. So mancher Bürger füttert streunende Hunde oder gewährt ihnen bei Kälte Unterschlupf. Das führt manchmal sogar dazu, dass die Tierschützer von Vier Pfoten anfänglich auf Widerstand stoßen, wenn sie mit ihren Rettungswagen ankommen. "Die Menschen denken im ersten Moment, das seien Hundejäger, die die Tiere mitnehmen, um sie zu töten", erklärt TV-Journalistin Kati Kolbe. Dann müssten die Tierschützer auch schon mal eine kleine Diskussion führen, um zu belegen, dass sie die Guten sind und keine Hunde töten.


"Tierschutz in der Ukraine nach der EM", ein Spezial der Reihe "Tiere suchen ein Zuhause", WDR, Sonntag, 18.15 Uhr



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
no-panic 23.09.2012
1.
Ein Problem, das sich auch in Deutschland ausbreiten wird, wenn die Altersarmut zunimmt. Viele Menschen werden ihre Lieblinge nicht mehr ernähren können, spätestens ein etwas teurerer Arztbesuch führt dann zur "Auswilderung". Die Tierheime in Deutschland sind jetzt schon am Rande der Möglichkeiten angekommen, besonders zu Beginn des Sommers quellen die Einrichtungen über von Katzenwelpen, aber auch junge Hunde werden jedes Jahr dort abgegeben. Viele Menschen sparen sich die Sterilisation/Kastration und denken dabei nicht an den zu erwartenden Nachwuchs. Hinzu kommt, daß immer mehr Menschen finanziell sehr schlecht gestellt sind. Helfen kann letztlich nur ein "Haustier Register", in dem jeder Hund und jede Katze vermerkt werden und mittels Chip identifizierbar und zuordbar gespeichert werden. Dies kostet aber Geld. Letztlich wäre es aber billiger als nachträgliche Maßnahmen, wie zB einfangen und kastrieren.
Quidam38 23.09.2012
2. Streuner in der Ukraine
In Deutschland gibt es wohl keine streunenden Hunde und Katzen ?
outsider-realist 23.09.2012
3. Na...
dann wollen wir mal hoffen, das die positiven Veränderungen nachhaltig sind und diejenigen Foristen, die die Tötungen als wirksames Mittel stets verteidigt haben ihre Meinung überdenken. Mein Respekt und Dank gilt den Tierschützern vor Ort, die ihre Zeit und Kraft dieser guten Sache einsetzen (auch wenn sie aufgrund ihres Engegement oftmals angefeindet werden). Meine nächste Spende ist euch sicher...... :-)
outsider-realist 23.09.2012
4. Na...
dann wollen wir mal hoffen, das die positiven Veränderungen nachhaltig sind und diejenigen Foristen, die die Tötungen als wirksames Mittel stets verteidigt haben ihre Meinung überdenken. Mein Respekt und Dank gilt den Tierschützern vor Ort, die ihre Zeit und Kraft dieser guten Sache einsetzen (auch wenn sie aufgrund ihres Engegement oftmals angefeindet werden). Meine nächste Spende ist euch sicher...... :-)
Treborsson 23.09.2012
5. Tierschützer
bilden sich ja ein die besseren Tierliebhaber zu sein. Und damit der Umwelt, der Natur, dem Leben ganz allgemein und dem lieben Gott einen Gefallen zu tun. Sollen sie. Der Aufwand, z.B. ein Tier aus dem Ausland zu holen und zu glauben hier würde es glücklich, ist nichts anderes als einen Ablass zu zahlen. Glauben diese Leute ernsthaft, ein hier in Tierheimen vor sich hin lebendes Geschöpf wäre besser dran als eins im Ausland? Das Geld also den im Ausland arbeitenden Einrichtungen zu spenden, das allein wäre hilfreich. Wenn man aus deutschen Tierheimen einen Hund befreit, kommt man jedoch nicht in die Medien. Lohnt sich deshalb vor allem für VIP's nicht. Vor Jahren hat der damalige oberste deutsche Türschützer stolz seine Qualifikation bewiesen. Im Fernsehen verkündete er, dass er nicht mal eine Mausefalle verwende. Was denn? Ich habe eine Katze. So. So sieht aktiver Tierschutz aus. Von Tierliebe erst gar nicht zu reden. Weder die Moderatorin noch ein Teilnehmer der tierliebenden Runde wagte etwas dagegen zu sagen. Wußten sie, dass besagte Katze blind, taub, rheumatisch, ohne Krallen und zahnlos war? Der Chef der Tierschützer schien aber gesund zu sein. Und hochangesehen. Ja ja. Tierschutz.
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