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Streit über Holocaust-Leugner: Deutsche Bischöfe verstehen jüdische Kritik am Papst

Klare Worte von Robert Zollitsch: Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz zeigt sich "unglücklich" über Papst Benedikt XVI. Er verstehe den jüdischen Protest gegen die Rehabilitierung des umstrittenen Bischofs Williamson, sagte er - und forderte von ihm eine Entschuldigung.

München - Die Deutsche Bischofskonferenz versucht, das Verhältnis zwischen Katholiken und Juden in Deutschland wieder zu entspannen. Nach der Eskalation wegen der Wiederaufnahme von Richard Williamson in die katholische Kirche kündigte der Vorsitzende Robert Zollitsch an, sich für eine Deeskalation einzusetzen.

Erzbischof Zollitsch: "Wir müssen alles dafür tun, dass sich solche Äußerungen nicht wiederholen"
DDP

Erzbischof Zollitsch: "Wir müssen alles dafür tun, dass sich solche Äußerungen nicht wiederholen"

Der Freiburger Erzbischof zeigte sich betroffen wegen der Spannungen: "Ich bemühe mich, dass es schon bald zu einem Gespräch mit Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland kommt", sagte er vor einem schon länger geplanten Besuch der Mannheimer Synagoge. Er werde sich nach allen Kräften bemühen, die regelmäßigen Gesprächsmöglichkeiten mit dem Judentum in Deutschland fortzusetzen. Es könne und dürfe keine Wende rückwärts im Dialog der beiden Religionen geben.

Williamson hat unter anderem die Existenz der Gaskammern in der NS-Zeit geleugnet. Zollitsch sagte dazu, er sei "unglücklich", dass der Papst diese Äußerungen bei seiner Entscheidung nicht mit in Betracht gezogen habe. Es gebe keinen Zweifel daran, dass während des Nationalsozialismus Verbrechen am jüdischen Volk begangen worden seien. "Hier sind Menschen bewusst umgebracht worden - nur weil sie Juden waren." Zollitsch zeigte Verständnis für die scharfe Kritik jüdischer Organisationen an der päpstlichen Rehabilitierung des Bischofs Williamson: "Ich kann verstehen, dass unsere jüdischen Brüder betroffen sind."

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz verlangte eine Entschuldigung von Williamson, dessen Exkommunikation Papst Benedikt XVI. am Wochenende aufgehoben hatte: "Bischof Williamson muss die von ihm gemachten Aussagen zurücknehmen und sich entschuldigen." Seine Aussagen seien "sachlich falsch und unverantwortlich": "Wir müssen alles dafür tun, dass sich solche Äußerungen nicht wiederholen." Für Antisemitismus und die Leugnung des Holocausts gebe es in der katholischen Kirche keinen Platz. Die Kirche stehe unverbrüchlich zum Dialog mit dem Judentum. "Wir werden daran mit allen Kräften auch in Deutschland arbeiten", versicherte Zollitsch.

Zentralrat der Juden bricht Dialog ab

Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte am Donnerstag den Dialog mit der katholischen Kirche abgebrochen. Der "Badischen Zeitung" sagte sie: "Unter solchen Voraussetzungen wird es zwischen mir und der Kirche momentan sicher kein Gespräch geben, ich unterstreiche das Wort 'momentan'", sagte Knobloch zu der weltweit von breiter Kritik begleiteten Entscheidung des Papstes, Williamson und drei weitere traditionalistische Bischöfe wieder in die katholische Kirche aufzunehmen.

Zentralrats-Generalsekretär Kramer sagte der Nachrichtenagentur AP, die Auszeit im Dialog zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche drohe sich "zu einer Eiszeit" zu entwickeln. Mit dem Kurswechsel des Papstes hin zum Fundamentalismus werde ein jahrzehntelanges Aufbauwerk in Frage gestellt. "Sein Kurswechsel schließt eine geschwisterliche Koexistenz zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche im Grunde aus."

Kramer forderte Papst Benedikt XVI. am Donnerstag auf, seiner Äußerung vom Vortag jetzt Taten folgen zu lassen. Der Papst hatte nach der Kritik vor allem jüdischer Organisation an der Aufhebung der Exkommunikation am Mittwoch betont, er empfinde "volle und unstrittige Solidarität" mit den Juden. Der Mord an den Juden solle jedem Mahnung gegen das Vergessen und Leugnen sein.

Klärendes Gespräch mit dem Bundestagspräsidenten

Unterdessen haben Knobloch und Bundestagspräsident Norbert Lammert ein klärendes Gespräch vereinbart, wie der Zentralrat in München mitteilte. Hintergrund ist das Fernbleiben des Zentralrats der Juden bei der Holocaust-Gedenkfeier im Bundestag. Bei dem Treffen sollen für die Zukunft Einzelheiten zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar erörtert werden, vor allem im Hinblick auf die Zeitzeugen. Ein Gesprächstermin wurde nicht genannt.

Persönliche Befindlichkeiten hätten bei der Absage der Teilnahme am Holocaust-Gedenktag keine Rolle gespielt, bekräftigte Knobloch der Mitteilung zufolge in dem Telefonat mit Lammert. Es gehe in erster Linie darum, dass am Gedenktag gerade jene Menschen angesprochen würden, die den Nationalsozialismus überlebt hätten. "Jahrelang wurden die Überlebenden als Gäste in die zweite und dritte Reihe verwiesen und auch nicht als Zeitzeugen zu den Gesprächen mit den Schülern eingeladen, die zu diesem Thema anlässlich des Gedenktages in den Bundestags gekommen waren."

Lammert habe zur Kenntnis genommen, dass Knobloch über die Gesamtwirkung der Debatte um die Nichtteilnahme nicht glücklich sei, sagte ein Sprecher des Bundestages. Diese sei auch auf das Wirken von Zentralrats-Generalsekretär Kramer zurückzuführen gewesen. Kramer hatte Lammert vorgeworfen, die Unwahrheit über den Zeitpunkt gesagt zu haben, zu dem er von der Nichtteilnahme des Zentralrats erfahren hat.

hen/dpa/AFP/ddp

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