Von Anne Seith
Holger Reiners war kurz davor. "Ich habe alle Möglichkeiten durchdacht, immer wieder", sagt der Mann mit dem weißen Haar und dem akkuraten, schwarzen Anzug. Man glaubt dem höflichen 61-Jährigen mit den tadellosen Manieren sofort, dass er es ernst meinte. Einen Schwarztee mit Milch vor sich auf dem Tisch, spricht er mit beklemmender Detailkenntnis über die tödliche Wirkung von Schlaftabletten. Autoabgasen. Als er die Sicherheit von Pistolenschüssen erörtert, hält er sich sein iPhone kurz an den Nacken.
Letztlich war es die Angst, die ihn abhielt. Nicht den Tod fürchtete Reiners, aber den "Akt des Sterbens", wie er es formuliert. Er habe es auch als "entwürdigend" empfunden, dass keine sichere und schmerzfreie Methode zu existieren schien, das eigene Leben zu beenden, sagt er. Nicht einmal das.
Natürlich ist Reiners heute froh darüber. Doch vom Verlust der Würde ist noch immer viel die Rede, wenn der energische Hamburger von seiner Krankheit erzählt. 20 Jahre beherrschte sie seinen Körper, raubte ihm die Energie, hinderte ihn am Leben. Und demütigte ihn. Der Unternehmersohn aus gutem Hause musste vom Geld der Eltern leben, bis er 40 war. Er saß im Café und verschüttete mit wild zitternden Händen den Tee, weil Medikamente ihre Nebenwirkungen zeigten und trotzdem nicht halfen. Reiners rannte von Arzt zu Arzt, er ließ sich mit Pillen ruhigstellen, drosch in der Psychotherapie mit einem Stock auf einen Gummiball ein, obwohl er sich dabei bloßgestellt fühlte. Doch am schlimmsten waren die Blicke, die Sprüche hinter vorgehaltener Hand. Als ob er einfach ein bisschen verwöhnt sei. Sich in etwas reinsteigere.
Holger Reiners ist 17, als sich die Hoffnungslosigkeit über sein Leben legt. Der Anlass: eigentlich banal. Die Überreaktion eines Lehrers, weil Reiners eine falsche Antwort gibt, "ich habe irgendeine Stadt dem Ruhrgebiet zugeordnet, die nicht dorthin gehört", sagt Reiners. "Und er gab mir das Gefühl: Du hast ja überhaupt keine Ahnung."
Bei jedem anderen wäre es Reiners wohl egal gewesen. Doch dieser Lehrer ist Vorbild. Ein bisschen wie der Vater: Immer gut angezogen, mit flapsigen Sprüchen, der die Schüler auf Erfolg trimmte und Kollegen mit einer gewissen Herablassung begegnete. "Ein richtiger Mann", sagt Reiners. Er schämt sich wegen der Schelte. So sehr, dass der Gang in die Schule zur Qual wird. Die Gedanken fangen an zu kreisen, werden zu einer eigenen Welt. Es ist das erste Mal, dass Reiners sich darin verfängt. Ein paar Tage später schafft er es morgens nicht mehr aus dem Bett.
Die Zukunft schien klar: BWL studieren, viel Geld verdienen
Bis zu diesem Zeitpunkt scheint sein Leben wie aus dem Katalog bestellt. Der Vater ist Vorstand in einem großen Konzern. Auch die Mutter geht jeden Tag arbeiten, sie hat einen Betrieb für Industriebedarf geerbt. Die Familie ist wohlhabend, das Mittagessen kocht die Haushälterin. Reiners interessiert sich schon als Teenager für Kunst, eine Leidenschaft, die ihn mit der Mutter verbindet. Er spielt im Tennisclub. Die Zukunft steht fest: BWL studieren, viel Geld verdienen. Den Vater kopieren.
Doch nach diesem ersten Tag, als Reiners morgens nicht mehr in die Schule geht, läuft nichts mehr nach Plan. Das Abitur schafft er noch irgendwie. Doch immer wieder wallt sie in ihm auf, diese übermächtige, dumpfe Hoffnungslosigkeit. Die sich in den Gliedern ausbreitet wie Gift und jede Bewegung zur Anstrengung werden lässt. Die die einfachsten Aufgaben unmöglich erscheinen lässt. Jede Entscheidungsfähigkeit lähmt. Der Gang zur Uni wird zur Qual, der Kontakt mit Menschen oft zur Tortur.
Das BWL-Studium hat nach zwei Jahren ein Ende. Auch ein Architekturstudium bricht Reiners ab. Der Professor, ein Nachbar, sagt den Eltern ungläubig: "Er war einer der begabtesten Studenten." Doch Reiners ist überzeugt, dass er zu gar nichts in der Lage ist.
Die schlimmsten Momente damals? Schwer auszumachen. Einer von vielen vielleicht dieser: Reiners arbeitet an einer Tankstelle, der Vater denkt, das tue ihm gut. Reiners empfindet schon den Job als Abstieg. Doch es kommt noch schlimmer. Er soll für einen Tag die Kasse übernehmen. Es erscheint ihm unmöglich. "Man musste das Rückgeld im Kopf ausrechnen, die Kasse machte das noch nicht", versucht Reiners zu erklären. Nicht einmal das traute er sich zu. Er ist überzeugt, dass er gar nichts leisten kann. Nichts, was auch nur ein Minimum an Verantwortung bedeutet. "Ich konnte den Schlauch in den Tank halten", sagt er mehr als 20 Jahre später. Das war alles.
Reiners geht nicht an die Kasse. Und schämt sich dafür in Grund und Boden. Er hat ja selbst keine Ahnung, was mit ihm los ist. Niemand weiß es.
Als der jüngste Sohn krank wird, ist die Vorzeigefamilie hilflos. Es sind die sechziger Jahre. Bis zum ersten Mal der Begriff "Depressionen" fällt, dauert es mehr als zehn Jahre. Bis dahin versucht Reiners verzweifelt, irgendwie Haltung zu bewahren. Die Fassade aufrechtzuerhalten. Wenn er denn aufsteht, quält er sich in ordentliche Kleidung. Auf Hochzeiten und Geburtstagsfeiern. Und obwohl Spazierengehen häufig die einzige Abwechslung ist, die er noch für möglich hält, traut er sich nur am Wochenende raus. Ein Reiners bummelt doch nicht am Wasser herum, mitten am Tag.
Die Eltern schicken den Sohn zu einer vermeintlichen Mediziner-Koryphäe nach der anderen. Ein Neurologe verschreibt Beruhigungstabletten. Ein anderer Mediziner packt ein Pendel aus. Der Vater will von solchen Erlebnissen möglichst nichts hören, die seltsamen Anwandlungen, die seinen Jüngsten immer wieder überfallen, passen nicht in sein Bild vom Leben. Er ignoriert sie, so gut es geht. Wer krank ist, geht zum Arzt und wird wieder gesund.
Wie viele Depressionskranke kann auch Reiners niemandem dieses unfassbare Leid begreiflich machen, das ihn quält, zermürbt. Wenn es schlimm um ihn steht, heißt es: Mäh mal den Rasen, wenn du schon nicht arbeitest. Der Kranke hält sich bald selbst für eine Zumutung für die Welt.
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