Streit über Coffee-Shops Der Letzte macht den Joint aus

Als Königreich für Kiffer gelten die Niederlande, doch nun wird hart um die Zukunft der legendären Coffee-Shops gerungen. Mancher fürchtet um das liberale Image des Landes, der Europäische Gerichtshof ist eingeschaltet - und könnte ein wegweisendes Urteil sprechen.

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Maastricht - Rob leert die Aschenbecher, tritt zurück hinter die Theke, poliert Gläser und hält sie prüfend gegen das Licht. "Die Lage ist schwierig", sagt er. "Die Regeln sind in den vergangenen Jahren immer strenger geworden."

Rob betreibt im niederländischen Maastricht einen Coffee-Shop und heißt eigentlich Jo Koopmans, doch unter dem Namen kennt ihn dort keiner. Wer bei ihm oder in einem anderen Coffee-Shop der Stadt einkauft, muss heute seinen Ausweis vorlegen. Eine Kopie davon wird 48 Stunden lang digital gespeichert. "Aber das ist wohl noch nicht genug", schimpft Rob und redet sich in Rage. Die Politik habe einen Sündenbock für andere Probleme gefunden und drehe den Coffee-Shops langsam die Luft ab. "Einige Kollegen haben schon ihre Läden aufgegeben."

Tatsächlich bangen viele niederländische Kiffstuben-Betreiber wegen immer schärferer Auflagen und Gesetze um ihre Existenz. Ein Streit ist entbrannt, der im ganzen Land geführt wird. Vordergründig geht es um die Zukunft der Drogenkneipen - doch viele Bürger stellen noch andere Fragen: In welche Richtung steuert das Land? Wie liberal sind die Niederlande noch? Es geht um eine Identitätsfrage. Bisher galten die Niederlande als tolerant, weltoffen, liberal. Coffee-Shops sind dafür zum Symbol geworden.

"Starker Rückgang"

680 der Läden gibt es derzeit im Königreich - 2001 waren es noch 1700. "Der starke Rückgang liegt vor allem an den immer größeren Einschränkungen", sagt Marc Josemans, der Vorsitzende des Coffee-Shop-Verbandes LOC. Er kämpft vor Gericht gegen die "Law-and-Order-Politik" und für ein Recht auf Rausch.

In Maastricht, der Stadt im Dreiländereck, hat sich die Kiffstuben-Kontroverse entzündet. Auf insgesamt rund 140 Millionen Euro wird der Jahresumsatz der örtlichen Drogenkneipen geschätzt. Direkt und indirekt hängen laut LOC rund 1900 Vollzeitjobs von ihnen ab. Das sind die positiven Seiten - die negativen sind aus Sicht vieler Bürger zum Beispiel die Drogentouristen, die jeden Tag nach Maastricht strömen. Mehr als 2,1 Millionen Kunden sind es jährlich. Viele machen Radau in der Innenstadt und legen den Verkehr lahm. Immer wieder kommt es zu Pöbeleien, Diebstählen und Ärger mit den Anwohnern.

Die Stadtverwaltung hat inzwischen ein Drogenkaufverbot für Ausländer erlassen. Cannabis-Produkte gibt es nur noch für Niederländer. Denn die zugedröhnten Besucher "stellen eine Gefährdung für alle dar", sagt Petro Hermans, Berater des Bürgermeisters und Projektleiter in Maastricht. "Das Verbot ist die einzige Möglichkeit, dem ausufernden Drogentourismus zu begegnen." Auch die neue konservative Regierung will den Zugang beschränken: auf registrierte Kunden, die in den Niederlanden wohnen.

Cannabis-Lobbyist Josemans ist anderer Meinung. "Das Verbot verletzt grundlegende Gesetze", sagt er. Es diskriminiere Ausländer, verstoße gegen die Handels- und Dienstleistungsfreiheit in der EU und gegen das niederländische Grundgesetz.

Durch mehrere Instanzen hat er sich geklagt. Das höchste Gericht der Niederlande hat den Fall mittlerweile an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg abgegeben. Dieser wird demnächst in der Sache entscheiden.

Bürgermeisterberater Hermans verteidigt die Regelung und sagt, Betäubungsmittel fielen nicht unter die Handelsfreiheit. Der Drogentourismus verschleiere vielmehr den internationalen Drogenhandel und fördere Kriminalität. Außerdem betreffe das Verbot nicht die Nationalität, sondern den Wohnsitz: "Ein Ausländer ohne holländischen Pass, der aber in den Niederlanden wohnt, darf weiterhin in Coffee-Shops einkaufen."

3,3 Millionen Euro für den Kampf gegen Kiffer

Das ganze Land erwartet die Ansage der EU-Richter gespannt, denn gerade für Liberale geht es letztlich um größere Fragen. Dass in Amsterdam das berühmte Rotlichtviertel mehr und mehr zurückgedrängt wird, dass das als "Kraken" bekannte Besetzen leerstehender Häuser erst kürzlich verboten wurde - all das betrachten viele Niederländer schon mit Argwohn. Karel Berkhout schreibt in der Tageszeitung "NRC Next", ein Trend zur "Law and Order"-Politik sei nicht zu übersehen. Dazu kommt ein Tabak-Rauchverbot in Restaurants, Kneipen, Cafés und auch Coffee-Shops, das seit 2008 gilt. Außerdem dürfen Drogenkneipen nur 250 Meter von Schulen entfernt eröffnen, die neue konservative Regierung plant eine Ausweitung auf 350 Meter - "dann müsste wohl die Hälfte der Läden dicht machen", sagt Josemans.

"Liberalität hört dort auf, wo die Sicherheit gefährdet ist", sagt dagegen Petro Hermans von der Stadt Maastricht. Die Regelungen hätten nichts mit einer geänderten Grundeinstellung der Niederlande zu tun, sondern seien ausschließlich den Umständen geschuldet. Und Maastricht führe ja nicht einmal die strengsten Regelungen ein.

Entscheidungen über Coffee-Shops trifft tatsächlich jede Gemeinde eigenständig. Doch die Regierung in Den Haag unterstützt die Anti-Kiff-Maßnahmen in diesem Jahr mit 3,3 Millionen Euro. In Eindhoven soll ein Passsystem eingeführt werden, das nur noch registrierten Kunden den Kauf erlaubt. Die Stadt Heerlen will mehr Sicherheitskräfte einstellen. Manche Gemeinden haben Drogenkneipen ganz verboten. In anderen wiederum dürfen gar keine Cannabis-Produkte mehr verkauft werden, zum Beispiel in den Grenzstädten Bergen op Zoom und Roosendaal. In Leeuwarden will die Stadtverwaltung bestimmte Produkte verbieten, deren Wirksamkeit - vergleichbar mit dem Alkoholgehalt von Getränken - über einem bestimmten Wert liegen.

Rob versteht die Aufregung nicht. Ein paar Jugendliche mischen sich ein. Ohne die Kiff-Cafés fehle Maastricht etwas, sagen sie. "Sie gehören schließlich zu Holland."



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insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
johndoe2 19.11.2010
1.
Wenn sie es tatsächlich verbieten, wird sich das schlagartigst beim Tourismus bemerkbar machen - gerade das Kiffen zieht doch neben dem Rotlicht bestimmt allein nach Amsterdam jedes Jahr Hunderttausende.
kdshp 19.11.2010
2.
Zitat von sysopAls Königreich für Kiffer gelten die Niederlande, doch nun wird hart*über die Zukunft der legendären Coffee-Shops gerungen. Mancher fürchtet um das liberale Image des Landes, der Europäische Gerichtshof ist eingeschaltet - und könnte ein wegweisendes Urteil sprechen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,729809,00.html
Hallo, ja sorry es war abzusehen das NL nicht mer so liberal bleibt und das nicht nur bei den Coffee-Shops. Gerade als deutscher bekomem ich das zu spüren und ich fühle mich in NL nicht mehr wohl. Für mich macht NL riesige schritte zurück was man auch an den wahlen erkennen kann wo die rechten mehr stimmen bekommen haben.
gracie 19.11.2010
3. Gutmenschen im Vormarsch
was für ein leben dass sehr bald sein wird in dieser cleanen,sterilen, perfekten, bigotten gutmeschenwelt. Beurk, bin ich froh über 40 zu sein, ich wäre heute nicht gern 20 jahre alt. ich würde an den ganzen vorschriften und an langeweile ersticken und sterben
nichtwaehler_007 19.11.2010
4. Schade drum
Angewiesen ist man hierzulande auf die Holländer eh schon lange nicht mehr. Seit vielen Jahren schon wird auch in der BRD hervorragendes Gras angebaut. Allerdings wäre es schon schade, würden die Coffeeshops in den Niederlanden verschwinden. Gehören irgendwie dazu. Bezeichnend ist mal wieder die Wortwahl im Artikel. Die harte Droge Alkohol, in der Größenordnung von Millionen Litern etwa auf dem Oktoberfest gedealt, würde nie als das bezeichnet werden, was sie ist: eben eine harte Droge. Hanf hingegen steht – wie seit etwa 60 Jahren üblich – mal wieder in der Schmuddelecke. Würden mehr Leute kiffen und weniger saufen, wären die Probleme weniger.
jerzick 19.11.2010
5. !
Zitat von sysopAls Königreich für Kiffer gelten die Niederlande, doch nun wird hart*über die Zukunft der legendären Coffee-Shops gerungen. Mancher fürchtet um das liberale Image des Landes, der Europäische Gerichtshof ist eingeschaltet - und könnte ein wegweisendes Urteil sprechen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,729809,00.html
Ich war nie in so einem Shop, aber mir gefiel die Vorstellung immer gut, dass so etwas möglich ist. Schade, dass das verschwindet. Und "zugedröhnt"… naja - selbst reichlich zugekifft ist der Mensch ja immer noch viel harmloser als jene im Vollsuff. THC wirkt einfach völlig anders, es gibt keinen Filmriss, keine Gewaltbereitschaft, keine Risikofreude - im Gegenteil. Natürlich gibt es wie immer Ausnahmen, aber die betreffen Menschen die auch nüchtern ein Problem darstellen bzw. haben. Schade, für mich war das ein Stück europäische Kultur!
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