Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hundeplage in Rumänien: Terror auf vier Pfoten

Von

Bukarest: Hunde, wollt ihr ewig leben? Fotos
AP

Der tödliche Angriff eines Hunderudels auf einen Vierjährigen in Bukarest hat Rumänien erschüttert. Rigoros will die Regierung jetzt gegen Straßenhunde vorgehen. Doch ein Gesetz, das systematische Einschläferungen erlaubt, ruft zornige Tierschützer auf den Plan.

Bukarest - Der kleine Ionut und sein älterer Bruder Andrei wollten spielen. Ihre Oma war mit den vier und sechs Jahre alten Jungen in einen Park des Bukarester Stadtviertels Tei gegangen. Nach einer Weile waren Ionut und Andrei aus dem Park herausgelaufen, sie wollten wohl auf einer nahe gelegenen Brachfläche weitertoben.

Die Großmutter saß derweil auf einer Parkbank, von dort aus sah sie nicht, wie ihre Enkel verschwanden. Als sie es bemerkte, war es zu spät. Andrei kam zu ihr gelaufen, die Hunde hatten ihm nur ins Bein gebissen. "Oma, die Hunde haben Ionut", sagte er.

Die Polizei fand den Vierjährigen später in einem Gebüsch. Er war halb zerfleischt. Hunderte von Bisswunden stellte ein Rechtsmediziner bei der Obduktion an Ionuts Körper fest, als Todesursache nannte er Verbluten durch äußere Wunden.

"Hunde haben die Städte Rumäniens erobert"

Der tödliche Angriff eines Rudels von Straßenhunden, der sich am Montag vergangener Woche in Bukarest abspielte, hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Problem gelenkt, mit dem Rumänien bereits seit Jahren zu kämpfen hat. Zu Tausenden stromern verwilderte Hunde durch die Städte; zunehmend werden sie zur Gefahr für den Menschen.

Mehrfach demonstrierten etwa in den vergangenen Tagen wütende Eltern in Bukarest für eine "Stadt ohne Straßenhunde". Ihr Motto: "Wir sind kein Hundefutter!" Der Tod des kleinen Ionut ist seit Tagen Thema Nummer eins in rumänischen Medien und in zahlreichen Internet-Diskussionsforen; laut einer aktuellen Meinungsumfrage plädieren drei Viertel der Bukarester dafür, die streunenden Tiere zu töten.

Die Empörung verwundert nicht. Mehrere hunderttausend Straßenhunde soll es insgesamt in rumänischen Städten und Gemeinden geben, auf etwa 65.000 schätzen Behörden ihre Zahl in Bukarest. Dort zählte das Anti-Tollwut-Zentrum am Institut für Infektionskrankheiten, Matei Bal, allein in diesem Jahr 10.000 Impfungen nach Hundebissen, in 2000 Fällen waren Kinder betroffen. Im vergangenen Jahr wurden 16.000 Hauptstädter gebissen, 3000 mehr als im Jahr davor. Der Publizist Iulian Leca konstatiert: "Die Straßenhunde haben längst die Städte Rumäniens erobert. Vor allem nachts sind sie es, die auf den Straßen die Macht haben, nicht die vom Staat bezahlten Ordnungshüter."

Gesetz für Einschläferungsaktionen verabschiedet

Fast umgehend zeigte die Empörung nach Ionuts Tod Wirkung: Nachdem Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu die Regierung aufgefordert hatte, schnell eine Regelung zum Einschläfern von Straßenhunden zu verabschieden, stimmten die Abgeordneten am Montag mit großer Mehrheit für ein entsprechendes Gesetz. Demzufolge können streunende Hunde getötet werden, wenn die Behörden sie nicht in einem Tierheim unterbringen können - und wenn sich nicht binnen 14 Tagen, nachdem sie eingefangen wurden, ein Besitzer findet.

Die Regelung löste einen Proteststurm bei Tierschützern aus. Ein Sprecher der rumänischen Organisation Vier Pfoten sprach etwa von einem "Steinzeitgesetz" und kündigte an, man wolle die Europäische Komission einschalten, um eine derartige "Massenvernichtung" zu verhindern. Zudem wollen Tierschützer Verfassungsklage erheben. Es wäre nicht das erste Mal: Bereits vor zwei Jahren hatte das rumänische Parlament ein ähnliches Gesetz verabschiedet. Nach entsprechenden Beschwerden wurde es im Januar 2012 wegen Formfehlern vom Verfassungsgericht gekippt.

Auch im Ausland erregen sich bereits zahlreiche Tierfreunde; vor allem in sozialen Netzwerken wütet der Protest gegen vermeintliche Massaker an unschuldigen Streunern. Zumindest bisher allerdings finden derlei Tötungsaktionen noch gar nicht statt: Der Direktor der staatlichen Bukarester Tierschutzbehörde ASPA, Razvan Bancescu, dementierte am Mittwoch entsprechende Vorwürfe. Seit dem Tod des kleinen Jungen sei nicht ein einziger Hund eingeschläfert worden.

Mischung aus Geldmangel und Behördenschlendrian

Mit oder ohne Gesetz - ohnehin ist es wenig wahrscheinlich, dass Rumänien sein Hundeproblem schnell lösen kann. Schuld daran ist auch eine Mischung aus Geldmangel und Behördenschlendrian: Es gibt kaum größere Tierheime, Städte und Gemeinden haben zu wenig Personal. Ganze zwölf Hundefänger beschäftigte Bukarest bisher, diese Woche wurde ihre Zahl eilig auf 44 erhöht.

Dabei gibt es nicht erst seit Ionuts Tod dringenden Handlungsbedarf. 2012 starb eine Rentnerin im nordrumänischen Sathmar nach einer Hundeattacke, zwei Monate später töteten streunende Hunde einen Sechsjährigen in einem ostrumänischen Dorf. Im Januar 2011 griffen Bukarester Straßenhunde die Angestellte einer Recycling-Firma an, drei Tage später starb sie an ihren schweren Verletzungen. Im Januar 2006 verblutete ein japanischer Geschäftsmann in Bukarest, nachdem ihn ein Hund in die Kniekehle gebissen und dabei eine Schlagader durchtrennt hatte.

Die streunenden Tiere sind eine der vielen schwierigen Hinterlassenschaften aus der Ceaucescu-Zeit. Im Zuge der forcierten Industrialisierung strömten unter der Herrschaft des Diktators Tausende vom Land in die Städte; ab den siebziger Jahren wurden zudem immer mehr alte Wohnhäuser abgerissen, um Platz für Plattenbauten zu schaffen. Viele der umgesiedelten Bewohner nahmen ihre Hofhunde aber nicht mit in die neuen Wohnungen, sondern ließen sie einfach auf der Straße, wo sie sich bald rasant vermehrten.

Während viele Rumänen nun ein radikales Tötungsprogramm befürworten, um das Problem zu lösen, plädieren Tierschützer wie jene von der Organisation Vier Pfoten für eine konsequente Sterilisierung: Die Tiere würden sich dann nicht weiter vermehren und könnten zudem weiter auf der Straße leben - denn sterilisiert seien nicht mehr aggressiv.

Einer der Hunde, die an dem tödlichen Angriff auf Ionut beteiligt waren, ist nach Behördenangaben inzwischen identifiziert: Ein Chip im Ohr machte es möglich. Demnach war das Tier sterilisiert - und Eigentum einer Bukarester Tierschutzorganisation. Der Verein namens Caleidoscop hatte den Hund 2008 adoptiert und wäre verpflichtet gewesen, ihn nicht mehr auszusetzen. Gegen Mitglieder der Organisation ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft wegen Mordes.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 238.391 km²

Bevölkerung: 22,279 Mio.

Hauptstadt: Bukarest

Staatsoberhaupt:
Klaus Johannis

Regierungschef: Dacian Ciolos

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Rumänien-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: