Studie Weiße werden in den USA viermal öfter begnadigt

Ein Jahr lang wälzten US-Journalisten Akten und befragten Justizexperten. Jetzt haben sie ihre Ergebnisse vorgelegt: Weiße Straftäter haben nachweislich bessere Chancen, begnadigt zu werden als Latinos oder Schwarze. Schuld ist offenbar eine Entscheidung von Ex-Präsident Bush.


Hamburg - Der unabhängige US-Journalistenverband ProPublica hat sich dem investigativen Journalismus verschrieben, sein Leiter ist der ehemalige "Wall Street Journal"-Mitarbeiter Paul Steiger. Die Organisation führt einen Kampf gegen "die Ausbeutung der Schwachen durch die Starken", wie sie es selbst nennt.

Nun sorgt der Verband erneut für Wirbel. Grund ist eine Erhebung, über welche die Online-Ausgabe der "Washington Post" berichtet. Demnach haben die Rechercheure des Netzwerks bisher unveröffentlichtes Datenmaterial zu 500 Begnadigungen aus den vergangenen zehn Jahren gesammelt und analysiert. Akribisch verglichen sie Alter, Geschlecht, Rasse, Straftatbestand und Familienstand der Antragsteller.

Das Ergebnis stand erst nach einem Jahr fest - es ist niederschmetternd: Bei Begnadigungen werden Weiße in den USA fast immer häufiger berücksichtigt als Angehörige anderer Ethnien. Ihre Chance auf einen positiven Bescheid war viermal höher als bei Menschen anderer Hautfarben.

Laut Dafna Linzer und Jennifer LaFleur profitieren Schwarze am seltensten von dem in der Verfassung garantierten "Gnadenakt" des US-Präsidenten. Der darf in Bundesstrafsachen sogenannte Gnadenerweise aussprechen, laut Gesetz sogar noch vor einer Verurteilung. In den Bundesstaaten sind in der Regel die Gouverneure zuständig für Begnadigungen.

Wenig transparentes Verfahren

Aktuelle und ehemalige Beamte des Weißen Hauses und des US-Justizministeriums zeigten sich bestürzt angesichts dieses Missverhältnisses: "Ich bin erstaunt über diese Zahlen", sagte Roger Adams, der von 1998 bis 2008 Leiter des Begnadigungsbüros im Justizministerium war. Er könne sich an keinen Vorfall erinnern, der den Bericht untermauern könne. "Ich selbst weiß von mehreren Afroamerikanern, die begnadigt wurden."

Das Problem: Das Begnadigungsverfahren ist wenig transparent, die Regierung gebe in den seltensten Fällen Informationen dazu heraus, monieren die Autorinnen des Berichts.

Ex-Präsident Gerorge W. Bush hatte zu Beginn seiner ersten Amtszeit verfügt, dass man sich bei Begnadigungen ausschließlich an die Empfehlungen der Rechtsbeistände des USDOH, des "Office of the Pardon Attorney" halten solle, das den Präsidenten direkt berät.

Dem Bericht zufolge zeichnete sich aber gerade dieses Büro durch subjektive Standards bei der Beurteilung der individuellen Fälle aus: Dort seien zum Beispiel die "Haltung" der Straftäter, ihr Familienstand oder die finanzielle Lage berücksichtigt worden - alles Daten, die wenig aussagekräftig sind. Die Analyse der Daten ergab, dass mehrfach bei Fällen mit ähnlicher Ausgangslage zugunsten weißer Antragsteller entschieden wurde, während andere abgewiesen wurden.

Selbst Nixon begnadigte mehr als Bush

Das Justizministerium ließ am Freitag mitteilen, dass in einem Begnadigungsprozess viele Faktoren eine Rolle spielten, die statistisch nicht messbar seien, wie zum Beispiel die Aufrichtigkeit des Antragstellers oder der Grad seiner Reue. "Trotzdem nehmen wir die Ergebnisse ernst", hieß es.

Bush ist seinerzeit sämtlichen Empfehlungen des USDOH gefolgt. Über den Zeitraum von acht Jahren seien Hunderte solcher Fälle verhandelt worden - zum Vorteil von Weißen, wie es nun heißt. Präsident Obama führte die Praxis seines Vorgängers fort. Er begnadigte bisher 22 Personen, zwei davon Angehörige einer Minderheit.

Ein Sprecher des Weißen Hauses betonte: "Die Rasse spielt keine Rolle bei der Bewertung von Begnadigungen." Das Weiße Haus erhalte gar keine Informationen zu der Herkunft der Antragsteller, so Matt Lehrich.

ProPublica hatte Beamte in Schlüsselpositionen zu den Auswahlverfahren befragt und Tausende Dokumente gesichtet. Bush hatte von 2001 bis 2008 in 1918 Fällen entschieden, die ihm vom Justizministerium vorgelegt wurden - die meisten von ihnen Drogen- oder Steuerdelikte. Er begnadigte 189 Personen, bis auf 13 waren alle weiß. Sieben Gnadenerweise gingen an Schwarze, vier an Lateinamerikaner, einer an einen Asiaten und einer an einen Indianer.

Bush lehnte doppelt so viele Anträge ab wie Ex-Präsident Bill Clinton. Selbst Richard Nixon begnadigte in einem Jahr mehr Personen als Bush in zwei Amtszeiten.

ala

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
K. S. 04.12.2011
1. ...
Zitat von sysopEin Jahr lang wälzten US-Journalisten Akten und befragten*Justizexperten. Jetzt haben sie ihre Ergebnisse vorgelegt: Weiße Straftäter haben nachweislich bessere Chancen, begnadigt zu werden als Latinos oder Schwarze.*Schuld ist offenbar eine Entscheidung von Ex-Präsident Bush. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,801627,00.html
In den USA kommen halt Klassen- und Rassenjustiz zusammen, um es mal sehr überspitzt zu sagen.
forkeltiface 04.12.2011
2. Nomen est omen
"Die Rasse spielt keine Rolle bei der Bewertung von Begnadigungen." Das Weiße Haus erhalte gar keine Informationen zu der Herkunft der Antragsteller, so Matt Lehrich." Na, der Name wird ja wohl übermittelt werden. Und ob jemand "Stephen Smith" oder "LeBron Johnson" heißt, könnte da durchaus einen Unterschied machen.
bayern2004 04.12.2011
3. Weiß
So ein Schmarrn die Aussage, das Bush schuld sein soll, daß Weiße eher begnadigt werden als Farbige. Amerika hat noch immer ein Apartheitproblem, da braucht man nur durch das Land fahren und mit den Leuten reden oder mal in eine Basketballhalle im Süden zu gehen, um dies zu sehen. Da sitzen auf der rechten Seite nur die Weißen und auf der linken Seite nur die Farbigen!!! So ist es - nicht multikulti, wie uns dies vorgegaukelt wird.
michaelXXLF 04.12.2011
4. Usdoh?
Nicht eher das USDOJ? Erstaunliche Ergebnisse, und so völlig unerwartet. Und dann auch noch GWB. Hätte ich ja nie gedacht.
jujo 04.12.2011
5. ...
Eine Möglichkeit währe doch die Fälle, einschliesslich der Namen, zu anonymisieren und so zu einer Entscheidung zu kommen?
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