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Tabuthema Depression Zu müde fürs Leben

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Jole Berlage

2. Teil: "Eine Qual, ganz fürchterlich"

Es gab auch die, die meinten, man müsse ihn nur einmal ein bisschen rannehmen. Einer seiner Architektur-Professoren zum Beispiel. Der holte ihn während der Semesterferien zu sich aufs Land. "Eine Qual, ganz fürchterlich", sagt Reiners. Abends wurde ein Schnäpschen eingeschenkt, morgen machen wir dies und jenes, hieß es dann. Am nächsten Tag wurde gezeichnet, für Wettbewerbe und Projekte. Es war gut gemeint. Reiners hat das Bild noch genau vor Augen: Ihm gegenüber am Schreibtisch der Professor, froh über die Gesellschaft und voller Energie. Mit leichter Hand pinselte der seine Entwürfe aufs Papier, beängstigend geschwind. Für Reiners war jeder Strich eine Mühe.

Es scheint ziemlich müßig, über die Gründe zu spekulieren. Reiners erzählt viel vom distanzierten Vater, ein gutaussehender Karrieremann, der selbst an Heiligabend erst um 18 Uhr aus dem Büro kam. "Ich glaube heute, dass er eigentlich nie Kinder haben wollte", sagt er. Aber wie viele Menschen haben kein gutes Verhältnis zu den Eltern und sind trotzdem gesund?

Irgendwie hat er es jedenfalls geschafft. Holger Reiners hat sich ein halbwegs normales Leben erkämpft. Irgendwann stellten ihm Menschen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Aufgaben. Und Reiners traf Abmachungen. Besser kann man es wohl nicht erklären. Eine junge Physiotherapeutin ging bei einer Kur mit ihm joggen, jeden Tag ein bisschen mehr. "Da will man als Mann schon beweisen, dass man mithalten kann", sagt Reiners. So lernte er, wieder wahrzunehmen. Den Wind, den Geruch des Wassers und von nassem Laub. Seit damals läuft er jeden Tag.

Auch bei der Psychotherapie vergingen Jahre mit weitgehend wirkungslosen Sitzungen, bis irgendwann eine Methode anschlug. Vor allem aber haben die Bücher ihm geholfen. Reiners fing an, über Architektur zu schreiben. Weil jemand sagte: "Du kannst das", irgendwie den richtigen Zeitpunkt traf, ihn an die Hand nahm, mitriss. Inzwischen hat er 25 Titel veröffentlicht.

So fing sein Leben eigentlich erst mit 40 richtig an. Sogar geheiratet hat er noch und zwei Kinder bekommen, obwohl er das lange für vollkommen undenkbar hielt.

Fernsehen meidet er, Kino auch - wegen der Bilder

Reiners hat die Krankheit im Griff, hat gelernt, sie zu überlisten. Er horcht in sich hinein, achtet auf jedes Anzeichen. Gerade hat er wieder angefangen, ein leichtes Medikament zu nehmen, "um mich zu unterstützen". Reiners sagt, er erlebe inzwischen viele Momente des Glücks. Und er muss sich nicht mehr entwürdigen lassen von der Depression. Weil er darüber spricht. Weiß, was los ist.

Es gibt sie aber immer noch, diese Momente, in denen er sich in seiner Gedankenwelt zu verfangen droht. Den Fernseher zum Beispiel meidet Reiners, ins Kino geht er auch nicht. Weil er weiß, dass er die Emotionen nicht aushält und schreckliche Szenen ihn später im Traum verfolgen. Und trotzdem lauern die Bilder, die ihn runterreißen können, überall. Einmal zum Beispiel brachte ihn auf einer Italien-Reise eine alte Fabrik am Wegesrand zur Verzweiflung. Ein hässliches Ungetüm, bestimmt 30 Meter hoch, düster und verrottet. Ein Menetekel, dass die ganze Vorfreude auf die strahlende Schönheit des Landes mit einem Schlag zu verderben drohte.

Doch Reiners weiß, was er in solchen Momenten, die ihn komplett erschöpfen, tun muss. Er legt sich ins Bett, schläft eine halbe Stunde. Wenn er aufwacht, sind die dunklen Gedanken mittlerweile verschwunden.

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insgesamt 1471 Beiträge
tzscheche 13.11.2009
Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - [...]
Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten. Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.
Rainer Girbig 13.11.2009
Ist das wirklich eine behandlungsbedürftige Krankheit? Ich beobachte an mir seit mehr als dreissig Jahren Schübe von Depressivität bis hin zum Suizidgedanken. Immer werden diese Schübe von Erlebnissen gespeist. Seien es [...]
Zitat von sysopMillionen von Deutschen leiden an behandlungsbedürftigen Depressionen, jedes Jahr nehmen sich Tausende das Leben. Die gefährliche Krankheit ähnelt manchmal schlechter Laune so sehr, dass sie als harmlos abgetan wird, gar als selbstverschuldete Schwäche. Ein schwerer gesellschaftlicher Irrtum. Was kann sinnvoll werden?
Ist das wirklich eine behandlungsbedürftige Krankheit? Ich beobachte an mir seit mehr als dreissig Jahren Schübe von Depressivität bis hin zum Suizidgedanken. Immer werden diese Schübe von Erlebnissen gespeist. Seien es berufliche Probleme, Partnerschaftsprobleme, Probleme mit dem eigenen äußerlichen Erscheinungsbild oder alles zusammen. Zum Glück habe ich es immer wieder geschafft, davonzukommen. Letzten Endes siegte die Neugier auf das Leben über die Todessehnsucht. Auch manchmal der Gedanke an diejenigen mir nahestehenden Menschen, denen ich damit weh tun würde. Ich war nie deshalb bei einem Arzt. Wenn man die eigene Lebenswirklichkeit nicht verändern kann, muss man sie irgendwie akzeptieren. Das gelingt nicht allen und die darüber aufkommende Verzweiflung ... ist das der Beginn der Krankheit? Was kann dann noch helfen? Wo ist die Grenze zwischen "natürlicher" Traurigkeit und krankhafter Depression?
gerthans 13.11.2009
Depression ist ein sachlich-steriler Begriff für etwas, das es schon immer gab, aber anders hieß: Weltschmerz Melancholie Chandra Ennui Acedia Schwermut und viele andere. Der klinische Begriff Depression suggeriert, dass [...]
Depression ist ein sachlich-steriler Begriff für etwas, das es schon immer gab, aber anders hieß: Weltschmerz Melancholie Chandra Ennui Acedia Schwermut und viele andere. Der klinische Begriff Depression suggeriert, dass es eine Krankheit ist, also eine Abweichung, Störung, die heilbar ist. Die Melancholie gehört jedoch zum Menschsein dazu wie Alter, Trauer und Tod. Tiere kennen keine Trauer und keine Melancholie, weil sie in Harmonie mit der Natur leben.
Hagbard 13.11.2009
Glaube ich nicht. Ich denke, das hat es immer gegeben. Man wusste nur nichts darüber. Je mehr man wusste, um so besser konnte man die Krankheit diagnostizieren.
Zitat von tzschecheDie Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten. Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.
Glaube ich nicht. Ich denke, das hat es immer gegeben. Man wusste nur nichts darüber. Je mehr man wusste, um so besser konnte man die Krankheit diagnostizieren.
Milchtrinker 13.11.2009
Und wieder zeigt sich: Solche vermeintlichen "öffentlichen Debatten" führen nicht zu einem Umdenken, jeder sieht sich nur in seiner Meinung bestätigt. Wer Depressionen vorher nicht als Krankheit gesehen hat, wird sich [...]
Und wieder zeigt sich: Solche vermeintlichen "öffentlichen Debatten" führen nicht zu einem Umdenken, jeder sieht sich nur in seiner Meinung bestätigt. Wer Depressionen vorher nicht als Krankheit gesehen hat, wird sich nicht eines Besseren belehren lassen. Ein spektakulärer Todesfall und eine Flut von ebenso vorhersehbaren wie richtigen Belehrungen ändern an der verbreiteten Ignoranz genau gar nichts. Hinzu kommt, dass das Thema Arbeitsmarkt immer beherrschender wird, wie nicht nur der Fall Enke zeigt. Selbst ohne das gesellschaftliche Stigma könnte sich ein Personalverantwortlicher gar nicht erlauben, einen depressiven Bewerber einzustellen, wenn auch andere Bewerber zur Auswahl stehen. Alles, was die Arbeitsleistung auch nur belasten könnte, macht die Arbeitssuche bei dem in fast allen Branchen bestehenden Überangebot hoffnungslos, da Personaler sich verständlicher Weise lieber selbst schützen, als einem Fremden zu helfen. Im Arbeitsumfeld wird man Depressionen daher immer geheim halten müssen, genau wie andere Krankheiten oder Probleme, ja sogar Neigungen, gefährliche Hobbys oder den Kinderwunsch. Im Falle von Depressionen kommt tragischer Weise hinzu, dass die Angst vor der Enthüllung die psychische Belastung verschärft und ggf. zur Eskalation führen kann.
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Heft 47/2009:
Die Angst vor dem Leben

Der Fall Robert Enke: Was Menschen den Halt verlieren lässt

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Depressionen
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern Depressionen, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.





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