Tabu Psychotherapie Wenn Seelenlast die Karriere bremst

Karrierebremse psychische Erkrankung: Eine Behandlung kann zum Nachteil geraten
Corbis

Karrierebremse psychische Erkrankung: Eine Behandlung kann zum Nachteil geraten

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2. Teil: "Man erwartet von uns eine Langzeitprognose, wir sind aber keine Propheten"


Auch die Amtsärzte wissen um das Dilemma, in dem sie sich befinden: Sie sollen nicht weniger leisten, als dem Dienstherren versichern, dass der Beamte so fit ist, dass er es bis zur Pensionierung schafft und nicht etwa vorher krankheitsbedingt ausfällt - und hohe Kosten verursacht.

In die Zukunft schauen können auch die Mediziner bei den Gesundheitsämtern nicht. Verlangt wird es trotzdem von ihnen. "Man erwartet von uns eine Langzeitprognose, eine lebenslange Vorschau. Wir sind aber als Ärzte keine Propheten", sagt Thomas Hilbert, Sprecher des Fachausschusses amtsärztlicher Dienst im Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Eine Therapie sei "zunächst kein Grund, pauschal zu sagen, dass jemand nicht verbeamtet werden kann". "Wenn jemand in einer Krise steckt, dann ist es gut, dass er sich Hilfe holt. Das spricht eher für als gegen jemanden", sagt der Mediziner. Er und seine Kollegen müssen fallbezogen entscheiden und sind auf die Mitwirkung der Patienten angewiesen. "Ob sie ehrlich sind und die Wahrheit sagen, weiß keiner. Wir sind auch keine Kriminalisten." Allerdings müssen die Amtsärzte nicht im Dunkeln stochern, sie können die notwendigen Informationen einfordern.

"Ich fasse Gefälligkeitsatteste mit sehr spitzen Fingern an"

Beim Beamtenbund rät man den Anwärtern daher, ungefragt einen Brief des Psychotherapeuten mitzubringen. "In dem Brief sollte stehen, dass einer Verbeamtung aus fachärztlicher Sicht keine Einwände entgegenstehen und der Patient als geheilt entlassen worden ist", sagt Sprecherin Britta Ibald. Ein solcher seelischer Freibrief ist jedoch nur bedingt hilfreich. "Ich fasse solche Gefälligkeitsatteste, die auf Zuruf erstellt worden sind, mit sehr spitzen Fingern an. Einem solchen Gutachten schenkt man zunächst keinen Glauben", sagt Amtsarzt Hilbert.

Zudem ist es gerade bei psychischen Erkrankungen oft schwierig, von einer "Heilung" zu sprechen oder eine Prognose für die Zukunft zu stellen. Eine Sehschwäche kann man messen und in Zahlen ausdrücken, ein Knochenbruch kann verheilen - aber wie verhält es sich mit einer Persönlichkeitsstörung? Reicht es dem Amtsarzt, zu wissen, warum jemand mit Anfang 20 angefangen hat, sich selbst zu verletzten? Oder lässt sich daraus eine grundsätzliche Labilität ableiten? "Kommt bei der Anamnese eine psychische Erkrankung zur Sprache, horcht jeder Amtsarzt auf, weil die Erkrankung möglicherweise auf eine geringere Stressresistenz hindeutet", heißt es beim Beamtenbund.

"Es ist normal, dass Diagnosen abgeschwächt werden"

Den Psychotherapeuten ist das Problem bekannt, Dieter Best, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, spricht von einem "allgemeinen Thema": "Es ist im Kollegenkreis normal, dass Diagnosen abgeschwächt werden." Best selbst hat eine Untersuchung zum Thema Diagnosequalität durchgeführt, die seine Annahme bestätigt: Psychotherapeuten neigen dazu, Patienten vor den Nachteilen zu schützen, indem sie abgeschwächte Diagnosen verwenden.

Denn: Wer psychisch behandelt wird, hat nicht nur im Falle einer Verbeamtung, sondern auch bei der Aufnahme in eine private Krankenkasse und bei Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung Nachteile zu erwarten. "Im Zweifelsfall würde ich mich für den Patienten entscheiden", sagt Best. Diagnosen abzuschwächen bedeutet nicht, falsche oder nicht wahrheitsgemäße Diagnosen zu stellen. "Ich kann nicht lügen, denn dann bekomme ich Probleme mit der Kammer, und außerdem ist damit auch dem Patienten nicht geholfen." Bei gewissen Erkrankungen lässt sich ohnehin nichts machen: Sie sind so schwer und tiefgreifend, dass es keinen Ermessensspielraum gibt. Doch in vielen Fällen gibt es eben auch eine Grauzone.

Das eigentliche Problem löst indes auch die Voruntersuchung der Beamten in spe nicht wirklich. Beispiel Pädagogen: Im Jahr 2007 ging mehr als jeder fünfte Lehrer nicht in Pension, weil er das Rentenalter erreicht hatte - sondern weil er dienstunfähig war.

*Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert.



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