Von Anne Seith
Es gab auch die, die meinten, man müsse ihn nur einmal ein bisschen rannehmen. Einer seiner Architektur-Professoren zum Beispiel. Der holte ihn während der Semesterferien zu sich aufs Land. "Eine Qual, ganz fürchterlich", sagt Reiners. Abends wurde ein Schnäpschen eingeschenkt, morgen machen wir dies und jenes, hieß es dann. Am nächsten Tag wurde gezeichnet, für Wettbewerbe und Projekte. Es war gut gemeint. Reiners hat das Bild noch genau vor Augen: Ihm gegenüber am Schreibtisch der Professor, froh über die Gesellschaft und voller Energie. Mit leichter Hand pinselte der seine Entwürfe aufs Papier, beängstigend geschwind. Für Reiners war jeder Strich eine Mühe.
Es scheint ziemlich müßig, über die Gründe zu spekulieren. Reiners erzählt viel vom distanzierten Vater, ein gutaussehender Karrieremann, der selbst an Heiligabend erst um 18 Uhr aus dem Büro kam. "Ich glaube heute, dass er eigentlich nie Kinder haben wollte", sagt er. Aber wie viele Menschen haben kein gutes Verhältnis zu den Eltern und sind trotzdem gesund?
Irgendwie hat er es jedenfalls geschafft. Holger Reiners hat sich ein halbwegs normales Leben erkämpft. Irgendwann stellten ihm Menschen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Aufgaben. Und Reiners traf Abmachungen. Besser kann man es wohl nicht erklären. Eine junge Physiotherapeutin ging bei einer Kur mit ihm joggen, jeden Tag ein bisschen mehr. "Da will man als Mann schon beweisen, dass man mithalten kann", sagt Reiners. So lernte er, wieder wahrzunehmen. Den Wind, den Geruch des Wassers und von nassem Laub. Seit damals läuft er jeden Tag.
Auch bei der Psychotherapie vergingen Jahre mit weitgehend wirkungslosen Sitzungen, bis irgendwann eine Methode anschlug. Vor allem aber haben die Bücher ihm geholfen. Reiners fing an, über Architektur zu schreiben. Weil jemand sagte: "Du kannst das", irgendwie den richtigen Zeitpunkt traf, ihn an die Hand nahm, mitriss. Inzwischen hat er 25 Titel veröffentlicht.
So fing sein Leben eigentlich erst mit 40 richtig an. Sogar geheiratet hat er noch und zwei Kinder bekommen, obwohl er das lange für vollkommen undenkbar hielt.
Fernsehen meidet er, Kino auch - wegen der Bilder
Reiners hat die Krankheit im Griff, hat gelernt, sie zu überlisten. Er horcht in sich hinein, achtet auf jedes Anzeichen. Gerade hat er wieder angefangen, ein leichtes Medikament zu nehmen, "um mich zu unterstützen". Reiners sagt, er erlebe inzwischen viele Momente des Glücks. Und er muss sich nicht mehr entwürdigen lassen von der Depression. Weil er darüber spricht. Weiß, was los ist.
Es gibt sie aber immer noch, diese Momente, in denen er sich in seiner Gedankenwelt zu verfangen droht. Den Fernseher zum Beispiel meidet Reiners, ins Kino geht er auch nicht. Weil er weiß, dass er die Emotionen nicht aushält und schreckliche Szenen ihn später im Traum verfolgen. Und trotzdem lauern die Bilder, die ihn runterreißen können, überall. Einmal zum Beispiel brachte ihn auf einer Italien-Reise eine alte Fabrik am Wegesrand zur Verzweiflung. Ein hässliches Ungetüm, bestimmt 30 Meter hoch, düster und verrottet. Ein Menetekel, dass die ganze Vorfreude auf die strahlende Schönheit des Landes mit einem Schlag zu verderben drohte.
Doch Reiners weiß, was er in solchen Momenten, die ihn komplett erschöpfen, tun muss. Er legt sich ins Bett, schläft eine halbe Stunde. Wenn er aufwacht, sind die dunklen Gedanken mittlerweile verschwunden.
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