Syrische Dessous: Reizwäsche für 1001 Nacht

Aus Damaskus berichtet

Krankenschwesterkostüme, musikalische Negligés und Slips, die per Fernbedienung fallen: Auf den Märkten von Damaskus wird verkauft, was im Westen nur in Sexshops zu bekommen ist. Meist shoppen Mütter für ihre Töchter - bis zu 30 Sets Reizwäsche bringen syrische Bräute mit in die Ehe.

Damaskus - Abdullah Hayek hält nun das hoch, was er "den letzten Schrei" nennt: Ein Nichts von BH und einen String-Tanga, der aus vielen Schnüren und einem winzigen Dreieck besteht. Der Witz des Modells: Statt eines Stofffetzens wird hauchdünn gewalzte Zuckermasse von den Elastikschnüren gehalten.

"So kann der Mann seiner Frau die Wäsche vom Körper naschen", sagt Hayek. Das umgerechnet drei Euro teure Modell sei in verschiedenen Geschmacksrichtungen zu haben: Ananas, Apfel, Honig, Schokolade, Mango. "Ich verkaufe bestimmt 15 Stück am Tag", so Hayek.

Der Hamadije-Souk in Damaskus ist ohne Zweifel einer der schönsten Märkte der arabischen Welt. Sein Charme besteht darin, dass er so populär ist: Natürlich werden im Gassengewirr Teppiche, Einlegearbeiten und Orient-Kitsch für Touristen feilgeboten. Doch das Gros der Kunden stammt aus Syrien. Sie schieben sich zu Tausenden durch den Souk, kaufen in der Seifengasse ihr Waschmittel, in der Haushaltsstraße ihr Geschirr - und an der Kreuzung, an der die Dessoushändler sitzen, ihre Reizwäsche.

"Das hat so vor vier, fünf Jahren angefangen", sagt Hayek. Schon sein Großvater stattete die Frauen mit - damals noch züchtiger - Unterwäsche aus. Dann ging Syrien online. "Seit die Leute in Internet-Cafés sehen, was im Rest der Welt getragen wird, hat sich die Nachfrage komplett geändert", sagt Hayek. Anfangs hätten die Damaszener Damen noch verschämt nach "besonderen Modellen" gefragt. Inzwischen werden die Produkte der durchs Internet beflügelten Phantasie syrischer Designer aber ganz offen ausgestellt.

Elektronisch aufgepeppter Schlüpfer

Neben braven Push-Ups hängt an Hayeks Stand Obskures. Das Set, in dem zwei Vogelnester als Büstenhalter dienen, komplett mit Miniatur-Spatzen. Darüber das Modell, in dem Plastik-Rosen die Reize der Damaszener Damen verbergen. Und eine ganze Kollektion elektronisch aufgepeppter Schlüpfer, in denen an strategisch wichtigen Stellen ein Knopf angebracht ist. Wird er gedrückt, flimmern eingebaute Lichtorgeln - oder ein verborgener Apparat spielt arabische Liebeslieder.

Die Kundinnen sind vorwiegend Mütter, die eine Aussteuer für ihre Töchter kaufen. "Die meisten sind religiös, verschleiert und tragen lange Mäntel", sagt Abu Adnan, der ein paar Geschäfte weiter mit Dessous handelt. Dass eine syrische Braut einen ganzen Koffer voll Unterwäsche mit in die Ehe bringt, habe Tradition, dass es neuerdings Reizwäsche ist, praktische Gründe, sagt er.

"Die Mütter glauben, dass der Schwiegersohn weniger Interesse an anderen Frauen hat, wenn seine Ehefrau ihn Zuhause immer wieder mit neuen Spielereien überrascht." In einer Kultur, in der immer die Gefahr bestehe, dass der Mann sich eine Zweit- oder Drittfrau zulegt, wollten die Frauen sich so wohl die Treue des Mannes erhalten, sinniert Abu Adnan. Bis zu 1000 Euro ließen sich die Familien die Wäsche kosten. "30 Sets sollten es schon sein, wenn die Brauteltern nicht als geizig dastehen wollen."

Leder-Outfits komplett mit Peitsche

Bei Abu Adnan gibt es Leder-Outfits, die komplett mit Peitsche verkauft werden, und äußerst knappe Hausmädchen-Kostüme mit Reißverschlüssen an entscheidenden Stellen. Sein Verkaufsschlager sei jedoch das Applausmodell, sagt Abu Adnan und hält einen federverzierten Slip hoch. "Bitte zwei Mal in die Hände klatschen", sagt er. Zwei Mal geklatscht, fällt der Slip ihm aus der Hand: "Ein eingebauter Mechanismus löst Magneten, der Mann kann die Frau so ausziehen, ohne sie anzufassen." 17 Euro kostet der Spaß.

Abu Adnan erzählt das alles, ohne eine Miene zu verziehen: Reizwäsche zu verkaufen, ist für ihn ein Geschäft, kein Spaß. "Ich habe das Zeug hier im Laden, aber nach Hause kommt mir das nicht" sagt er. Er respektiere seine Frau und Töchter dafür zu sehr, sagt er und fügt hinzu, dass er die Zeiten vermisst, als er noch mit ganz normalen Nachthemden handelte. "Aber wer Geld machen will, muss mit der Mode gehen", sagt er.

Gerade hat ein blutjunges Paar seinen Laden betreten, der Mann hat ein etwa sechs Monate altes Kind auf dem Arm. "Wir sind jetzt seit anderthalb Jahren verheiratet", sagt seine vielleicht 16-jährige Frau. Nach der Geburt der ersten Tochter wollten die beiden nun ein wenig Schwung in ihr Liebesleben bringen. Umgerechnet zwölf Euro hätten sie dafür zurückgelegt, sagt die junge Mutter verschämt.

Ästhetik zwischen Kitsch und Porno

Ihr Mann begutachtet das Hausmädchen-Kostüm. "Wir suchen zusammen aus", sagt er. Die Ästhetik syrischer Unterwäsche oszilliert zwischen purem Kitsch und Porno. Sie ist so schräg, dass es inzwischen einen ganzen Bildband dazu gibt: "Das geheime Leben syrischer Negligés" heißt das Buch, das von zwei syrisch-stämmigen Britinnen herausgegeben wurde.

Die Autorinnen haben vor allem Katalogbilder der Wäschefirmen gesammelt: Da es sich im ganzen Nahen Osten herumgesprochen hat, dass in Syrien verführerische Dessous hergestellt werden, ist deren Ausfuhr zu einem Wirtschaftsfaktor geworden - wenn es die Politik denn zulässt.

"So lange Israel Ruhe gibt, machen wir sehr gute Geschäfte mit Gaza", sagt Hassan Nasser von Wäsche Rose. Der Unterwäscheabsatz seines Familienbetriebs sei eine Art Politbarometer, sagt der Geschäftsmann. "Der Markt im Irak ist total weggebrochen, dafür ist Libanon nach Ende der internen Auseinandersetzungen wieder schwer im Kommen."

Nasser sitzt zwischen Nähmaschinen und Bergen aus gefärbten Hühnerfedern in seiner Werkstatt in einem Vorort von Damaskus und gibt Fachwissen preis: Dass die Jordanierinnen ordentlich und praktisch veranlagt seien und deshalb vor allem Baumwolle kauften. Dass Saudi-Araberinnen sich auch im Bett gern angezogen fühlten und deshalb halbtransparente, aber bodenlange Negligés bevorzugten.

Nach langen Jahren im Unterwäschegeschäft sei er Fachmann dafür, was in arabischen Schlafzimmern so vor sich ginge, sagt Nasser. "Ich sage ihnen: Am interessantesten sind die Palästinenserinnen: Die wollen sexy Sachen, je verspielter desto besser."

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