Von Hasnain Kazim und Frank Patalong
Islamabad/Hamburg - Jamila hat ihre Tochter vergiftet. Nur wenige Tage nach der Geburt, ihre Schwiegermutter half ihr dabei, holte flüssiges Rattengift und träufelte es in den winzigen Mund. Das Mädchen rang ein paar Minuten lang mit dem Tod, eine Viertelstunde vielleicht, danach war es tot. "Mein Mann hat mir gesagt, er will keine Tochter", sagt Jamila. In ihrem Dorf wissen die Leute von dem Mord, doch niemand hat die beiden Frauen angezeigt.
Indien ist eine frauenfeindliche Gesellschaft. Frauen gelten als Belastung, als jene, die nur Geld kosten, kein Einkommen erwirtschaften. Eine Tochter muss man verheiraten, sie zieht zur Familie ihres Mannes, man muss ihr eine Mitgift zahlen und sich dafür notfalls verschulden. Söhne dagegen sind eine Altersvorsorge, sie bleiben bei den Eltern und kümmern sich um sie, wenn sie alt sind. Söhne sind deshalb beliebter als Töchter, immer noch.
In einer Gesellschaft, die Jungen verhätschelt und Mädchen tötet, wachsen Männer mit Allmachtsphantasien heran. "Gewalttätige Männer sind ein großes Problem, die Zahlen sind alarmierend", sagt die Verlegerin Ritu Menon, die 1984 mit "Kali for Women" den ersten feministischen Verlag in Indien gegründet hat. Als weitere Ursache für die Gewalt sieht Menon die "extreme wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen". Diese bringe Männer in eine Machtposition, die sie häufig ausnutzen.
Tatsächlich handelt es sich bei der männlichen Gewalt um ein Phänomen, das in ganz Indien verbreitet ist, unter Muslimen ebenso wie unter Hindus. Das Urlaubsparadies Goa machte in den vergangenen Jahren häufiger mit Vergewaltigungsfällen Schlagzeilen. Fälle von Ermordungen von Mädchen gleich nach der Geburt werden in allen indischen Bundesstaaten registriert. Prostitution, auch im Namen der Religion, sogenannte Tempelprostitution, ist weit verbreitet. In den vergangenen Jahren haben sich viele Bollywood-Spielfilme mit Gewalt gegen Frauen auseinandergesetzt.
Studie zu Geschlechterrollen in sechs Ländern
Mit der pünktlich zum Weltfrauentag veröffentlichten internationalen Studie IMAGES (International Men and Gender Equality Survey) bekommt das Thema nun plötzlich eine ebenso nüchterne wie erschreckende Zahlenbasis. Die Geschlechterrollen vergleichende Untersuchung der Organisation International Center for Research on Women (ICRW) und des Instituto Promundo in Brasilien basiert auf Befragungen von Männern und Frauen in Brasilien, Chile, Indien, Kroatien, Mexiko und Ruanda. Fast durchweg kommen dabei die indischen Machos äußerst schlecht weg.
So gaben 24 Prozent der befragten Inder zu, in ihrem Leben schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt zu haben - zweieinhalb Mal mehr als in jedem anderen der untersuchten Länder. 37 Prozent aller befragten Inder gaben an, schon einmal physische Gewalt gegen ihre Frau ausgeübt zu haben - mit 39 Prozent ist die Quote nur in Ruanda höher.
Mehr als 90 Prozent der Inder bekannten außerdem, ihren Ruf notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen, sich zu schämen, wenn sie keine Erektion bekämen oder wenn ihr Sohn schwul wäre. In gerade diesen Fragen steht Indien im Vergleich nicht gut da - obwohl auch die anderen Länder kaum als Bollwerke der Emanzipation gelten dürften.
Die Studie mit dem Titel "Evolving Men" ist dabei keine Klageschrift. Ganz nüchtern fragt sie verschiedene Punkte ab: generelle Einstellungen (Wer sollte Windeln wechseln? Wer sollte im Haushalt mitarbeiten?), psychische Befindlichkeiten (Selbstwertgefühl, Depressionsneigungen usw.) sowie kommunikative Probleme (Wird über eigene oder gemeinsame Probleme geredet?). Und sie stellt eben auch sehr konkrete Fragen nach häuslicher und sexueller Gewalt.
Zieht man einige der Zahlen zusammen, ergibt sich fast ein Machismo-Index:
| Geschlechtsspezifische Einstellungen: Ausgewählte Ergebnisse | ||||||
| Frage | Brasilien | Chile | Indien | Kroatien | Mexiko | Ruanda |
| Heim und Küche sind wichtigste Aufgabe der Frau | 54 % | 54 % | - | 36 % | 56 % | 83 % |
| Windelwechsel, Waschen und Kinderfüttern sind Frauensache | 10 % | 46 % | 86 % | 29 % | 26 % | 61 % |
| Der Mann sollte das letzte Wort bei Entscheidungen haben | 43 % | 40 % | 81 % | 20 % | 24 % | 66 % |
| Eine Frau sollte Gewalt hinnehmen, um die Familie zu erhalten | 4 % | - | 68 % | 6 % | - | 54 % |
| Es gibt Gelegenheiten, wo man eine Frau schlagen darf | - | - | 65 % | 12 % | - | 21 % |
| Wer ein Mann sein will, muss hart sein | 44 % | 38 % | 86 % | 62 % | 8 % | 19 % |
| Männer sollten sich schämen, wenn sie keine Erektion bekommen | 37 % | 46 % | 91 % | - | 13 % | 59 % |
| Wenn mich jemand beleidigt, verteidige ich meinen Ruf auch mit Gewalt | - | 69 % | 92 % | - | 38 % | 35 % |
| Ich würde mich schämen, wenn mein Sohn schwul wäre | 43 % | 44 % | 92 % | 63 % | k.A. | k.A. |
| Alle Fragen und Zahlen: Auszug aus der IMAGES-Studie | ||||||
Auch die Angaben über die Rollenverteilung lassen Schlüsse auf die Gesellschaft zu. So geben 60 Prozent der Brasilianer und 52 Prozent der Ruander an, häusliche Pflichten zu übernehmen. Das können aber nur 26 respektive 23 Prozent der Frauen bestätigen. Offenbar wissen die Männer, dass hier mehr von ihnen erwartet wird.
Methoden in Frage gestellt
Auf jeden Fall hat die Studie in Indien eine öffentliche Diskussion ausgelöst. "Indische Männer führen bei sexueller Gewalt, schneiden bei Gleichberechtigung am schlechtesten ab", schreibt die "Times of India" am Tag nach der Veröffentlichung. Ein indischer Mann glaube, "dass er die Befehlgewalt haben muss, dass er über der Frau steht", kommentiert ein namenloser Internetnutzer auf der Website der Zeitung. "Außerdem haben indische Männer ein geringes Selbstbewusstsein und können keinem ebenbürtigen Partner standhalten, so dass sie jemanden heiraten, der ihnen in der einen oder anderen Weise unterlegen ist", heißt es in dem Eintrag.
Doch in den Foren der Zeitung wird auch diskutiert, wie die Daten erhoben wurden, ob sie wirklich repräsentativ und wahr sein können.
Der User Soham Shah kritisiert die Studie, weil ein Großteil der Befragten aus Neu-Delhi stamme. Nordinder, insbesondere Männer aus der Provinz Punjab, seien "heißblütig" und hätten "weniger Respekt vor Frauen" als Südinder, behauptet er. Daher sei die Umfrage nicht repräsentativ. Man könne aus der Zahl von sexuellen Übergriffen in Neu-Delhi keine Rückschlüsse auf den Rest des Landes ziehen. Ein weiterer Kommentator fragt, wenn Indien tatsächlich die Liste der Länder mit den gewalttätigsten Männern anführe, seien dann die Berichte über Gewalt in muslimischen Ländern "nur Propaganda"?
Der Vorwurf mangelnder Repräsentativität ist nicht von der Hand zu weisen: "Evolving Men" ist eine Stichprobenuntersuchung - wenn auch eine breit angelegte. Befragt wurden Menschen beiderlei Geschlechts, in Indien vor allem in Neu-Delhi sowie in der Stadt Vijayawada im Bundesstaat Andhra Pradesh, die einschließlich ihrer Vorstädte rund eine Million Einwohner hat. Nicht befragt wurden also Menschen im ländlichen Raum. Das aber macht die Sache kaum besser: Konservative, patriarchalisch gefärbte Einstellungen würde man eher dort vermuten. In der indischen Gesellschaft scheinen die aber schon im urbanen Raum mehr als deutlich ausgeprägt.
Feministin Ritu Menon glaubt trotz allem nicht, dass die Gewalt gegen Frauen in Indien weiter verbreitet sei als in vielen andern Ländern. "In Amerika und Europa sieht es auch oft düster aus, ganz zu schweigen von der Situation in vielen islamischen Ländern." Dort gebe es ähnliche Vorbehalte gegenüber Töchtern, sagt die Verlegerin.
In Indien habe ihrer Meinung nach die Gewalt in den vergangenen Jahren nicht zugenommen - es werde jedoch mehr darüber gesprochen. "Das ist das Ergebnis der Arbeit von vielen Frauenorganisationen", sagt Menon. "Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Gewalt gegen Frauen keine Familienangelegenheit ist, sondern eine Straftat. Das ist die gute Nachricht bei diesem Thema."
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