Vorwurf der Verharmlosung: Streit über Stalin-Porträt auf Schulheften

Stalin hat fraglos Geschichte geschrieben: Als Opponent Hitlers, aber auch als paranoider Tyrann, der die Sowjetunion zu einer mörderischen Diktatur schmiedete. Dass sein Konterfei nun wieder Schulhefte schmückt, sorgt für Empörung: Kritiker beklagen die Verharmlosung eines Massenmörders.

Josef Stalin: Für viele Kommunisten (hier eine Demonstration im Jahr 2005) ist der Diktator noch immer ein Held Zur Großansicht
AP

Josef Stalin: Für viele Kommunisten (hier eine Demonstration im Jahr 2005) ist der Diktator noch immer ein Held

Moskau - Wie kommt jemand darauf, ausgerechnet das Konterfei des Diktators Josef Dschugaschwili alias Stalin in Paradeuniform auf den Einband russischer Schulhefte zu drucken?

Für Swetlana Gannuschkina von der Menschenrechtsorganisation Memorial war Stalin ein Mörder von Millionen. Dass nun ein Verlag hingehe und das Konterfei dieses Unmenschen auf Hefte für Kinder drucke, bezeichnete sie am Samstag im Radiosender Moskauer Echo als "Schändung unserer Geschichte" und Beleidigung der zahlreichen Stalin-Opfer. Initiativen wie die des Verlags, bei dem die Hefte erschienen, zeugten von der Weigerung Russlands, sich kritisch mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, sagte Gannuschkina.

Sie steht nicht allein mit ihrer Kritik. "Schulen sind kein Ort für politische Propaganda", sagte der Menschenrechtsbeauftragte des Kreml, Michail Fedotow, nach Angaben der Agentur Itar-Tass. "Das ist so unzulässig wie ein Hakenkreuz", sekundierte auch der Duma-Abgeordnete Sergej Wolkow am Sonntag in Moskau. Stalin ist vor allem für die Kommunisten nach wie vor eine Symbolfigur: Für sie steht er stellvertretend für eine Zeit sowjetischer Macht und Größe.

Darf man einen Tyrannen kommentarlos würdigen?

Dimitrij Krasnikow vom Verlag Alt will die Empörung über das Stalin-Heft nicht verstehen. Stalins Bild sei nur eines in der Reihe "Große Namen der russischen Geschichte". Andere Schulhefteinbände des Verlags zierten Bilder des Komponisten Sergej Rachmaninow oder von Zarin Katharina II. Krasnikow: "Stalins Rolle lässt sich nicht ignorieren. Über ihn lässt sich diskutieren, er kann kritisiert werden, aber er hat existiert, das ist die Geschichte Russlands, die die Kinder in der Schule lernen."

Stalin, der die Sowjetunion drei Jahrzehnte lang mit stählerner Hand regierte, ist in Russland bis heute eine zutiefst umstrittene Figur. Die einen sehen sein Verdienst, als Opponent Hitlers die Rote Armee zum Sieg über Deutschlands faschistische Diktatur geführt zu haben. Die anderen sehen in dem Georgier einen skrupellosen Tyrannen, der die Sowjetunion selbst zu einer Diktatur gemacht habe. Sogar seine Anhänger räumen ein, dass er Millionen Menschen in die gefürchteten Gulags und damit in den Tod schickte. Seine Statuen zu stürzen, gehörte zu den symbolträchtigen Akten, als sich 1991 die Sowjetunion auflöste.

In den letzten Jahren beobachten Menschenrechtler eine zunehmende Verharmlosung Stalins, eine Romantisierung der historischen Figur - und das, obwohl die Aufarbeitung der Stalinzeit nach wie vor immer neue Gräueltaten zutage fördert. Zuletzt fand man im Juni 2010 bei Straßenbauarbeiten in der Nähe von Wladiwostok die Überreste von rund 300 Menschen, die von Stalin-Schergen ermordet und in einem nicht gekennzeichneten Massengrab verscharrt worden waren.

pat/AFP/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Josef Stalin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Josef Stalin im SPIEGEL