Werbung auf Sydneys Wahrzeichen Das Opern-Drama

Australier lieben Wetten und Glücksspiele, sie geben dafür jährlich Milliarden aus. Nun will die Regierung ein Pferderennen auf der berühmten Oper in Sydney bewerben. Der Protest ist gewaltig.

Racing NSW/AP

Von , Sydney


Am Dienstagmorgen hat sich Alan Jones entschuldigt - und das war australischen Medien eine Eilmeldung wert. Jones ist einer der einflussreichsten und umstrittensten Journalisten des Landes. Dass sich der konservative 75-Jährige für irgendeine Aussage entschuldigt, ist tatsächlich außergewöhnlich.

Jones hatte sich am vergangenen Freitag in seiner Frühstückssendung beim Radiosender 2GB live mit der Leiterin des berühmten Opernhauses in Sydney gestritten. Louise Herron lehnte es ab, das Gebäude als Werbefläche für ein Pferdewettrennen zu nutzen. Jones hingegen ist ein lautstarker Befürworter. Der Streit gipfelte in folgendem Dialog:

Herron: "Es ist keine Werbefläche."

Jones: "Sagt wer? Sagt wer? Du? Wer zur Hölle denkst du..., warte, Louise. Louise. Louise. Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?"

Dann legt Jones Herron noch den Rücktritt nahe.

Alan Jones
Getty Images

Alan Jones

An seiner Wortwahl und dem Tonfall gab es viel Kritik. Am Montag verteidigte sich Jones noch. Am Dienstag folgte die Entschuldigung: Er selbst denke zwar nicht, dass er Herron gemobbt habe, sagte Jones. Aber er wisse, dass andere seine Aussagen so gedeutet hätten. Sollte Herron sich also angegriffen gefühlt haben, entschuldige er sich.

Jones und die Regierung im australischen Bundesstaat New South Wales (NSW), in dem auch Sydney liegt, stehen seit Tagen in der Kritik. Am Samstag findet in der Stadt zum zweiten Mal der sogenannte Everest statt, ein Pferderennen, das als Veranstaltung der Schwerreichen gilt - das Preisgeld liegt bei rund acht Millionen Euro.

Werbung für das Event soll nach dem Willen der Regierung auf die Außenfassade der Oper projiziert werden, sechs Minuten lang, am Dienstagabend. Das Gebäude wurde 1973 eröffnet, ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes und gilt als Wahrzeichen des Landes. Nun streitet Australien über die Frage: Darf das Nationalheiligtum als Werbefläche genutzt werden?

Selbstverständlich, meint neben Jones auch der australische Premierminister Scott Morrison. Er verstehe nicht, warum die Menschen sich so aufregten. Es sei ja nicht so, als würde die Werbung an die Außenfassade gemalt. "Es sind nur ein paar Lichter, die da für kurze Zeit aufleuchten." Auch die NSW-Premierministerin Gladys Berejiklian unterstützt die Aktion und überstimmte Opernhauschefin Herron - wohlgemerkt nach der Radiosendung.

"Lasst uns Alan daran erinnern, dass die Oper uns allen gehört"

Doch es gibt heftigen Widerstand. Fast 281.000 Menschen haben inzwischen eine Online-Petition zum Stopp der Aktion und zur Unterstützung für Herron unterschrieben. "Lasst uns Alan daran erinnern, dass die Oper uns allen gehört", heißt es darin. Die Petition wurde am Dienstagmorgen an das NSW-Parlament übergeben.

Dass die sogenannten Segel des Opernhauses beleuchtet werden, ist keine Seltenheit. Bisher geschah das aber nur für Sportveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder für Kunstveranstaltungen wie das "Vivid"-Festival - und nicht für kommerzielle Wettveranstaltungen.

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Auch eine der größten Zeitungen des Landes, der "Sydney Morning Herald", sprach sich deshalb in einem Leitartikel gegen die Aktion aus. Billige Werbeanzeigen dürften die Marke des Opernhauses nicht beflecken, so der Tenor. Man lehne es schließlich auch ab, das Parlamentsgebäude oder Kathedralen für Werbung zu nutzen. "Sicher würde das Geld einbringen - aber es würde den symbolischen Wert dieser Gebäude zerstören."

Aktivisten haben für Dienstagabend zu Protesten an der Oper aufgerufen, Tausende Menschen werden erwartet. Schon tags zuvor waren Gegner der Werbeaktion mit einem Auto durch Sydney gefahren und hatten eine Handynummer, die Alan Jones gehören soll, auf zahlreiche Gebäude projiziert, darunter auf die Oper.

Australiens Glücksspiel-Problem

Die Gegner der Aktion kritisieren nicht nur den Werteverlust, der ihrer Meinung nach mit einer Werbeaktion für ein kommerzielles Pferderennen einhergeht. Ihnen geht es auch darum, wie viel Macht die schwerreiche Wett- und Glücksspielindustrie im Land hat. Sie werfen den Politikern vor, vor dieser mächtigen Lobby zu kapitulieren.

Australier gehören zu den größten Anhängern von Glücksspielen weltweit. Einer aktuellen Statistik zufolge gaben sie von Mitte 2016 bis Mitte 2017 bei Sport- und Rennwetten, in Casinos und Spielautomaten umgerechnet fast 14,6 Milliarden Euro aus. Pro Kopf sind das durchschnittlich 770 Euro im Jahr - mehr als in jedem anderen Industriestaat.

Der Chefanwalt der Hilfsorganisation World Vision Australia und langjährige Anti-Glücksspiel-Aktivist Tim Costello vergleicht die australische Wettspielindustrie schon seit Längerem mit der einflussreichen US-Waffenlobby NRA. Im Interview mit CNN sagte er nun: "Wir wissen, dass es in den USA diesen toten Winkel gibt, wenn es um Waffen geht. Jetzt sind die Australier aufgewacht... unser toter Winkel sind Glücksspiele." Australien habe gemerkt, dass seine Ikone der "gierigsten, zerstörerischsten Industrie des Landes" überlassen wurde, sagte Costello.

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Seite 1
chrismuc2011 09.10.2018
1.
Ja, ich kann den Protest gegen die Kommerzialisierung verstehen. Andererseits: Wenn die Werbeeinnahmen hoch genug wären, sagen wir mal 5-10 Millionen Euro oder das Australische Dollaräquivalent ( ca. 8-16 Millionen AUS$), und die Einnahmen dem Betriebsunterhalt des Gebäudes dienen würde, wäre nichts dagegen einzuwenden, finde ich. .
Fuxx81 09.10.2018
2. Nicht alles hat seinen Preis
Zitat von chrismuc2011Ja, ich kann den Protest gegen die Kommerzialisierung verstehen. Andererseits: Wenn die Werbeeinnahmen hoch genug wären, sagen wir mal 5-10 Millionen Euro oder das Australische Dollaräquivalent ( ca. 8-16 Millionen AUS$), und die Einnahmen dem Betriebsunterhalt des Gebäudes dienen würde, wäre nichts dagegen einzuwenden, finde ich. .
Doch, finde ich schon. Das wäre, als würde man ein Mc-Donalds "M" auf das Brandenburger Tor schrauben. Ein Ausverkauf nationaler Identität.
thequickeningishappening 09.10.2018
3. Jones ist Koenigsmacher in AU
Seine Stimme zählt. In Diesem speziellen Fall (Horse Racing Promotion in NSW) hat Er Ein finanzielles Eigeninteresse. Die Oper ist Weltkulturerbe. Finger weg von Vermarktung Eines Symbols Des Landes !
Newspeak 09.10.2018
4. ...
Seien wir mal ehrlich. Werbung ist in 80% der Faelle Belaestigung. Und gerade im oeffentlichen Raum sollte das reduziert werden.
kajoter 09.10.2018
5.
Ein Gebäude - oder dessen Äußeres - kann schwerlich von seinen Inhalten getrennt werden. Und ob nun Wahrzeichen oder nicht, Weltkulturerbe oder nicht - es ist eine Stätte der Kunst. Leider muss auch die sich immer häufiger verkaufen, um überlebensfähig zu sein, aber um eine existentielle Frage geht es hier ja offensichtlich nicht. Also sollte man dagegen stimmen, dieses Gebäude mit schnöder Werbung zu verunzieren und damit Oper und Konzert zu diskreditieren.
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