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Tabubruch in arabischer Talkshow: "Man muss nicht verheiratet sein, um Sex zu haben"

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Inas El Deghedy im DW-Interview: "Sex ist eine persönliche Freiheit" Zur Großansicht
DW

Inas El Deghedy im DW-Interview: "Sex ist eine persönliche Freiheit"

Sex außerhalb der Ehe ist Alltag in Ägypten, es spricht nur niemand darüber. Fast niemand: Die Regisseurin Inas El Deghedy hat sich jetzt öffentlich dazu geäußert. Prompt wollen sie konservative Muslime auspeitschen lassen.

Die ägyptische Regisseurin Inas El Deghedy hat etwas Selbstverständliches ausgesprochen: "Sex ist eine persönliche Freiheit. Sie gilt innerhalb wie außerhalb der Ehe. Man muss nicht verheiratet sein, um Sex zu haben", sagte Deghedy, die aus Beirut zugeschaltet war, bei "Shababtalk", einer Talkshow der Deutschen Welle, die sich an junge Menschen in der arabischen Welt richtet.

Doch für viele Menschen im Nahen Osten sind Deghedys Worte nicht selbstverständlich - sondern ein Skandal. Ihre Aussagen haben einen Sturm der Empörung ausgelöst. Eine unvollständige Auswahl der Reaktionen:

  • Mohamed El-Shahat El-Guindy, Sprecher des Islamischen Forschungszentrums in Kairo, sagte, Deghedy sei eine Muslimin, die die Lehren ihrer Religion nicht befolge. Außerehelicher Sex sei mit dem Gewissen von Muslimen unvereinbar.
  • Der salafistische Prediger Yasser Borhamy sagte, wer vorehelichen Sex erlaube, lehne die Lehren von Koran, Bibel und Torah ab.
  • Ahmed Korayema, Professor an der renommierten Azhar-Universität, sagte in einer Fernsehsendung, Deghedy propagiere "pornografische Akte, die allen himmlischen Gesetzen widersprechen".
  • Der Rechtsanwalt Nabih al-Wahsh forderte das ägyptische Innenministerium auf, dafür zu sorgen, dass die Regisseurin ausgepeitscht wird.

Die Kritiker verlangen von Deghedy, ihre Aussagen zurückzunehmen. Die unausgesprochene Drohung dahinter: Tut sie das nicht, könnte sie als Abtrünnige vom Islam angesehen werden. Nach Meinung radikaler Muslime steht darauf die Todesstrafe.

Doch es gibt auch Stimmen, die Deghedy unterstützen:

  • "Inas lügt nicht und beschönigt nichts", schreibt der Journalist Jihad Abdel Moneim in der vergleichsweise liberalen Tageszeitung "al-Wafd". Außerehelicher Sex sei Alltag in Ägypten, weil sich viele junge Leute eine Hochzeit schlicht nicht leisten könnten. Außerdem habe das Land dringendere Probleme als die Sexualmoral seiner Jugend.

Deghedy erläuterte ihre Position am Sonntag in einer weiteren Talkshow: "Ich habe nicht gesagt, dass vorehelicher Sex halal (nach islamischen Grundsätzen erlaubt, Anm. d. Red.) ist. Ich bin weder dumm noch eine Ungläubige, ich kenne meine Religion gut", sagte die Regisseurin. "Ich habe aber meine eigene Meinung dazu." Das solle jedoch kein Aufruf dazu sein, außerehelichen Sex zu praktizieren.

Die 62-jährige Deghedy hat in der Vergangenheit wiederholt Kontroversen in Ägypten ausgelöst. In ihren Filmen hat sie mehrfach Sexualität und Frauenrechte in den Mittelpunkt gestellt. Das Drehbuch zu ihrem bis dato letzten Film, "Das Schweigen", musste sie 2012 auf Anordnung der Zensurbehörde in Kairo umschreiben.

In dem Film geht es um ein Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht wurde. Die Behörden zwangen Deghedy dazu, den Plot so zu ändern, dass der Täter als geisteskrank dargestellt wird, der nicht repräsentativ für die ägyptischen Männer ist.

In einer Umfrage unter ägyptischen Studenten aus dem Jahr 2013 gaben 33 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen an, dass sie Sex vor der Ehe hätten. Andere versuchen das Verbot zu umgehen, indem sie eine sogenannte Urfi-Ehe eingehen. Dafür unterschreiben das Paar und mindestens zwei Zeugen einen Hochzeitsvertrag. Diese Ehe ist zwar günstig und kann gegen den Willen der Eltern geschlossen werden, wird jedoch von staatlicher Seite nicht anerkannt.

Die Urfi-Ehe mag zwar das Gewissen beruhigen, birgt aber erhebliche Risiken für die Frau. Kinder, die aus diesen Beziehungen entstehen, gelten vor dem Gesetz als unehelich. Trennt sich das Paar, hat der Mann keinerlei Unterhaltspflichten. Er kann die Urfi-Ehe gegenüber künftigen Partnerinnen geheim halten, für die Frau wird es deutlich schwieriger, einen neuen Mann kennenzulernen. Denn eine Partnerin zu heiraten, die keine Jungfrau mehr ist, erscheint vielen ägyptischen Männern undenkbar.

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