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Streit um schwule US-Militärs: Brutaler Mord an Soldaten bringt Obama in Zugzwang

Von , New York

Der Tod eines schwulen Matrosen schockiert US-Bürgerrechtler. Die Marine bestreitet zwar, dass der Soldat wegen seiner Sexualität umgebracht wurde. Doch der Fall verschärft die Debatte um die staatlich sanktionierte Diskriminierung im US-Militär.

New York - August Provost war erst im März 2008 in die US-Marine eingetreten. Der 29-jährige Texaner hoffte, damit sein Studium finanzieren zu können, um eines Tages Ingenieur zu werden. Er kam nach Camp Pendleton, einen Marine- und Marineinfanterie-Stützpunkt auf halbem Wege zwischen Los Angeles und San Diego und wurde dort der amphibischen Einheit Assault Craft Unit 5 zugeordnet.

Von Montag auf Dienstag voriger Woche war Provost zur Nachtwache eingeteilt. Er begann seine Vier-Stunden-Schicht pünktlich um 23.30 Uhr. Um 3.30 Uhr fand ihn seine Ablösung im Wachhäuschen tot auf - von Schusswunden durchlöchert, sein Körper halb verbrannt.

Morde sind beim US-Militär leider nicht besonders außergewöhnlich. Vergangenes Jahr berichtete die "New York Times" allein von 121 Fällen, in denen Irak- und Afghanistan-Veteranen nach ihrer Rückkehr in die Heimat zu Killern wurden, weil sie die psychischen Spätfolgen ihres Kriegseinsatzes nicht verkraften konnten.

Der Mord am Matrosen August Provost ist freilich aus einem anderen Grund auffällig - und hat das Pentagon seither in Erklärungsnot gebracht: Provost war nämlich schwul.

Wachsender Ärger der Bürgerrechtler

Sein Tod verschärft jetzt die Debatte um die diskriminierende "Don't Ask, Don't Tell"-Regel (DADT) des Militärs, wonach sich US-Soldaten nicht offen zu ihrer Homosexualität bekennen dürfen, sonst werden sie entlassen. Präsident Barack Obama kritisiert diese Vorschrift zwar, die 1993 unter Bill Clinton erlassen wurde, hat aber zum wachsenden Ärger von Bürgerrechtlern bisher nichts getan, um sie außer Kraft zu setzen.

Zumindest privat hatte Provost aus seiner Sexualität kein Geheimnis gemacht. Auf seiner MySpace-Seite nannte er seinen Partner Kaether Cordero "die Liebe meines Lebens". Zugleich schrieb er: "Ich bin im Militär und liebe es, meinem Land zu helfen, für seine Freiheit zu kämpfen." Er sei einsam in Camp Pendleton und hoffe, Cordero bald heiraten zu können. Letzter Eintrag, drei Tage vor seinem Tod: "Ich vermisse Michael Jackson, R.I.P."

In jenen letzten Tagen hatte Provost sich bei seiner Schwester über zunehmende Belästigung durch seine Marinekameraden beklagt - eben wegen seiner Homosexualität. Sie habe ihm daraufhin geraten, sich an einen Vorgesetzten zu wenden, sagte Akalia Provost der Zeitung "San Diego Union-Tribune".

Das Problem: Wenn Provost seine Vorgesetzten über solche Drangsalierungen informiert hätte, wäre er Gemäß DADT sofort gefeuert worden. Er saß in der Klemme.

Gefesselt, geknebelt und gefoltert?

Die genauen Umstände des Mordes bleiben bisher zwar unbekannt. In südkalifornischen Schwulenkreisen kursierten jedoch schnell Gerüchte, dass Provost vor seinem Tod gefesselt, geknebelt und gefoltert worden sei.

"Seine eigenen Kameraden haben ihn umgebracht", behauptete Provosts Tante Rose Roy in der "Union-Tribune". "Dieselben, die ihn nicht mochten. Er wurde verspottet und geächtet."

Die zuständige Marinepolizei, der Naval Criminal Investigative Service (NCSI), beließ es anfangs bei einer knappen Erklärung: "Er erlitt Schusswunden, während er Wache stand, und in der Wachstation wurde ein Brand gelegt, offenbar um Beweismaterial zu zerstören." Ein Soldat, der sich durch eigene Aussagen mit der Tat "in Verbindung" gebracht habe, sitze in militärischer Untersuchungshaft, fügte Marinesprecher Matt Brown später hinzu. Ein weiterer Soldat sei außerdem befragt worden.

Brown würdigte den Toten als "aufsteigenden Stern in unserer Marine" und bestritt, dass es sich um ein "hate crime" gehandelt habe, ein Hassverbrechen, das in den USA besonders scharf geahndet wird. Stattdessen sei Provost zufällig zum Opfer geworden: "Den Ermittlern ist klar, dass es jeder Matrose hätte sein können, der Wache stand." Ein Fahnder, der nicht identifiziert werden wollte, dementierte die Folterberichte: "Er war nicht gefesselt, er war nicht geknebelt und er war nicht verstümmelt."

Kampagne von Schwulen- und Lesbenverbänden

"Der Verstorbene kam auf grausame Art und Weise um", widerspricht der schwule Blogger Rod McCullom. Auch Nicole Murray-Ramirez, der Menschenrechtsbeauftragte von San Diego, sagte auf einer Kundgebung, er habe "glaubwürdige Informationen", wonach Provost wegen seiner Sexualität ermordet worden sei.

Wie dem auch sei: Blogger, Aktivisten und demokratische Kongressabgeordnete haben den Fall in den letzten Tagen groß aufgemacht publiziert - und Obama damit im Streit um DADT zusätzlich unter Zugzwang gesetzt.

Seit Wochen verstärken Amerikas Schwulen- und Lesbenverbände den Druck auf den Präsidenten. Im Wahlkampf hatte sich Obama als ihr "flammender Advokat" empfohlen und zugesagt, DADT aufzuheben. Doch während die USA gesellschaftlich immer deutlicher auf eine Lockerung schwulenfeindlicher Politik zusteuern, ist das Weiße Haus dazu politisch bisher weitgehend untätig geblieben.

Zwar lud Obama Ende Juni Dutzende schwul-lesbische Aktivisten zu einem Empfang ins Weiße Haus. Dort sprach er sich auch erneut gegen DADT aus: "Ich glaube, dass es unsere nationale Sicherheit schwächt, wenn patriotische Amerikaner gehindert werden, ihrem Land zu dienen." Unter Applaus schwor Obama dann, DADT gemeinsam mit dem Pentagon und dem Kongress "zu beenden".

Obama kann nicht auf Mehrheit im Kongress setzen

Doch diesen Worten sind bisher keine Taten gefolgt. Selbst Demokraten wie der offen schwule Abgeordnete Barney Frank räumen ein, dass sie derzeit keine Kongressmehrheit zur Abschaffung von DADT sehen. Und bis dahin sieht sich das Weiße Haus gezwungen, die Vorschrift eiskalt anzuwenden. Auch wenn Verteidigungsminister Robert Gates versprach, sie künftig "humaner" zu gestalten - die Realität sieht anders aus: Seit Obamas Amtsantritt wurden mehr als 250 Soldaten wegen DADT aus dem Militärdienst entlassen.

Zum Beispiel Daniel Choi, ein Irak-Veteran und arabischer Linguist. Der 28-jährige Absolvent der Militärakademie West Point, seit zehn Jahren in der Armee, hatte sich im TV-Sender MSNBC im März offen zu seiner Homosexualität bekannt und wurde zwei Monate später vom Pentagon gefeuert, trotz öffentlicher Appelle.

Seitdem ist der wortgewandte Choi zum Posterboy für die Auswüchse von DADT geworden - zumal Arabisch-Kenner wie er im US-Militär dringend gebraucht werden und rar sind. Er bekomme oft E-Mails homosexueller Soldaten, die kurz vor dem Selbstmord stünden oder "eine Woche nichts gegessen" hätten, berichtete Choi dem Schwulenmagazin "Advocate". "Wir werden nicht warten, bis jemand anders handelt."

Denn die Regel, die schwulen Soldaten das Leben einst leichter machen sollte, bedroht ihr Leben heute. "So lange DADT in Kraft ist", sagte der Anwalt Ben Gomez vom Servicemembers Legal Defense Network, einer Hilfsgruppe für schwul-lesbische Soldaten, der "Union-Tribune", "haben homosexuelle Militärs keine Chance, Unterstützung oder Beratung zu bekommen."

Ein Problem, das der Präsident nicht los wird

Aktivisten halten Obama vor, er könne DADT ganz einfach durch eine präsidiale Anordnung umgehen. Doch offenbar scheut er sich, den Kongress, der er derzeit für seine massive Gesundheitsreform braucht, so zu provozieren.

Das Thema wird Obama aber nicht loswerden. Die demokratische Abgeordnete Sheila Jackson Lee kündigte eine offizielle Untersuchung zu Provosts Tod an. Auch die Meinungsumfragen stehen längst gegen DADT. "Die Ansichten haben sich geändert", sagte selbst der frühere Außenminister Colin Powell, der Generalstabschef war, als DADT 1993 eingeführt wurde, auf CNN. "Es ist an der Zeit."

Für den Matrosen August Provost kommt das alles zu spät. Die Marine lud seine Familie am Wochenende zu einer Trauerfeier nach Camp Pendleton ein und sprach ihr "innigstes Beileid" aus. Schwulenaktivisten haben für Freitag zur Mahnwache vor dem Tor der Basis aufgerufen.

"Es ist, als fehle mir ein Teil meiner selbst", sagte Provosts Freund Kaether Cordero, der vom Tod seines Partners von einer Journalistin erfuhr, dem TV-Sender NBC. "Diesen Teil werde ich nie wieder zurückbekommen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. no outing - no murder
Grosskotz 10.07.2009
Zitat von sysopDer Tod eines schwulen Matrosen schockiert US-Bürgerrechtler. Die Marine bestreitet zwar, dass der Soldat wegen seiner Sexualität umgebracht wurde. Doch der Fall verschärft die Debatte um die staatlich sanktionierte Diskriminierung im US-Militär. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,635219,00.html
Der Mann wurde wegen seiner Homosexualität umgebracht - er hatte sich zu sehr geoutet.
2. die Absurdität des Krieges
Akandaa 10.07.2009
... ich finde es schlicht weg absurd, dass man einem jungen Menschen sagt: hier, ich geb Dir eine Ausbildung, füttere Dich, zahl Dir ein Gehalt — und wenn ich Dir sage, dass Du sterben mußt, dann gest Du und stirbst für mich... . Die Absurdität wird dann fortgesetzt, wenn „man" sich dann in aller Öffentlichkeit wundert, dass in diesem Krieg tatsächlich diese eben erwähnten jungen Menschen ermordet werden. Und das, obwohl die Technologie existiert, mit der Kriege ein für alle Mal verhindern werden können — In unserer zivilisierten Welt muß es keinen Krieg geben; Kriege können ganz einfach, ohne die Aufwendung riesiger Mittel, von heute auf morgen gestoppt werden!
3. Kein Wunder
Mischa, 10.07.2009
Zitat von sysopDer Tod eines schwulen Matrosen schockiert US-Bürgerrechtler. Die Marine bestreitet zwar, dass der Soldat wegen seiner Sexualität umgebracht wurde. Doch der Fall verschärft die Debatte um die staatlich sanktionierte Diskriminierung im US-Militär. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,635219,00.html
Wer Soldaten für den Krieg "ausbildet" macht aus Menschen absichtlich Bestien und braucht sich daher über solche Vorfälle nicht zuwundern.
4. Forum verwechselt?
Hans58 10.07.2009
Zitat von Akandaa... ich finde es schlicht weg absurd, dass man einem jungen Menschen sagt: hier, ich geb Dir eine Ausbildung, füttere Dich, zahl Dir ein Gehalt — und wenn ich Dir sage, dass Du sterben mußt, dann gest Du und stirbst für mich... . Die Absurdität wird dann fortgesetzt, wenn „man" sich dann in aller Öffentlichkeit wundert, dass in diesem Krieg tatsächlich diese eben erwähnten jungen Menschen ermordet werden. Und das, obwohl die Technologie existiert, mit der Kriege ein für alle Mal verhindern werden können — In unserer zivilisierten Welt muß es keinen Krieg geben; Kriege können ganz einfach, ohne die Aufwendung riesiger Mittel, von heute auf morgen gestoppt werden!
Könnte es sein, dass Sie das Forum verwechselt haben? Hier geht es um den Mord an einem homosexuellen jungen Mariner und der Tatsache, dass Homosexualität in den USA, gerade bei den Marines "verpönt" ist und im Übrigen - anders als z.B. in der Bundeswehr - zur fristlosen Entlassung führt.
5. ???
Hans58 10.07.2009
Zitat von MischaWer Soldaten für den Krieg "ausbildet" macht aus Menschen absichtlich Bestien und braucht sich daher über solche Vorfälle nicht zuwundern.
Geschwätz! Befassen Sie sich mit dem Thema.
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