Streit um das Sorgerecht: "Der Vater muss auf Knien rutschen"

Ist das Sorgerechtsurteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ein Erfolg für Single-Väter? Christian Gampert ist skeptisch. Er stritt sich im Kampf um den Sohn bis vor das Bundesverfassungsgericht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt er vor der weiter bestehenden Macht der "Frauenlobby".

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Vater und Tochter: "Das war die größte Demütigung überhaupt"

SPIEGEL ONLINE: Herr Gampert, Sie haben jahrelang mit der Mutter Ihres Sohnes um das gemeinsame Sorgerecht gestritten, sogar vor dem Bundesverfassungsgericht. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass Väter von unehelichen Kindern die Chance haben müssen, das Sorgerecht auch dann zu bekommen, wenn die Mutter dagegen ist. Sehen auch Sie darin einen großen Erfolg?

Christian Gampert: Alles jubelt jetzt und sagt, den Vätern wird der Rücken gestärkt. Aber das Urteil besagt nur, dass den Vätern eine Möglichkeit eingeräumt werden muss, das Sorgerecht einzuklagen. Das heißt ja aber gerade nicht, dass Väter ein gemeinsames Sorgerecht bekommen, etwa wenn sie die Vaterschaft anerkannt haben. Es heißt lediglich, dass sie Zugang zu einem gerichtlichen Verfahren haben müssen. Wie das Verfahren dann aussieht, das ist die entscheidende Frage. Ich vermute mal, dass das Straßburger Urteil für den betroffenen Vater ebenso ein Pyrrhussieg sein wird wie für mich damals vor dem Bundesverfassungsgericht.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihre Klage hin hatte das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2003 angeordnet, dass in bestimmten Alt-Fällen Väter ausnahmsweise die Möglichkeit bekommen müssen, das Sorgerecht gerichtlich einzuklagen. War das kein Erfolg?

Gampert: Die entscheidende Frage war damals wie heute, ob das deutsche Kindschaftsrecht den Vater generell vom Sorgerecht ausschließen darf, wenn die Mutter nicht will. Das Verfassungsgericht meinte damals, das gehe in Ordnung, weil die Mutter immer nur das Kindeswohl im Auge habe und nur bei ganz triftigen Gründen dem Vater das Sorgerecht verweigern werde. Das ist natürlich völliger Humbug - wie jeder weiß, der sich nur ein bisschen in der Materie auskennt.

SPIEGEL ONLINE: Das Verfassungsgericht ordnete damals an, dass in Fällen, in denen sich unverheiratete Eltern bereits vor Inkrafttreten der sogenannten Kindschaftsrechtsreform im Jahr 1998 getrennt hatten, der Vater auf Erteilung des gemeinsamen Sorgerechts klagen konnte. Ist das mit der jetzigen Entscheidung aus Straßburg vergleichbar?

Gampert: Ja, das ist dasselbe in Grün. Damals gab es den Rechtsweg für diese Alt-Fälle. Jetzt, mit dem Straßburger Urteil, muss es diesen Rechtsweg für alle geben. Wie das dann aber rechtlich ausgestaltet ist, wie hoch da die Hürden sein werden, steht auf einem anderen Blatt.

SPIEGEL ONLINE: Die Regelung, die der Gesetzgeber nach dem Verfassungsgerichtsurteil in Ihrem Fall verabschiedete, sah vor, dass Väter die gemeinsame Sorge auch gegen den Willen der Mutter bekommen können, wenn das "dem Kindeswohl dient". Wie war das dann bei Ihnen?

Gampert: Das war die größte Demütigung überhaupt. Es geht bei der elterlichen Sorge ja darum, dass die Verantwortung für das Kind auch rechtlich, nach außen, abgesichert ist. Die Mutter und ich hatten uns auch nach der Trennung jahrelang gemeinsam um den Sohn gekümmert, fifty fifty. Unser Sohn war drei Tage bei mir, drei Tage bei ihr. Faktisch haben wir uns die Erziehung und die Sorge um den Sohn geteilt - von daher hätte es nahe gelegen, dass auch dann, wenn es um grundsätzliche Entscheidungen wie Umzüge oder um die rechtliche Vertretung nach außen ging, also etwa gegenüber der Schule oder Ärzten, alle beide das Sagen haben. Und nicht nur sie alleine. Aber die Hürde, die das Verfassungsgericht damals aufgebaut hat, war sehr hoch: Dass das gemeinsame Sorgerecht "dem Kindeswohl dient", nicht nur "ihm nicht entgegensteht", das ist vor Gericht fast nicht nachweisbar, wenn die Mutter sich querstellt. Und die stellt sich quer, denn sonst würde sie dem gemeinsamen Sorgerecht ja von sich aus zustimmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief dieses Verfahren in Ihrem Fall ab?

Gampert: Die Mutter sagte lapidar: "Ich will nicht." Und: "Man kann sich mit diesem Mann nicht einigen." Das hat den Richtern ohne nähere Betrachtung des Falles gereicht, um festzustellen, dass ein gemeinsames Sorgerecht nicht dem Kindeswohl dient, weil eben alles, was konfliktbehaftet sein könnte, nicht zum Wohle des Kindes ist.

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Forum - Benachteiligt das deutsche Familienrecht die Väter?
insgesamt 1018 Beiträge
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1. Rechte und Pflichten!
Antje Technau 05.12.2009
Zitat von sysopBenachteiligt Ihrer Meinung nach das aktuelle Familienrecht die Väter?
die ledigen Väter, die sich bisher aktiv an der Pflege und Erziehung ihrer Kinder beteiligt haben, waren benachteiligt. Wenn sich das durch noch zu verabschiedende Gesetze jetzt dergestalt ändert, dass diese Väter jetzt das gleiche Sorgerecht wie die Mütter haben, dann ist das völlig in Ordnung. Zu befürchten ist allerdings, dass die ledigen Väter es mit ihrem Sorgerecht ebenso halten werden wie die verheirateten Männer, die das Sorgerecht schon immer hatten: sie werden ihre Rechte einfordern, aber ihren PFLICHTEN nicht nachkommen. Nur 5% nehmen den Erziehungsurlaub, um von Anfang an eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Nur wenige Väter verlassen pünklich nach Dienstschluß ihre Arbeitsstätte, um ihr Kind aus dem Kindergarten oder von der Schule abzuholen. So gut wie gar keine Väter nehmen Urlaub, wenn ihr Kind krank ist, um das Kind zu Hause zu pflegen. All das soll jetzt nicht heißen, dass man in D das Sorgerecht nicht auch ledigen Vätern von Geburt an übertragen soll. Wenn man die Gesetze zum Wohl des Kindes neu ordnet, dann sollte man aber gleichzeitig ein Gesetz verabschieden, das empfindliche Strafen für den Elternteil (egal welchen!) vorsieht, der seine ElternPFLICHTEN gegenüber dem Kind vernachlässigt. Speziell die Pflicht der *Personensorge*. Dann müssten die Arbeitgeber in Zukunft auch Väter freistellen, wenn diese wg. Kind nach Hause müssen. Das sollte ebenfalls im Sinne sowohl der Kinder als auch der Väter sein! Und entlastet endlich mal die berufstätigen Mütter...
2.
fuji-san 05.12.2009
Zitat von Antje Technaudie ledigen Väter, die sich bisher aktiv an der Pflege und Erziehung ihrer Kinder beteiligt haben, waren benachteiligt. Wenn sich das durch noch zu verabschiedende Gesetze jetzt dergestalt ändert, dass diese Väter jetzt das gleiche Sorgerecht wie die Mütter haben, dann ist das völlig in Ordnung. Zu befürchten ist allerdings, dass die ledigen Väter es mit ihrem Sorgerecht ebenso halten werden wie die verheirateten Männer, die das Sorgerecht schon immer hatten: sie werden ihre Rechte einfordern, aber ihren PFLICHTEN nicht nachkommen. Nur 5% nehmen den Erziehungsurlaub, um von Anfang an eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Nur wenige Väter verlassen pünklich nach Dienstschluß ihre Arbeitsstätte, um ihr Kind aus dem Kindergarten oder von der Schule abzuholen. So gut wie gar keine Väter nehmen Urlaub, wenn ihr Kind krank ist, um das Kind zu Hause zu pflegen. All das soll jetzt nicht heißen, dass man in D das Sorgerecht nicht auch ledigen Vätern von Geburt an übertragen soll. Wenn man die Gesetze zum Wohl des Kindes neu ordnet, dann sollte man aber gleichzeitig ein Gesetz verabschieden, das empfindliche Strafen für den Elternteil (egal welchen!) vorsieht, der seine ElternPFLICHTEN gegenüber dem Kind vernachlässigt. Speziell die Pflicht der *Personensorge*. Dann müssten die Arbeitgeber in Zukunft auch Väter freistellen, wenn diese wg. Kind nach Hause müssen. Das sollte ebenfalls im Sinne sowohl der Kinder als auch der Väter sein! Und entlastet endlich mal die berufstätigen Mütter...
Sie sprechen da ein paar wichtige Punkte an, wie ich finde. Um Männern die Umsetzung dieser Punkte zu erleichtern, finde ich, muss aber noch einiges mehr an Benachteiligung von Männern aufhören. Punkt A ist natürlich: Endlich keinerlei Unterhalt mehr, auch nicht die ersten drei Jahre. Wer zu Hause bleiben will, kann das aus seinen eigenen Ersparnissen finanzieren - dann müßten endlich Männer nicht mehr den Familienfinanzierer spielen. Alternativ gibt es für jeden, der zu Hause bleiben will, einen staatlichen Kredit zu günstigen Konditionen, dessen Höhe sich am Einkommen des Kreditnehmers ausrichtet - und nein, Ehepaare werden nicht zusammenveranlagt. Punkt B ist natürlich, dass Frauen endlich einmal finanzielle Pflichten für die Kinder übernehmen, und zwar im Rahmen eines gesetzlich festgeschriebenen Unterhaltes, den sie zu zahlen haben. Denn wie bitte schön sollen Väter zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist, während Mutti der Arbeit nachgeht, wenn die Väter dadurch den Unterhalt den sie erwirtschaften müssen, in Gefahr bringen, Frauen dagegen nur Geld ranschaffen, um es selbst zu verjubeln? Punkt C wäre dann eine Ausweitung des Umgangsrechts Richtung 50:50 - Betreuung. Schliesslich kann es ja nicht angehen, dass Väter nur dann verlangt werden, wenn Mutti gerade mal etwas besseres vorhat, als ihren Pflichten gegenüber den Kindern nachzukommen, sei es, weil sie keine Lust hat, die Krankenbetreuung zu übernehmen, sei es, weil sie gerne viel Geld hat und also auch Vollzeit arbeitet. Wenn Sie diese Punkte mitbedenken, ja, dann finde ich Ihre Vorschläge sehr gut. Solange diese Punkte nicht vom Gesetzgeber mitbedacht werden, muss man wohl von einer Benachteiligung von Vätern im Familienrecht sprechen - und kann ihren berufstätigen Müttern nur zurufen, dass sie in schlicht keiner Weise irgendwie über Gebühr belastet sind, ganz im Gegenteil.
3.
Antje Technau 05.12.2009
Zitat von fuji-sanPunkt A ist natürlich: Endlich keinerlei Unterhalt mehr, auch nicht die ersten drei Jahre. Wer zu Hause bleiben will, kann das aus seinen eigenen Ersparnissen finanzieren
sollten das die Paare, egal ob verheiratet oder nicht, nicht besser untereinander ausmachen? Von einem jungen Paar, das ich kenne und das plant, jetzt gemeinsame KInder zu haben, sagte er: "wenn wir dann Kinder haben, will ich, dass Du zu Hause bleibst und Dich um unsere Kinder kümmerst. Ich verdiene genug, dass wir uns das leisten können". Sie will dann lieber halbtags arbeiten, um nicht den Kontakt zum Beruf zu verlieren. Nach drei oder noch mehr Jahren Kinderpause findet man in anspruchsvolleren Berufen mangels Qualifikation schliesslich keinen Job mehr. Ausserdem kennt sie die neue Gesetzeslage, nach der von einer Mutter, deren jüngstes Kind älter als drei Jahre ist, verlangt wird, dass auch sie wieder arbeiten geht. Dass sie dann vom Ex-Mann nicht mehr den Unterhalt beanspruchen kann wie die Frauengeneration vor ihr. Nach dem Motto: einmal Chefarztgattin, immer Chefarztgattin... Daher war ihr Vorschlag an ihn: "wenn du das wirklich willst, dass ich zu Hause bleibe, dann will ich das von dir schriftlich (Ehevertrag), dass du mir im Falle einer Trennung einen angemessenen Unterhaltsbetrag zahlst, damit ich dann nicht als Hertz IV-Empfängerin dastehe, weil unsere Kinder älter als drei Jahre sind und ich keinen Job mehr kriege..." Seitdem denkt er darüber nach, ob sie nicht doch halbtags arbeiten gehen sollte. Und ob "Fremdbetreuung" für "sein Kind" wirklich so schlimm wäre. Worüber er nicht nachdenkt ist, ob er nicht in der Zeit, wo seine Frau arbeitet, im Job zurückstecken könnte. Damit zu der Zeit keine "Fremdbetreuung" nötig ist. ---Zitat--- dann müßten endlich Männer nicht mehr den Familienfinanzierer spielen ---Zitatende--- manche Männer wollen das so. Für die hängt deren Vertsändnis von "Männlichkeit" davon ab.
4.
Antje Technau 05.12.2009
Zitat von fuji-sanPunkt B ist natürlich, dass Frauen endlich einmal finanzielle Pflichten für die Kinder übernehmen
alleinerziehende Mütter und auch berufstätige in Partnerschaft lebende Mütter haben schon immer die finanziellen Pflichten übernommen. Von dem Mini-Kindesunterhalt, den ledige Väter für ihre Kinder zahlen (siehe Düsseldorfer Tabelle), bekommt keine Alleinerziehende ihr Kind satt (Kinder von High End- verdienenden Vätern ausgenommen) ---Zitat--- Denn wie bitte schön sollen Väter zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist, während Mutti der Arbeit nachgeht, wenn die Väter dadurch den Unterhalt den sie erwirtschaften müssen, in Gefahr bringen, Frauen dagegen nur Geld ranschaffen, um es selbst zu verjubeln? ---Zitatende--- ich weiß nicht, welche Frauen Sie kennen (Germany's Next Topmodels, Boxenluder u.ä?), aber die meisten berufstätigen Frauen mit Kindern geben ihr Geld für ihre Kinder/Familie aus. Und nicht für sich selbst. ---Zitat--- Punkt C wäre dann eine Ausweitung des Umgangsrechts Richtung 50:50 - Betreuung. ---Zitatende--- darauf warten Mütter schon lange...verheiratete wie unverheiratete.
5.
fuji-san 05.12.2009
Zitat von Antje Technaualleinerziehende Mütter und auch berufstätige in Partnerschaft lebende Mütter haben schon immer die finanziellen Pflichten übernommen. Von dem Mini-Kindesunterhalt, den ledige Väter für ihre Kinder zahlen (siehe Düsseldorfer Tabelle), bekommt keine Alleinerziehende ihr Kind satt (Kinder von High End- verdienenden Vätern ausgenommen) ich weiß nicht, welche Frauen Sie kennen (Germany's Next Topmodels, Boxenluder u.ä?), aber die meisten berufstätigen Frauen mit Kindern geben ihr Geld für ihre Kinder/Familie aus. Und nicht für sich selbst. darauf warten Mütter schon lange...verheiratete wie unverheiratete.
Sorry, aber die Düsseldorfer Tabelle fängt für ein Kind zwischen 12 und 17 bei 295 Euro an, hinzu kommt noch das Kindergeld, so dass fast fünfhundert Euro einer Alleinerziehenden für ein Kind mindestens zur Verfügung stehen. Das ist kein Minibetrag, sondern mehr, als 12 bis 17-jährige verbrauchen. Allerdings finde ich, dass man da ruhig vierhundert Euro draus machen kann, und dann den Betrag halbieren sollte - wobei sowohl Mutter als auch Vater 200 Euro zahlen sollten. Ach so, ganz vergessen - die Ausgaben, welche der Vater für die Kinder tätigt bei Wahrnehmung seines Erziehungsrechts und Umgangsrechts sollten natürlich auch als "Sachleistungen" gewertet werden, die genauso, wie die Sachleistungen der Mutter, aus dem Kindesunterhalt zu zahlen sind - natürlich ist auch hier das geltende Recht eine Benachteiligung von Männern.
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Christian Gampert, 56, ist Kulturjournalist beim Deutschlandfunk und hat jahrelang um das Sorgerecht für seinen Sohn gekämpft. Er erstritt 2003 vor dem Bundesverfassungsgericht ein Urteil, das in bestimmten Konstellationen Vätern nichtehelicher Kinder erstmals eine Klagemöglichkeit auf gemeinsames Sorgerecht eröffnete.