Tabu Psychotherapie Wenn Seelenlast die Karriere bremst

Kann eine Psychotherapie die Karriere blockieren? Gerade im Staatsdienst wird eine Behandlung schnell zum Malus. Betroffene müssen tricksen, um die hohen Hürden zu umgehen.

Karrierebremse psychische Erkrankung: Eine Behandlung kann zum Nachteil geraten
Corbis

Karrierebremse psychische Erkrankung: Eine Behandlung kann zum Nachteil geraten

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Hamburg - Als Manuela Birkner* die Zusage für die Ausbildungsstelle als Verwaltungsinspektorin im Briefkasten fand, war die Freude groß. Ein toller Job, ein lange gehegter Wunsch, eine sichere Zukunft. Allein: Die Zusage war an einen Gesundheitscheck geknüpft, eine amtsärztliche Untersuchung.

Birkner war beunruhigt: Neun Wochen lang hatte sie sich im Jahr zuvor wegen einer Essstörung stationär behandeln lassen, danach wurde sie ambulant weiterbetreut. Die Probleme hatte sie inzwischen gut im Griff, aber sie war immer noch sichtbar zu dünn, vier bis fünf Kilo fehlten am Normalgewicht. Würde sie den Ausbildungsplatz trotzdem bekommen?

Wer in den Staatsdienst will, ob als Verwaltungsangestellter, Polizist, Lehrer oder Jurist, muss sich einer dienstärztlichen Untersuchung unterziehen. Der Staat will, vereinfacht gesagt, prüfen, wen er auf Lebenszeit beschäftigt. Vor allem will er sichergehen, dass er beim Lebenszeitprinzip nicht den Kürzeren zieht, der Beamte dienstunfähig wird und - statt dem Staat zu dienen - Geld kostet.

Ein solches Anzeichen, dass ein Beamtenanwärter, also beispielsweise ein Referendar, den besonderen Anforderungen nicht genügt, kann eine psychotherapeutisch behandelte Krankheit sein. Aus der Erkrankung in der Vergangenheit leitet man Prognosen für die Zukunft ab. Ein umstrittener Vorgang: Der Staatsrechtler Wolfram Höfling und der Datenschützer Ulrich Stockter kommen beispielsweise zu dem Schluss, dass dieses Prozedere möglicherweise eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts darstellt und verfassungsrechtlich problematisch ist.

Der Ermessensspielraum ist groß, die Unsicherheit auch

Die Unsicherheit bei Studierenden und Auszubildenden ist groß. In zahlreichen Internetforen wird über die Auswirkungen einer Psychotherapie auf die Verbeamtung spekuliert, an Fakultäten kursieren Gerüchte.

In die psychologische Beratungsstelle an der Freien Universität (FU) Berlin kommen immer wieder Studenten, die die Sorge vor der Karrierebremse Psychotherapie umtreibt. Besser keine Therapie, obwohl man sich elend fühlt? Die abgeschlossene Therapie verschweigen? Eine laufende Behandlung schnell abbrechen? Die Diagnose kleinreden? Aus der Schizophrenie eine Angststörung machen?

Klar ist: Eine Psychotherapie kann die Verbeamtung gefährden. Wenn beispielsweise eine chronische psychische Erkrankung nachgewiesen worden ist, wird es schwierig.

Es liegt allein im Ermessen des einzelnen Amtsarztes, ob er die Dienstfähigkeit bescheinigt oder nicht. Der Spielraum dabei ist groß, die Abhängigkeit des Anwärters auch.

"Wir raten den Studenten, die zu uns kommen, bei der Untersuchung durch den Amtsarzt nicht zu lügen, denn das gefährdet das Beamtenverhältnis", sagt Hans-Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der FU. Wer falsche Angaben macht und später auffliegt, dem kann der Beamtenstatus wieder aberkannt werden. "Wenn der Amtsarzt vernünftig ist, wird er eine abgeschlossene Therapie eher als Vorteil sehen", sagt Rückert. Doch ob er das tut, liegt allein im Ermessen des einzelnen Mediziners. Einheitliche Standards gibt es nicht.

"Prognosen sind wenig belastbar"

In der Beratungsstelle weist man die Lehramts- und Jurastudenten darauf hin, dass es bei der Verbeamtung Rückfragen zu einer Therapie geben wird. "Wir überlegen dann, ob es sich vielleicht um ein Problem handelt, dass man durch drei, fünf oder zehn Gespräche auch innerhalb der Beratungsstelle klären kann - und eine gründliche Aufarbeitung vielleicht noch warten und später folgen kann." Im Klartext: Man überlegt, ob es möglich ist, die Therapie so lange zu verschieben, bis die Verbeamtung in trockenen Tüchern ist.

"Grundsätzlich ist es sehr schwierig, einzuschätzen, ob jemand den künftigen Herausforderungen gewachsen ist. Solche Prognosen sind wenig belastbar", sagt Psychoanalytiker Rückert. Grundsätzlich sollten sich die Kandidaten bestmöglich auf die Untersuchung vorbereiten und überlegen, warum die Therapie für sie sinnvoll war. Auf die Schilderungen allein wird sich der Arzt ohnehin kaum verlassen: Er wird den behandelnden Therapeuten vielmehr um einen Nachweis der Behandlung und ihrer Erfolge bitten. Der Patient muss ihn dazu von der Schweigepflicht entbinden.

Eine Wahl hat er auch hier nicht: Wer seine Mitwirkung verweigert, hat keine Chance, verbeamtet zu werden.



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