Sürücü-Mord "Wer entscheidet, wen du heiratest?"

Der brutale Mord an der 23-jährigen Hatun Sürücü im Februar hat eine breite Debatte über die Rechte türkischer Frauen ausgelöst. Der Berliner Bezirk Neukölln startet nun im Internet eine Kampagne gegen Zwangsehen.

Von Jens Todt


Hatun Sürücü: An Bushaltestelle hingerichtet
Polizei Berlin

Hatun Sürücü: An Bushaltestelle hingerichtet

Berlin - Hatun Sürücü, 23 Jahre alt und Mutter eines fünfjährigen Sohnes, wurde am 7. Februar dieses Jahres mit drei Kopfschüssen an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof geradezu hingerichtet. Der brutale Mord hat bundesweit Bestürzung ausgelöst, da drei ihrer fünf Brüder verdächtigt werden, ihre Schwester aus gekränkter Familienehre getötet zu haben.

Der Berliner Problem-Bezirk Neukölln startet nun eine Kampagne gegen Zwangsehen. Auf einer Website wird betroffenen Mädchen und Frauen Hilfe angeboten. Sie finden dort Hinweise auf Beratungsstellen und Veranstaltungen sowie Erfahrungsberichte und Hintergrundinformationen. Zudem werden 1000 Plakate mit dem Slogan "Wer entscheidet, wen du heiratest?" in Berliner Schulen und Vereinen verteilt. "Erwachsene sollten nachdenken, ob bestimmte Bräuche noch dem entsprechen, was wir in zivilisierten Gesellschaften als richtig und gut anerkennen", erklärt der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).

Vorige Woche hat die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage gegen die 18, 24 und 25 Jahre alten Brüder von Hatun Sürücü erhoben. Der Älteste soll die Waffe besorgt und der 24-Jährige die Schwester unter einem Vorwand aus ihrer Wohnung gelockt haben. Der jüngste Bruder wird verdächtigt, die tödlichen Schüsse auf seine Schwester abgegeben zu haben.

Hatun Sürücü ist in Berlin aufgewachsen, wurde jedoch als 15-Jährige von ihren Eltern mit einem Cousin in der Türkei verheiratet. Kurze Zeit später entfloh sie der Zwangsehe und kehrte, 17-jährig und schwanger, nach Berlin zurück. Sie brach aus dem engen Verhaltenskodex der konservativen Familie aus und begann eine Lehre zur Elektrotechnikerin. Fortan galt sie offenbar für ihre Familie als Ausgestoßene. Ihre Brüder sollen sie vor dem Ehrenmord mehrfach bedroht und geschlagen haben.

Rechtsanwältin Ates: Einsatz für die Rechte türkischer Frauen

Rechtsanwältin Ates: Einsatz für die Rechte türkischer Frauen

Dass Migrantinnen häufiger Opfer von häuslicher Gewalt werden als deutsche Frauen, zeigt eine Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004, nach der 49 Prozent der türkischen Einwanderinnen seit dem 16. Lebensjahr "körperliche und/oder sexuelle Gewalt" erfahren hätten. Etwa die Hälfte der befragten Türkinnen gab zudem an, dass ihr Ehemann von Verwandten ausgesucht worden sei.

Die konservative türkische Boulevard-Zeitung "Hürriyet", sonst nicht gerade als Kampfblatt für die Rechte der Frauen bekannt, hat Ende Mai eine Informationskampagne gegen häusliche Gewalt gestartet, was für die deutsch-türkische Rechtsanwältin Seyran Ates "der blanke Hohn" ist. "Hürriyet ist doppelzüngig", so Ates. In einer wochenlangen Kampagne hatte das Massenblatt, das in Deutschland etwa 200.000 Leser hat, zuvor gegen die Autorinnen Serap Cileli, Necla Kelek und eben Seyran Ates gehetzt, die sich für die Rechte türkischer Frauen und gegen Zwangsehen einsetzen.

"Diese Anwältin ist verwirrt" oder "Sie beleidigt die türkische Frau" wurde Ates von "Hürriyet" diffamiert. Alle drei Frauen beschreiben in ihren Büchern die Unterdrückung türkischer Frauen durch ihre Männer. Ates begrüßt die Neuköllner Aktion, da betroffene Frauen durch wachsende Hilfsangebote "immer mutiger" würden. Gleichzeitig jedoch seien im Moment viele Frauen durch die Ehrenmorde stark verunsichert.

Im Bundesrat wird derzeit über einen Gesetzentwurf beraten, der die Zwangsverheiratung unter Strafe stellen und die Rechte von Opfern stärken soll. Für Ates ein wichtiger Schritt, denn "wir dürfen die Frauen mit ihrer Angst nicht allein lassen".



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