Studie zum Weltfrauentag Inder sind Macho-Meister

Eine internationale Studie über das Verhalten von Männern sorgt für eine hitzige Diskussion in Indien: Sie outet die Inder als Weltmeister in Chauvinismus, häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung. Die Reaktionen reichen von Scham bis Trotz.

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Islamabad/Hamburg - Jamila hat ihre Tochter vergiftet. Nur wenige Tage nach der Geburt, ihre Schwiegermutter half ihr dabei, holte flüssiges Rattengift und träufelte es in den winzigen Mund. Das Mädchen rang ein paar Minuten lang mit dem Tod, eine Viertelstunde vielleicht, danach war es tot. "Mein Mann hat mir gesagt, er will keine Tochter", sagt Jamila. In ihrem Dorf wissen die Leute von dem Mord, doch niemand hat die beiden Frauen angezeigt.

Indien ist eine frauenfeindliche Gesellschaft. Frauen gelten als Belastung, als jene, die nur Geld kosten, kein Einkommen erwirtschaften. Eine Tochter muss man verheiraten, sie zieht zur Familie ihres Mannes, man muss ihr eine Mitgift zahlen und sich dafür notfalls verschulden. Söhne dagegen sind eine Altersvorsorge, sie bleiben bei den Eltern und kümmern sich um sie, wenn sie alt sind. Söhne sind deshalb beliebter als Töchter, immer noch.

In einer Gesellschaft, die Jungen verhätschelt und Mädchen tötet, wachsen Männer mit Allmachtsphantasien heran. "Gewalttätige Männer sind ein großes Problem, die Zahlen sind alarmierend", sagt die Verlegerin Ritu Menon, die 1984 mit "Kali for Women" den ersten feministischen Verlag in Indien gegründet hat. Als weitere Ursache für die Gewalt sieht Menon die "extreme wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen". Diese bringe Männer in eine Machtposition, die sie häufig ausnutzen.

Tatsächlich handelt es sich bei der männlichen Gewalt um ein Phänomen, das in ganz Indien verbreitet ist, unter Muslimen ebenso wie unter Hindus. Das Urlaubsparadies Goa machte in den vergangenen Jahren häufiger mit Vergewaltigungsfällen Schlagzeilen. Fälle von Ermordungen von Mädchen gleich nach der Geburt werden in allen indischen Bundesstaaten registriert. Prostitution, auch im Namen der Religion, sogenannte Tempelprostitution, ist weit verbreitet. In den vergangenen Jahren haben sich viele Bollywood-Spielfilme mit Gewalt gegen Frauen auseinandergesetzt.

Studie zu Geschlechterrollen in sechs Ländern

Mit der pünktlich zum Weltfrauentag veröffentlichten internationalen Studie IMAGES (International Men and Gender Equality Survey) bekommt das Thema nun plötzlich eine ebenso nüchterne wie erschreckende Zahlenbasis. Die Geschlechterrollen vergleichende Untersuchung der Organisation International Center for Research on Women (ICRW) und des Instituto Promundo in Brasilien basiert auf Befragungen von Männern und Frauen in Brasilien, Chile, Indien, Kroatien, Mexiko und Ruanda. Fast durchweg kommen dabei die indischen Machos äußerst schlecht weg.

So gaben 24 Prozent der befragten Inder zu, in ihrem Leben schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt zu haben - zweieinhalb Mal mehr als in jedem anderen der untersuchten Länder. 37 Prozent aller befragten Inder gaben an, schon einmal physische Gewalt gegen ihre Frau ausgeübt zu haben - mit 39 Prozent ist die Quote nur in Ruanda höher.

Mehr als 90 Prozent der Inder bekannten außerdem, ihren Ruf notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen, sich zu schämen, wenn sie keine Erektion bekämen oder wenn ihr Sohn schwul wäre. In gerade diesen Fragen steht Indien im Vergleich nicht gut da - obwohl auch die anderen Länder kaum als Bollwerke der Emanzipation gelten dürften.

Die Studie mit dem Titel "Evolving Men" ist dabei keine Klageschrift. Ganz nüchtern fragt sie verschiedene Punkte ab: generelle Einstellungen (Wer sollte Windeln wechseln? Wer sollte im Haushalt mitarbeiten?), psychische Befindlichkeiten (Selbstwertgefühl, Depressionsneigungen usw.) sowie kommunikative Probleme (Wird über eigene oder gemeinsame Probleme geredet?). Und sie stellt eben auch sehr konkrete Fragen nach häuslicher und sexueller Gewalt.

Zieht man einige der Zahlen zusammen, ergibt sich fast ein Machismo-Index:

Geschlechtsspezifische Einstellungen: Ausgewählte Ergebnisse

Frage Brasilien Chile Indien Kroatien Mexiko Ruanda
Heim und Küche sind wichtigste Aufgabe der Frau 54 % 54 % - 36 % 56 % 83 %
Windelwechsel, Waschen und Kinderfüttern sind Frauensache 10 % 46 % 86 % 29 % 26 % 61 %
Der Mann sollte das letzte Wort bei Entscheidungen haben 43 % 40 % 81 % 20 % 24 % 66 %
Eine Frau sollte Gewalt hinnehmen, um die Familie zu erhalten 4 % - 68 % 6 % - 54 %
Es gibt Gelegenheiten, wo man eine Frau schlagen darf - - 65 % 12 % - 21 %
Wer ein Mann sein will, muss hart sein 44 % 38 % 86 % 62 % 8 % 19 %
Männer sollten sich schämen, wenn sie keine Erektion bekommen 37 % 46 % 91 % - 13 % 59 %
Wenn mich jemand beleidigt, verteidige ich meinen Ruf auch mit Gewalt - 69 % 92 % - 38 % 35 %
Ich würde mich schämen, wenn mein Sohn schwul wäre 43 % 44 % 92 % 63 % k.A. k.A.

Alle Fragen und Zahlen: Auszug aus der IMAGES-Studie

Besonders interessant sind die unterschiedlichen Angaben der befragten Männer und Frauen. Während 37 Prozent aller befragten Inder psychische Gewalt zugaben, nannten die Frauen dort deutlich niedrigere Zahlen. In anderen Ländern hingegen geben sie wesentlich höhere Werte an als die dortigen Männer. Offenbar gibt es kulturelle Kontexte, in denen Frauen Gewalt eher verschweigen und andere, in denen das eher Männersache ist.

Auch die Angaben über die Rollenverteilung lassen Schlüsse auf die Gesellschaft zu. So geben 60 Prozent der Brasilianer und 52 Prozent der Ruander an, häusliche Pflichten zu übernehmen. Das können aber nur 26 respektive 23 Prozent der Frauen bestätigen. Offenbar wissen die Männer, dass hier mehr von ihnen erwartet wird.

Methoden in Frage gestellt

Auf jeden Fall hat die Studie in Indien eine öffentliche Diskussion ausgelöst. "Indische Männer führen bei sexueller Gewalt, schneiden bei Gleichberechtigung am schlechtesten ab", schreibt die "Times of India" am Tag nach der Veröffentlichung. Ein indischer Mann glaube, "dass er die Befehlgewalt haben muss, dass er über der Frau steht", kommentiert ein namenloser Internetnutzer auf der Website der Zeitung. "Außerdem haben indische Männer ein geringes Selbstbewusstsein und können keinem ebenbürtigen Partner standhalten, so dass sie jemanden heiraten, der ihnen in der einen oder anderen Weise unterlegen ist", heißt es in dem Eintrag.

Doch in den Foren der Zeitung wird auch diskutiert, wie die Daten erhoben wurden, ob sie wirklich repräsentativ und wahr sein können.

Der User Soham Shah kritisiert die Studie, weil ein Großteil der Befragten aus Neu-Delhi stamme. Nordinder, insbesondere Männer aus der Provinz Punjab, seien "heißblütig" und hätten "weniger Respekt vor Frauen" als Südinder, behauptet er. Daher sei die Umfrage nicht repräsentativ. Man könne aus der Zahl von sexuellen Übergriffen in Neu-Delhi keine Rückschlüsse auf den Rest des Landes ziehen. Ein weiterer Kommentator fragt, wenn Indien tatsächlich die Liste der Länder mit den gewalttätigsten Männern anführe, seien dann die Berichte über Gewalt in muslimischen Ländern "nur Propaganda"?

Der Vorwurf mangelnder Repräsentativität ist nicht von der Hand zu weisen: "Evolving Men" ist eine Stichprobenuntersuchung - wenn auch eine breit angelegte. Befragt wurden Menschen beiderlei Geschlechts, in Indien vor allem in Neu-Delhi sowie in der Stadt Vijayawada im Bundesstaat Andhra Pradesh, die einschließlich ihrer Vorstädte rund eine Million Einwohner hat. Nicht befragt wurden also Menschen im ländlichen Raum. Das aber macht die Sache kaum besser: Konservative, patriarchalisch gefärbte Einstellungen würde man eher dort vermuten. In der indischen Gesellschaft scheinen die aber schon im urbanen Raum mehr als deutlich ausgeprägt.

Feministin Ritu Menon glaubt trotz allem nicht, dass die Gewalt gegen Frauen in Indien weiter verbreitet sei als in vielen andern Ländern. "In Amerika und Europa sieht es auch oft düster aus, ganz zu schweigen von der Situation in vielen islamischen Ländern." Dort gebe es ähnliche Vorbehalte gegenüber Töchtern, sagt die Verlegerin.

In Indien habe ihrer Meinung nach die Gewalt in den vergangenen Jahren nicht zugenommen - es werde jedoch mehr darüber gesprochen. "Das ist das Ergebnis der Arbeit von vielen Frauenorganisationen", sagt Menon. "Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Gewalt gegen Frauen keine Familienangelegenheit ist, sondern eine Straftat. Das ist die gute Nachricht bei diesem Thema."

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insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
Huuhbär, 08.03.2011
1. ...
Zitat von sysopEine internationale Studie über das Verhalten von Männern sorgt für eine hitzige Diskussion in Indien:*Sie outet die Inder als Weltmeister in Chauvinismus, häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung. Die Reaktionen reichen von Scham bis Trotz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,749606,00.html
Kann mir jemand Mal erklären was solche Vergleiche bringen sollen? Heute ist doch der 100.ste Weltfrauentag. Mir zeigt der statistische Wert nur eines - die Arroganz der Männer - aber daran muss frau sich ja kein Beispiel nehmen.
atomkraftwerk, 08.03.2011
2. .
Tja, so ist das eben wenn man im Mittelalter lebt. Mal sehen wieviele Jahrhunderte es noch dauert bis zur humanistischen Aufklärung.
Emil Ule, 08.03.2011
3. Der Wert zeigt nur eines..
...da hat mal wieder jemand Geld für eine Studio bekommen und es zum Fenster 'rausgeworfen. Wann vergleicht endlich mal jemand die Mülltrenngewohnheiten von dänischen Inuit unter 20 Jahren mit denen von Aborigines aus dem Süden von Sydney- das wäre doch mal eine Aufgabe. Und dann macht der Spiegel eine Schlagzeile: Australische Ureinwohner sind Müll-Weltmeister.
wolfi55 08.03.2011
4. Wo ist das Problem?
So leid es mir tut. Wenn die Inder eines Tages kaum noch Frauen haben, dann werden die in Wert und Ansehen steigen. Solange werden leider noch viele Mädchen getötet werden. Da gibt es doch die Geschlechtsbestimmung über eine Fruchtwasseruntersuchung und wenn es ein Mädchen ist, dann ist die Abtreibung gleich dabei im Preis. Das ist vielleicht noch die humanere Methode. Männer sorgen nicht für das Fortkommen, also werden die Inder eines Tages so weit kommen, dass kaum noch Frauen und Kinder da sind und auch keine Söhne mehr kommen. Das wird dafür sorgen, dass die völlig über altern und innerhalb relativ kurzer Zeit ihr Überbevölkerungsproblem lösen. Die Lemminge springen von den Felsen ins Meer, die Inder töten ihre Frauen, jedes Volk hat die Plage, die es verdient. Klingt jetzt etwas hart und unmenschlich, aber wenn man sieht unter welchen Bedingungen die Frauen dort "leben", dann mag es besser sein, wenn sie gar nicht erst dahin vegetieren müssen.
billger 08.03.2011
5. Ergebnis stand wohl vorher fest
Zitat von sysopEine internationale Studie über das Verhalten von Männern sorgt für eine hitzige Diskussion in Indien:*Sie outet die Inder als Weltmeister in Chauvinismus, häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung. Die Reaktionen reichen von Scham bis Trotz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,749606,00.html
Ich "liebe" ja solche Studien. Eine offenbar feministische Organisation misst die "Machorate" in 6 nichtwestlichen Ländern. Die Fragestellung und die Vorselektion der Stichprobe brachte denn auch promt das gewünschte Ergebnis. Wie praktisch zum Weltfrauentag. Ich würde mir zum nächsten Weltmännertag eine Studie von einer Männerrechtsorganisation wünschen, wo untersucht wird (Rating und Ranking!), in welchem der Länder Schweden, Deutschland, Österreich oder Schweiz mehr Frauen eine gefakte Anzeige wegen sexueller Belästigung gegen Männer machen. Das wäre ja dann wohl mal echte Gleichberechtigung bei den "Studien". Die Frage ist, wen bringt dieser Quark weiter? Warum müssen Männer immer und überall in den Medien als schlecht dargestellt werden und Frauen nur als gut? Natürlich müssen Missstände benannt und beseitigt werden. Aber diese einseitige Propaganda ist einfach ...
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