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Tabuthema Depression: Zu müde fürs Leben

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Holger Reiners fing erst mit 40 richtig zu leben an. Davor beherrschten Depressionen sein Leben, mehr als 20 Jahre lang. Fast hätte die Krankheit ihn zerstört - auch weil viele ihm seine Qualen nicht glaubten.

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Jole Berlage

Holger Reiners war kurz davor. "Ich habe alle Möglichkeiten durchdacht, immer wieder", sagt der Mann mit dem weißen Haar und dem akkuraten, schwarzen Anzug. Man glaubt dem höflichen 61-Jährigen mit den tadellosen Manieren sofort, dass er es ernst meinte. Einen Schwarztee mit Milch vor sich auf dem Tisch, spricht er mit beklemmender Detailkenntnis über die tödliche Wirkung von Schlaftabletten. Autoabgasen. Als er die Sicherheit von Pistolenschüssen erörtert, hält er sich sein iPhone kurz an den Nacken.

Letztlich war es die Angst, die ihn abhielt. Nicht den Tod fürchtete Reiners, aber den "Akt des Sterbens", wie er es formuliert. Er habe es auch als "entwürdigend" empfunden, dass keine sichere und schmerzfreie Methode zu existieren schien, das eigene Leben zu beenden, sagt er. Nicht einmal das.

Natürlich ist Reiners heute froh darüber. Doch vom Verlust der Würde ist noch immer viel die Rede, wenn der energische Hamburger von seiner Krankheit erzählt. 20 Jahre beherrschte sie seinen Körper, raubte ihm die Energie, hinderte ihn am Leben. Und demütigte ihn. Der Unternehmersohn aus gutem Hause musste vom Geld der Eltern leben, bis er 40 war. Er saß im Café und verschüttete mit wild zitternden Händen den Tee, weil Medikamente ihre Nebenwirkungen zeigten und trotzdem nicht halfen. Reiners rannte von Arzt zu Arzt, er ließ sich mit Pillen ruhigstellen, drosch in der Psychotherapie mit einem Stock auf einen Gummiball ein, obwohl er sich dabei bloßgestellt fühlte. Doch am schlimmsten waren die Blicke, die Sprüche hinter vorgehaltener Hand. Als ob er einfach ein bisschen verwöhnt sei. Sich in etwas reinsteigere.

Holger Reiners ist 17, als sich die Hoffnungslosigkeit über sein Leben legt. Der Anlass: eigentlich banal. Die Überreaktion eines Lehrers, weil Reiners eine falsche Antwort gibt, "ich habe irgendeine Stadt dem Ruhrgebiet zugeordnet, die nicht dorthin gehört", sagt Reiners. "Und er gab mir das Gefühl: Du hast ja überhaupt keine Ahnung."

Bei jedem anderen wäre es Reiners wohl egal gewesen. Doch dieser Lehrer ist Vorbild. Ein bisschen wie der Vater: Immer gut angezogen, mit flapsigen Sprüchen, der die Schüler auf Erfolg trimmte und Kollegen mit einer gewissen Herablassung begegnete. "Ein richtiger Mann", sagt Reiners. Er schämt sich wegen der Schelte. So sehr, dass der Gang in die Schule zur Qual wird. Die Gedanken fangen an zu kreisen, werden zu einer eigenen Welt. Es ist das erste Mal, dass Reiners sich darin verfängt. Ein paar Tage später schafft er es morgens nicht mehr aus dem Bett.

Die Zukunft schien klar: BWL studieren, viel Geld verdienen

Bis zu diesem Zeitpunkt scheint sein Leben wie aus dem Katalog bestellt. Der Vater ist Vorstand in einem großen Konzern. Auch die Mutter geht jeden Tag arbeiten, sie hat einen Betrieb für Industriebedarf geerbt. Die Familie ist wohlhabend, das Mittagessen kocht die Haushälterin. Reiners interessiert sich schon als Teenager für Kunst, eine Leidenschaft, die ihn mit der Mutter verbindet. Er spielt im Tennisclub. Die Zukunft steht fest: BWL studieren, viel Geld verdienen. Den Vater kopieren.

Doch nach diesem ersten Tag, als Reiners morgens nicht mehr in die Schule geht, läuft nichts mehr nach Plan. Das Abitur schafft er noch irgendwie. Doch immer wieder wallt sie in ihm auf, diese übermächtige, dumpfe Hoffnungslosigkeit. Die sich in den Gliedern ausbreitet wie Gift und jede Bewegung zur Anstrengung werden lässt. Die die einfachsten Aufgaben unmöglich erscheinen lässt. Jede Entscheidungsfähigkeit lähmt. Der Gang zur Uni wird zur Qual, der Kontakt mit Menschen oft zur Tortur.

Das BWL-Studium hat nach zwei Jahren ein Ende. Auch ein Architekturstudium bricht Reiners ab. Der Professor, ein Nachbar, sagt den Eltern ungläubig: "Er war einer der begabtesten Studenten." Doch Reiners ist überzeugt, dass er zu gar nichts in der Lage ist.

Die schlimmsten Momente damals? Schwer auszumachen. Einer von vielen vielleicht dieser: Reiners arbeitet an einer Tankstelle, der Vater denkt, das tue ihm gut. Reiners empfindet schon den Job als Abstieg. Doch es kommt noch schlimmer. Er soll für einen Tag die Kasse übernehmen. Es erscheint ihm unmöglich. "Man musste das Rückgeld im Kopf ausrechnen, die Kasse machte das noch nicht", versucht Reiners zu erklären. Nicht einmal das traute er sich zu. Er ist überzeugt, dass er gar nichts leisten kann. Nichts, was auch nur ein Minimum an Verantwortung bedeutet. "Ich konnte den Schlauch in den Tank halten", sagt er mehr als 20 Jahre später. Das war alles.

Reiners geht nicht an die Kasse. Und schämt sich dafür in Grund und Boden. Er hat ja selbst keine Ahnung, was mit ihm los ist. Niemand weiß es.

Als der jüngste Sohn krank wird, ist die Vorzeigefamilie hilflos. Es sind die sechziger Jahre. Bis zum ersten Mal der Begriff "Depressionen" fällt, dauert es mehr als zehn Jahre. Bis dahin versucht Reiners verzweifelt, irgendwie Haltung zu bewahren. Die Fassade aufrechtzuerhalten. Wenn er denn aufsteht, quält er sich in ordentliche Kleidung. Auf Hochzeiten und Geburtstagsfeiern. Und obwohl Spazierengehen häufig die einzige Abwechslung ist, die er noch für möglich hält, traut er sich nur am Wochenende raus. Ein Reiners bummelt doch nicht am Wasser herum, mitten am Tag.

Die Eltern schicken den Sohn zu einer vermeintlichen Mediziner-Koryphäe nach der anderen. Ein Neurologe verschreibt Beruhigungstabletten. Ein anderer Mediziner packt ein Pendel aus. Der Vater will von solchen Erlebnissen möglichst nichts hören, die seltsamen Anwandlungen, die seinen Jüngsten immer wieder überfallen, passen nicht in sein Bild vom Leben. Er ignoriert sie, so gut es geht. Wer krank ist, geht zum Arzt und wird wieder gesund.

Wie viele Depressionskranke kann auch Reiners niemandem dieses unfassbare Leid begreiflich machen, das ihn quält, zermürbt. Wenn es schlimm um ihn steht, heißt es: Mäh mal den Rasen, wenn du schon nicht arbeitest. Der Kranke hält sich bald selbst für eine Zumutung für die Welt.

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Forum - Depression - eine verdrängte Volkskrankheit
insgesamt 1471 Beiträge
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1. Zivilisationskrankheit
tzscheche, 13.11.2009
Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten. Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.
2. Grauzonen
Rainer Girbig 13.11.2009
Zitat von sysopMillionen von Deutschen leiden an behandlungsbedürftigen Depressionen, jedes Jahr nehmen sich Tausende das Leben. Die gefährliche Krankheit ähnelt manchmal schlechter Laune so sehr, dass sie als harmlos abgetan wird, gar als selbstverschuldete Schwäche. Ein schwerer gesellschaftlicher Irrtum. Was kann sinnvoll für die Betroffenen getan werden?
Ist das wirklich eine behandlungsbedürftige Krankheit? Ich beobachte an mir seit mehr als dreissig Jahren Schübe von Depressivität bis hin zum Suizidgedanken. Immer werden diese Schübe von Erlebnissen gespeist. Seien es berufliche Probleme, Partnerschaftsprobleme, Probleme mit dem eigenen äußerlichen Erscheinungsbild oder alles zusammen. Zum Glück habe ich es immer wieder geschafft, davonzukommen. Letzten Endes siegte die Neugier auf das Leben über die Todessehnsucht. Auch manchmal der Gedanke an diejenigen mir nahestehenden Menschen, denen ich damit weh tun würde. Ich war nie deshalb bei einem Arzt. Wenn man die eigene Lebenswirklichkeit nicht verändern kann, muss man sie irgendwie akzeptieren. Das gelingt nicht allen und die darüber aufkommende Verzweiflung ... ist das der Beginn der Krankheit? Was kann dann noch helfen? Wo ist die Grenze zwischen "natürlicher" Traurigkeit und krankhafter Depression?
3. Steriler Terminus
gerthans 13.11.2009
Depression ist ein sachlich-steriler Begriff für etwas, das es schon immer gab, aber anders hieß: Weltschmerz Melancholie Chandra Ennui Acedia Schwermut und viele andere. Der klinische Begriff Depression suggeriert, dass es eine Krankheit ist, also eine Abweichung, Störung, die heilbar ist. Die Melancholie gehört jedoch zum Menschsein dazu wie Alter, Trauer und Tod. Tiere kennen keine Trauer und keine Melancholie, weil sie in Harmonie mit der Natur leben.
4.
Hagbard 13.11.2009
Zitat von tzschecheDie Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten. Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.
Glaube ich nicht. Ich denke, das hat es immer gegeben. Man wusste nur nichts darüber. Je mehr man wusste, um so besser konnte man die Krankheit diagnostizieren.
5. Jeder sieht, was er sehen will
Milchtrinker 13.11.2009
Und wieder zeigt sich: Solche vermeintlichen "öffentlichen Debatten" führen nicht zu einem Umdenken, jeder sieht sich nur in seiner Meinung bestätigt. Wer Depressionen vorher nicht als Krankheit gesehen hat, wird sich nicht eines Besseren belehren lassen. Ein spektakulärer Todesfall und eine Flut von ebenso vorhersehbaren wie richtigen Belehrungen ändern an der verbreiteten Ignoranz genau gar nichts. Hinzu kommt, dass das Thema Arbeitsmarkt immer beherrschender wird, wie nicht nur der Fall Enke zeigt. Selbst ohne das gesellschaftliche Stigma könnte sich ein Personalverantwortlicher gar nicht erlauben, einen depressiven Bewerber einzustellen, wenn auch andere Bewerber zur Auswahl stehen. Alles, was die Arbeitsleistung auch nur belasten könnte, macht die Arbeitssuche bei dem in fast allen Branchen bestehenden Überangebot hoffnungslos, da Personaler sich verständlicher Weise lieber selbst schützen, als einem Fremden zu helfen. Im Arbeitsumfeld wird man Depressionen daher immer geheim halten müssen, genau wie andere Krankheiten oder Probleme, ja sogar Neigungen, gefährliche Hobbys oder den Kinderwunsch. Im Falle von Depressionen kommt tragischer Weise hinzu, dass die Angst vor der Enthüllung die psychische Belastung verschärft und ggf. zur Eskalation führen kann.
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Heft 47/2009:
Die Angst vor dem Leben

Der Fall Robert Enke: Was Menschen den Halt verlieren lässt

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Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

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