Stuttgart - Es war eine sehr symbolische Geste und ein erneuter Appell an die baden-württembergische Landesregierung, ihr umstrittenes Bahnhofs-Milliardenprojekt zu stoppen: Unter dem Motto "Wir reichen euch die Hand zum Ausstieg aus Stuttgart 21" bildeten mehrere zehntausend Demonstranten eine Menschenkette - zwischen den Parteizentralen der CDU und der SPD. Quasi eine Brücke zwischen den Projektgegnern und den zwei wichtigen Befürwortern von "Stuttgart 21", wie die Organisatoren im Vorfeld erklärt hatten.
Laut Polizei kamen 35.000 Teilnehmer zu dem Straßenprotest, die Veranstalter zählten gar 69.100. Alles sei "friedlich" verlaufen, sagte eine Polizeisprecherin.
SPD-Landeschef Nils Schmid forderte zu Beginn einen Baustopp für das umstrittene Bahnhofsprojekt, um einen Volksentscheid zu ermöglichen. "Ich werde dafür streiten, dass die Menschen in Baden-Württemberg darüber bestimmen", sagte er. Die SPD hatte am Mittwoch die Landesregierung aufgefordert, mit einem Gesetzentwurf über den Ausstieg aus dem Projekt einen Volksentscheid zu ermöglichen.
Unter Pfiffen bekräftigte Schmid jedoch am Freitag, dass die SPD nach wie vor für das Vorhaben sei. Aber: "Wer gute Argumente hat, der braucht sich nicht zu verstecken und der kann sich auch einer Volkabstimmung stellen", sagte Schmid an Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Justizminister Ulrich Goll (FDP) gerichtet, der eine juristische Prüfung des SPD-Vorschlags im Gegensatz zu Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) abgelehnt hatte.
Falls die Landesregierung einen Volksentscheid ablehne, werde seine Partei die Bürgerbeteiligung durchsetzen, versprach Schmid. Dafür muss es die SPD jedoch zunächst mal in die Regierung schaffen. Derzeit stehen die Chancen gut: Laut einer Umfrage kommen die Grünen auf 27 Prozent, die Sozialdemokraten auf 21 Prozent - eine grün-rote Koalition wäre also möglich.
Notfalls mit Verfassungsänderung
Der SPD-Fraktionschef im Landtag, Claus Schmiedel, hatte zuvor den "Stuttgarter Nachrichten" gesagt, für einen Volksentscheid werde man notfalls die Landesverfassung ändern. "Wenn es keinen anderen Weg gibt, wäre auch das eine Möglichkeit."
Um einen Volksentscheid zu initiieren, müsste die Landesregierung zunächst ein Ausstiegsgesetz in den Landtag einbringen. Dieses müsste dann von der Mehrheit im Parlament abgelehnt werden, um den fiktiven Konflikt vom Volk lösen zu lassen. Verfassungsrechtlich gilt das Prozedere als strittig.
Schmiedel schlägt deshalb dem Bericht zufolge einen "Stuttgart-21-Passus" in der Landesverfassung vor, der einen Volksentscheid zu dem Großprojekt zulässt. In der Bundesverfassung gebe es schließlich auch ganz spezielle Passagen, zum Beispiel zum Küstenschutz, erklärte der SPD-Politiker. Zur Änderung der Verfassung ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig.
Über 50.000 Unterschriften für Baustopp
Auch bei dem Straßenprotest am Freitag wurden erneut Rufe für einen Volksentscheid laut. In einem "Stuttgarter Appell" fordern bisher mehr als 54.000 Menschen einen Baustopp und eine Bürgerbefragung zu dem Milliardenvorhaben.
Mehrere Initiativen äußerten den Wunsch nach Gesprächen mit den Befürwortern. Dabei sollten auch Kosten- und Verkehrskalkulationen diskutiert werden, forderte der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi.
"Stuttgart 21" gilt als derzeit größtes Infrastrukturprojekt in Europa. Der bisherige Stuttgarter Kopfbahnhof soll durch eine Verlegung in den Untergrund zu einer Durchgangsstation gemacht werden, außerdem soll in Richtung Ulm eine Schnellbahnverbindung entstehen. Die Deutsche Bahn geht davon aus, dass die Tieferlegung 4,1 Milliarden Euro kostet und die Neubaustrecke nach Ulm 2,9 Milliarden Euro. Kritiker rechnen mit deutlich höheren Kosten.
can/apn/dpa/AFP
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