Synode in Rom Rebellion gegen Gott?

Neue Runde im Streit um das richtige katholische Leben: Ab Sonntag suchen Bischöfe einen Konsens, wie sie mit der Kluft zwischen Lehre und Leben in Sachen Familie und Partnerschaft umgehen sollen. Eine schier unlösbare Aufgabe.

Papst Franziskus: Kann allein entscheiden, will aber nicht
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Papst Franziskus: Kann allein entscheiden, will aber nicht


Papst Franziskus ist Chef eines geografisch eher unbedeutenden Gottesstaats. Dessen mehr als eine Milliarde Untertanen sind über alle Kontinente verstreut, sein Regierungssitz ist eine abgeschottete Trutzburg, bewohnt von alten Männern, die ihre alten Lehren wichtiger nehmen als das Leben draußen vor den Vatikan-Toren. Denen will er jetzt moderne Zeiten verordnen, so erwarten das jedenfalls sehr viele Beobachter. Und die ganze Welt nimmt Anteil.

Papst Franziskus ist für die französische Intellektuellenzeitung "Le Monde" der "führende Progressive des Planeten", vergleichbar mit Martin Luther King und Nelson Mandela. Sein erster Versuch einer Zeitenwende bei der Familiensynode im vorigen Oktober blieb im Ansatz stecken. Jetzt folgt der nächste Anlauf.

Freundlich, höflich, brüderlich wird es zugehen, wenn sich knapp 300 katholische Kirchenfürsten aus aller Welt, dazu Experten und sogar eine kleine Schar katholischer Ehepaare (darunter Petra und Aloys Buch aus dem niederrheinischen Korschenbroich) am Sonntag in Rom zusammensetzen. Bis zum 25. Oktober sollen sie dann über "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" diskutieren.

Hinter der gesitteten Fassade freilich "tobt eine Schlacht", so wird der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper in Medien zitiert. Papst Franziskus habe intern sogar von einem "Krieg" gegen ihn gesprochen, schreibt der italienische Vatikan-Experte Marco Politi. Es geht ja auch um einiges.

Walter Kasper: Modernisierer mit päpstlicher Unterstützhung
DPA

Walter Kasper: Modernisierer mit päpstlicher Unterstützhung

Zur Debatte stehen Kernelemente der katholischen Lehre. Die göttlichen Vorstellungen von Ehe und Familie seien seit 2000 Jahren gültig, sagen Traditionalisten wie der Kurienkardinal Roberto Sarah, die dürfe man nicht ändern.

Homosexuelle Paare? Sind, sagt Sarah, "ein kultureller und zivilisatorischer Rückschritt", verstoßen "gegen den Plan Gottes".

Geschiedene, die ein zweites Mal heiraten? Kann die Kirche nicht akzeptieren, sagt Sarah, das wäre "Betrug am Evangelium", ja mehr noch: eine "Rebellion gegen Gott".

Sarah, 70 Jahre alt, stammt aus Guinea und ist Chef der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, ein wichtiger Mann im Vatikan. Gemeinsam mit zehn weiteren Kardinälen hat er gerade ein moraltheologisches Buch veröffentlicht: "Elf Kardinäle sprechen über Ehe und Familie" - eine Art Glaubensbekenntnis der harten Dogmatiker.

Zur Vorbereitung der Synode in Rom versammelte er die mehr als 40 afrikanischen Synoden-Teilnehmer in der ghanaischen Hauptstadt Accra, um sie auf seinen Kurs einzuschwören. Es gelte jetzt "die fundamentalen Werte von Familie und Ehe" vor einem "westlichen ideologischen Kolonialismus" zu retten, der die "katholische Doktrin zerstören" und sich "der göttlichen Offenbarung widersetzen" wolle. So ähnlich sehen es nicht nur afrikanische Kirchenführer, sondern ebenso viele lateinamerikanische und osteuropäische. Auch der deutsche Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, wird den Fundis zugerechnet.

Roberto Sarah: "Gott oder nichts"
DPA

Roberto Sarah: "Gott oder nichts"

Es gibt nur ein Problem: Dort, wo sich das reale Leben immer weiter von Sarahs fundamentalen Vorstellungen entfernt, blutet die Kirche einfach aus. Denn wenn die Kirche nicht mehr in die Welt passt, verlässt die Welt die Kirche.

Schrumpfende Priester- und Gläubigenzahlen zeigen das. "Die gemeinsamen Glaubensinhalte", konstatiert der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, hätten sich "weitgehend in Luft aufgelöst".

Das gilt für viele Länder, vor allem in Westeuropa, aber nicht nur. "Wir haben Scheidungen, Patchworkfamilien, viele Alleinerziehende, kinderlose Ehen, nicht zu vergessen die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", beschrieb Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras die Lage in einem Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "All das erfordert Antworten für die Welt von heute," so der enge Berater von Papst Franziskus. "Selbstverständlich" werde "die traditionelle Lehre fortbestehen. Aber die pastoralen Herausforderungen erfordern zeitgemäße Antworten. Und die stammen nicht mehr aus Autoritarismus und Moralismus."

Das ist nun die - schier unlösbare - Aufgabe der Synode: Solche Antworten suchen, diskutieren und möglichst mit einer Zweidrittelmehrheit beschließen - um sie dann dem Papst vorzulegen. Berlins Erzbischof Heiner Koch sagte SPIEGEL ONLINE: "In der theologischen Sichtweise gibt es keinen Dissens. In der Wahrnehmung der Situation unterscheiden wir uns, sind aber offen für die Argumente des jeweils anderen. In der Bewertung und bei den Konsequenzen geht es deutlich auseinander."

Papst Franziskus: Familie als "das grundlegende soziale Subjekt schlechthin"
AP/dpa

Papst Franziskus: Familie als "das grundlegende soziale Subjekt schlechthin"

Der Papst ist allerdings an nichts gebunden. Er ist der absolute Herrscher in seinem katholischen Reich und kann verordnen, was er will. Aber das will er offenbar nicht. Er will die Diskussion. Weil er nämlich, vermuten nicht wenige in Rom, selbst keine fertigen Antworten hat, die aus dem Dilemma zwischen biblischen Werten und moderner Welt führen.

Klar ist, dass er Veränderungen will. Seine Dekrete, die das Lossprechen von der Sünde der Abtreibung erleichtern und die Annullierung von Ehen beschleunigen, gelten als Beleg dafür.

Auch die meisten der direkt vom Papst ausgewählten "Synodenväter", wie die Kardinäle, Bischöfe und Ordensleute innerkirchlich genannt werden, gelten als Modernisierer. Sie stehen den Ideen des deutschen emeritierten Kardinals Walter Kasper nahe. Den hat Franziskus öffentlich immer wieder gelobt und ihn, obwohl er nicht mehr im Amt ist, zur Synode eingeladen. Den lautesten Wortführer aus dem Dogmatiker-Block dagegen, den US-Kardinal Raymond Leo Burke, hat er gleich nach der Synode im vorigen Jahr in den Malteser-Orden verbannt. Der fehlt in diesem Jahr.

Trotz allem sollte keiner den Fehler machen, Franziskus als radikal-revolutionären Geist zu sehen. Die Familie, sagte er kürzlich bei einer Generalaudienz in Rom, sei "das grundlegende soziale Subjekt schlechthin", denn sie enthalte "in ihrem Innern die beiden grundlegenden Prinzipien der menschlichen Zivilisation auf Erden: Das der Gemeinschaft und das der Fruchtbarkeit". Die Ehe ist damit auch für den progressiven Franziskus ausschließlich der Bund "eines Mannes und einer Frau".

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Stäffelesrutscher 03.10.2015
1.
»Die göttlichen Vorstellungen von Ehe und Familie seien seit 2000 Jahren gültig, sagen Traditionalisten wie der Kurienkardinal Roberto Sarah, die dürfe man nicht ändern.« Hm. Das bedeutet ja, dass diese Vorstellungen vor der Zeit von Pontius Pilatus nicht galten. Wer hat sie denn damals geändert? Denn davor durfte man doch zig Frauen haben, dazu Sklavinnen schwängern, den eigenen Vater besoffen machen, um ihn sich dann einzupflanzen und die eigenen Töchter einem Mob zur Vergewaltigung vorwerfen, weil das sittsamer war als eine schwule Penetration. Aber danke an den Autor für die feine Unterscheidung zwischen »Kirchenfürsten« und »Experten« beim Thema Ehe und Familie.
THINK 03.10.2015
2.
Warum hält sich die katholische Kirche bei solch weltlichen Themen wie Familie und Partnerschaft nicht total raus? Sie sollte sich mit wichtigen Themen, z.B. Jungfrauengeburt, dem Heiligen Geist und sonstigen Heiligen und deren Reliquien befassen und die Welt in Ruhe leben lassen.
Modest 03.10.2015
3. Kirchliche Analogien
Bei allen Debatten um die Synodenthemen stehen immer wieder menschliche Anliegen im Vorfeld. Theologisch und Dogmatisch sind diese Anliegen für den Papst wenig hilfreich. Die Probleme der Geschieden/Wiederverheirateten liegt in der Auslegung der Barmherzigkeit hier ist der Weg des Papstes interessant. Und das Problem ist auch anzusprechen, dass das Eheversprechen in der heutigen Zeit von den Menschen kaum Glaube ist. Die Fundamentaldogmen sind auch daher zu überdenken, weil sie keine in sich geschlossene Lehre ist. Es ist wirklich eine Frage des Gewissens, wenn der Verstand oder die Vernunft zum Konflikt des Herzens gerät und wo haben die Gläubigen ihr Herzen vor und nach der Ehescheidung hängen?
h-i-2224 03.10.2015
4. Nicht Rebellion gegen Gott sondern Rebellion gegen die die behaupten
im Namen Gottes zu reden. Keiner von den Gottesvertretern hat irgend eine Legitimation von irgend einem Gott erhalten in seinem Namen reden und handeln zu dürfen. Sie glauben vielleicht das es Gott gibt, aber wissen tun sie überhaupt nichts. Also Anmaßung pur von Menschen die genauso wenig Ahnung von Gott haben wie der Rest der Menschheit. Man könnte auch sagen Betrüger unterwegs im Namen Gottes. Und dies gilt für alle, die glauben im Namen Gottes reden zu dürfen.
Osservatore 03.10.2015
5. Alles Gute
Ich wünsche dem Papst einen langen Atem und eine glückliche Hand für seinen reformerischen Weg. Und all jenen, die von ihm radikal-revolutionäre Worte hören wollen sei gesagt, dass das von anderen Institutionen weit weniger gefordert wird. Obwohl auch dort dringend eine Abkehr von blindem Dogmatismus nötig ist. Beispiel: die evangelikal-neoliberale Tyrannei in Wort und Bild, die uns das Dogma des Raubtierkapitalismus unter dem Deckmäntelchen der Freiheit und Menschenrechte als "alternativlos" eintrichtern möchte.
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