Streit über Essener Tafel Schnell, wir brauchen einen Schuldigen!

Wer ist verantwortlich dafür, dass die Essener Tafel derzeit nur Deutsche neu aufnimmt? Die Debatte darüber wird so aufgeregt geführt, dass ein zentraler Aspekt zu kurz kommt.

Ausgabe an der Essener Tafel
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Ausgabe an der Essener Tafel

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Schlimm ist das, wirklich. Da entscheidet sich die Essener Tafel, vorerst nur noch Inhaber eines deutschen Passes neu aufzunehmen, weil ruppig auftretende Migranten deutsche Mütter und Senioren vergrault haben sollen.

Schlimm ist das, ja - aber was genau eigentlich? Das Verhalten der Migranten, die sich womöglich nicht zu benehmen wissen? Das Verhalten der Tafel-Leitung, die das Problem mit einer fragwürdigen Strategie zu beheben versucht? Das Verhalten der Politiker, die aus klimatisierten Abgeordnetenbüros das Geschehen kommentieren?

Man könnte den Eindruck bekommen, die halbe Republik habe in der vergangenen Woche den alten Wasserturm am Steeler Berg besucht, um sich am Sitz der Essener Tafel ein Urteil zu bilden. Das Angebot an möglichen Schuldigen für die Misere ist jedenfalls üppig: die Ausländer, denn die können sich nicht benehmen; die Helfer der Essener Tafel, denn da arbeiten Rassisten; die Politiker, denn die tun zu wenig gegen Armut.

Natürlich ist es empörend, dass manche Bedürftige sich offenbar daneben verhalten, dass die Tafel-Leitung nun Ausländer strukturell benachteiligt, dass die Politik in einem der reichsten Länder der Welt solche Verteilungskämpfe zulässt. Aber es gibt da noch eine andere Frage, eine ebenso simple wie wichtige: Menschen haben Hunger - wie helfen wir?

Neue Gräben im kollektiven Verteilungskampf

Die ehrenamtlichen Helfer der Essener Tafel beschäftigen sich mit dieser Frage seit Jahrzehnten, und ihnen gebührt dafür großer Dank. Der Aufnahmestopp für Ausländer ist Symptom einer Überforderung - und in vielerlei Hinsicht eine problematische Entscheidung. Wer in den vergangenen Tagen die Essener Tafel besuchte, konnte dort etwa eine dunkelhäutige 39-Jährige treffen, die einen kleinen Modeversand betreibt. Oder einen blinden Greis, der sich schlurfend vorwärts tastete.

Der Greis hatte einen Aufenthaltstitel, die Frau einen deutschen Pass. Hat sie die Unterstützung eher verdient als er?

Es sind solche Fälle, die das wahre Elend dieser Debatte zeigen: Wer glaubt, Bedürftigkeit nach Nationalität oder Ethnie festlegen zu können, begibt sich auf einen Irrweg - einen sehr gefährlichen: In Essen gibt es schon jetzt deutsche Kunden, die Mitleid haben und sich schämen, bevorzugt zu werden. Und es gibt nicht deutsche Kunden, die diese Form von Rassismus nicht fassen können.

So werden Arme gegeneinander ausgespielt, neue Gräben im kollektiven Verteilungskampf gezogen, das Prinzip der Ellbogengesellschaft auch auf die unterste Etage der Wohlstandspyramide ausgedehnt.

Natürlich ist es wichtig, Schwierigkeiten bei der Integration von Zugezogenen ebenso zu benennen wie das gravierende Armutsproblem. Warum aber haben nicht längst etliche Unternehmen angeboten, noch mehr Lebensmittel zu spenden? Warum schlagen die Regierenden keine Sofortmaßnahmen zur Armutsbekämpfung vor? Warum melden sich jetzt nicht Tausende Deutsche, um in der Tafel in ihrer Stadt mitzuhelfen?

Wir diskutieren über alles mögliche, suchen nach Schuldigen und schieben das Problem auf diese Weise weit weg von uns. Etwas anderes wäre hilfreicher, in einer Arbeiterstadt wie Essen kennen sie sich damit aus: anpacken und machen.

Video: "Viele sind überrascht, dass sie weggeschickt werden"

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Seite 1
erik93_de 04.03.2018
1. Wenn die Frage ernst gemeint war:
Schuld ist die Schröder/Schulz/Nahles-SPD, denn sie hat das untere Drittel arm gemacht. Schuld ist Schäuble, die schwartze Null mit der kriminellen Vergangenheit (denn kriminell ist es, Schwarzgeld über die Grenze zu bringen - selbst dann, wenn man "davon nichts wußte") Schuld ist Merkel und die verfehlte Rentenpolitik der letzten 30 Jahre Schuld ist die FDP mit ihrer Umverteilung nach oben. Schuld sind a.a. der Spiegel, also alle Medien, die uns den neoliberalen Kurs als alternativlos aufgedrängt haben. Hartz IV und der praktische Ausschluß der unteren Schichten von höhrerer Bildung haben der unteren Schicht klar gemacht: Wir setzen jeden Vorteil gegen Euch ein. Und unten hat man gelernt: Geld kann man verlieren (unten sowieso), die Nationalität aber nicht. Und so klammert man sich dort an das letzte, was man hat: Die Nationalität als Vorteil gegenüber den Ausländer. Das ist nicht schön, aber genau das wurde mit diesen Leuten ja auch gemacht und die bundesdeutsche Gesellschaft fand's im Großen und Ganzen okay: Wenig Protest gegen Hartz IV, "kann mir ja schließlich nicht passieren". Sich jetzt moralisch zu entrüsten: Geschmacklos, zu spät, verlogen. Aber die Schuldigen sind oben aufgelistet, fehlen aber noch ein paar: -Frank Walter Steinmeier, der die Hartz IV-Sanktionen durchsetzte. Wenn man dereinst sich fragt, wie der Faschismus nach Deutschland zurückkam: Die genannten Personen haben ihn wieder hergeholt.
salomohn 04.03.2018
2. Genauer hinsehen
Gestern ging ich zu einer Tafel, der ich spende. Mit vollen Taschen beladene Ehepaare kamen heraus und stiegen in 5er BMW, einen blitzblanken neuen Tiguan etc. Irgendwie müsste es hinzubekommen sein, daß die Bedürftigkeit besser geprüft wird. Die Essener haben lediglich die Bremse gezogen, um erst mal Ruhe rein zu kriegen. Die Mitarbeiter auf Ämtern schicken schon Menschen zur Tafel. Dann sollte z. B. auch die Polizei oder städtisches Personal mithelfen. Sie könnten ordnend wirken und Rempeleien vermeiden helfen.
wokri 04.03.2018
3. Guter Artikel
Es ist wirklich nicht so einfach. Schwarz weiß oder doch grau. Eins steht fest die Verlierer sind die Bedürftigen. Egal welcher Couleur. Wer sich daneben benimmt sollte nichts bekommen das ist auch klar! Danke an die ganzen Ehrenamtlichen.
pierrotlalune 04.03.2018
4.
Treffend formuliert, was man jedoch bei dieser Debatte nicht aus den Augen lassen sollte, ist die Tatsache, dass für hiesige Bedürftige über langem Zeitraum und hält weiterhin an, dass da tatsächlich nichts gemacht wurde, ausser sanktionen durch Jobcenter, die Erhöhung der Empfangsbeiträge wirklich minimal sind, manche aus der Wohnung ausziehen mussten, weil 4 qm zu gross. Der finanzieller Aufwand, alleine für unbegleitete Minderjährige belief sich 2016 auf zig Milliarden, ca. 32 oder auch 42Milliarden, für wenige Menschen, für die anderen Flüchtlingen, auch klar arme Menschen, werden Zimmer in Hotels gebucht. Ich will damit wirklich die Flüchtenden Menschen nicht diskriminieren, doch es besteht Handlungsbedarf auch bei unseren Armen. Diese wurden zuvoroft genug von Politik auch als faul und arbeitsunwillig beschrieben, sollten Schnnee räumen oder Blätter fegen. Von daher, für mich macht es die Tafel richtig.
henry.miller 04.03.2018
5.
Ich finde niemand sollte reden, wenn er nicht vor Ort war um sich ein Bild zu machen. Erst recht nicht, wenn er sich nicht in die Tafel stellt um zu helfen, sondern nur schön daherredet, wie manche Politiker hier. Offenbar ging es dem Verantwortlichen bei der Tafel nicht darum, Asylanten auszugrenzen, sondern auch andere Gesellschaftsschichten teilhaben zu lassen. Immerhin hilft er noch genug Menschen und auch genug Flüchtlingen. Das ist erstmal nicht verkehrt. Ansonsten gehen da Menschen hin, manche sind freundlich manche nicht. Welch eine Erkenntnis. Pauschalisierung bringt da nichts.
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