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Straßenhunde in Rumänien: Zur Empörung der Tierfreunde

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Straßenhunde in Rumänien: Vorwand für Massentötungen? Fotos
DPA

Ein Kind wurde in Rumänien von Hunden totgebissen. SPIEGEL ONLINE berichtete, Tierfreunde reagierten empört: Der Junge sei womöglich Opfer eines Pädophilen, der Fall würde als Vorwand für Massentötungen missbraucht. Doch die Quelle für diese Theorie ist eine düstere Figur, selbst Tierschützer winken ab.

Für einen vierjährigen Jungen in Bukarest endete die Begegnung mit Straßenhunden vor kurzem mit dem Tod. Es war nicht die einzige derartige Attacke mit Todesfolge der vergangenen Jahre, aber die erschütterndste.

Nach behördlichen Schätzungen leben etwa 65.000 Straßenhunde allein in Bukarest, jedes Jahr kommt es zu Tausenden Bissattacken, Tendenz steigend. Weil also das Thema Straßenhunde so viele Menschen in Rumänien betrifft, ist der Tod des vierjährigen Ionut am 2. September immer noch jeden Tag eines der Top-Themen in rumänischen Medien.

Auch SPIEGEL ONLINE berichtete über den Fall. Was folgte, war ein Proteststurm von Tierliebhabern und Tierschützern, die in E-Mails und in den sozialen Netzwerken ihren Unmut, ihre Wut kundtaten.

Der Vorwurf der Leser: Schlechte Recherche oder bewusste Irreführung. Tatsächlich würden in Rumänien derzeit regelrechte Massaker an Straßenhunden verübt. Und: Der kleine Ionut sei in Wirklichkeit von einem Pädophilen ermordet, seine Tötung durch Straßenhunde erfunden worden, ein willkommener Vorwand für Massentötungen von Hunden. Der obduzierende Arzt habe den Mord vertuscht und das offizielle Obduktionsergebnis - Verblutung infolge von zahlreichen Hundebissen - "unter Druck" verfasst.

Als Quelle dafür nennen viele Leser ein Interview des Bukarester Online-Nachrichtendiensts "dcnews" mit dem Europaparlamentarier Corneliu Vadim Tudor.

Hier die Übersetzung der Aussagen von Tudor: "Es scheint ein Fall von Kindesmord, von Pädophilie zu sein. Das Kind scheint, so erfuhr ich aus Geheimdienstquellen, vergewaltigt und dann den Hunden vorgeworfen worden zu sein. (...) Der Arzt, der die Autopsie am Rechtsmedizinischen Institut gemacht hat, ist Palästinenser. Er heißt Abdo Salem und hat keinen normalen rechtsmedizinischen Bericht geschrieben. Er sagte, er habe sich auf öffentlichen Druck hin beeilt. (...) Ich sage nicht, dass ich hundertprozentig Recht habe. Ich gebe nur wieder, was man in Geheimdienst- und anderen Kreisen redet."

Verbale Exzesse

Corneliu Vadim Tudor ist nicht einfach Europaparlamentarier, sondern eine der düstersten politischen Figuren, die im Osten Europas, vom Baltikum bis Bulgarien, nach 1989 ihren Aufstieg erlebten. Tudor war einst Hofdichter des Diktators Ceauescu, Hofschranze seiner Frau Elena und schon in den siebziger Jahren ein bekannter Antisemit, Ultranationalist und Rumänozentrist, der in der nationalistischen Securitate-Wochenzeitung "Saptamana" zahllose Hetzartikel veröffentlichte.

Nach 1990 gründete er die Zeitung "Großrumänien" und eine Partei gleichen Namens, deren Vorsitzender er bis Juli dieses Jahres war. Tudor ist ein notorischer Verherrlicher von Ceausescu und einer der Hauptinitiatoren des Kultes um Ion Antonescu, des profaschistischen rumänischen Diktators, der für die Ermordung von Hunderttausenden Juden verantwortlich war. Im Präsidentschaftswahlkampf 2000, als Tudor im ersten Wahlgang 25 Prozent der Stimmen erhielt, plädierte er für eine Wiedereinführung der Diktatur und öffentliche Massenerschießungen in Fußballstadien.

Es gibt kaum eine wüste Verleumdung und absurde Verschwörungstheorie, die Tudor nicht schon verbreitet hätte, und weil seine Tiraden meistens so obszön und zutiefst menschenfeindlich sind, nennen ihn viele in Rumänien - mit vertauschten Buchstaben seiner Vornamen - "WC Tudor". Als Chef der Großrumänien-Partei wurde Tudor im Juli dieses Jahres abgesetzt, selbst seine Parteigenossen hatten seine verbalen Exzesse satt.

"Vier Pfoten" weiß nichts von Massentötungen

Wenig überraschend also, dass ernstzunehmende rumänische Medien den abstrusen Äußerungen Tudors zum Fall Ionut keine Aufmerksamkeit schenken. Und der Nachrichtendienst "dcnews" zählt nicht zur Kategorie der seriösen Medien: Mehrere Journalisten, die zu den Machern von "dcnews" gehören, waren in Korruptionsaffären verstrickt, darunter der "Senior Editor" Bogdan Chirieac, der 2007 aus der Redaktion der einflussreichen Zeitung "Gandul" ausscheiden musste. Der Grund: Er hatte unter anderem in Leitartikeln versteckt eigene Geschäftsinteressen vertreten und im Millionengeschäft um technische Ausrüstungen an der EU-Außengrenze Konkurrenzfirmen attackiert.

Was sagen rumänische Tierschützer zum Fall Ionut? Bei der Bukarester Filiale von "Vier Pfoten", der rumänienweit bekanntesten und maßgeblichsten Tierschutzorganisation, scheint man von Tudors Äußerungen peinlich berührt und will sie nicht kommentieren. Man beteilige sich nicht an Spekulationen, die Rekonstruktion des Falles überlasse man den dafür verantwortlichen und kompetenten Behörden, sagt die "Vier Pfoten"-Sprecherin Livia Cimpoieru SPIEGEL ONLINE.

Von Massakern an Hunden ist der Tierschutzorganisation nichts bekannt. Es gebe derzeit keine glaubwürdigen Hinweise dafür, dass Hunde in staatlichen Tierheimen eingeschläfert oder auf andere Weise getötet würden, so Cimpoieru. Es gebe allerdings einzelne Fälle von Hundetötungen durch Privatleute, diese Fälle dokumentiere man. Ihre Zahl schätzt Cimpoieru landesweit auf einige Dutzend seit dem Tod des kleinen Ionut.

Und was sagt der von Tudor angegriffene Arzt? Salem Abdo arbeitet seit 29 Jahren als Rechtsmediziner und gilt als eine der Koryphäen am Bukarester Nationalen Institut für Rechtsmedizin. Nach akribischer Untersuchung der Leiche des kleinen Ionut gebe es an der Todesursache keinen Zweifel, sagt Abdo SPIEGEL ONLINE. Sein gesamter Körper sei mit Bisswunden übersät gewesen.

Die Äußerungen von Tudor möchte der Rechtsmediziner nicht kommentieren. "Auf so ein niedriges Niveau", sagt Salem Abdo, "begebe ich mich nicht."

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Fläche: 238.391 km²

Bevölkerung: 22,279 Mio.

Hauptstadt: Bukarest

Staatsoberhaupt:
Klaus Johannis

Regierungschef: Dacian Ciolos

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