"Tatort"-Faktencheck Werden Ausländer wirklich von Bürgerwehren verfolgt?

Kriminelle Afrikaner, kriminelle Deutsche: Der aktuelle "Tatort" aus Köln entzieht sich dem Gut-Böse-Schema und wirft Fragen auf: Gibt es wirklich so viele Straftäter aus dem Maghreb - und Bürgerwehren?

Samy Abdel Fattah als Tatverdächtiger Khalid Hamidi
WDR/ Thomas Kost

Samy Abdel Fattah als Tatverdächtiger Khalid Hamidi

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Der aktuelle "Tatort" stellt so manche Vorurteile infrage: Da engagiert sich etwa ein Marokkaner in der Bürgerwehr gegen kriminelle Nordafrikaner, während hellhäutige Kölner einen Polizisten in die Mangel nehmen. Der TV-Krimi führt damit die Debatte über die Vorkommnisse in den vergangenen beiden Silvesternächten in Köln weiter, die zuletzt eine überraschende Wendung genommen hatte: Die Polizei relativierte ihre Angaben über die Nationalität der vor zwei Wochen am Hauptbahnhof Kontrollierten, viele waren möglicherweise gar keine Nordafrikaner.

Seit mehr als einem Jahr debattiert die Republik nun schon über Maghreb-Migranten und Ausländerkriminalität, da passt das derzeitige Programm der Krimireihe ganz gut: Erst in der vergangenen Woche ermittelten die Frankfurter Kommissare zwischen Afrikanern und Rechtsradikalen. Nun beschäftigt sich die Folge "Wacht am Rhein" mit dem Thema. Der Faktencheck:

  • Gibt es in Köln ein Problem mit kriminellen Nordafrikanern?

In der Nacht auf den Neujahrstag 2016 hatten unzählige Männer zwischen Kölner Dom und Hauptbahnhof Frauen belästigt, begrapscht und bestohlen. Zwei Drittel der Verdächtigen kamen laut NRW-Innenministerium aus Marokko oder Algerien. In einem Bericht der Behörde an den Innenausschuss des Landtags war von "mehr als 1000 Personen" sowie "chaotischen Zuständen" die Rede.

Seitdem gilt "Köln" nicht nur in rechten Kreisen als Chiffre für die angebliche kriminelle Energie von Zuwanderern aus dem Maghreb sowie für das Versagen des Rechtsstaats. Diese Vorurteile greift der aktuelle "Tatort" auf: Nordafrikaner dealen in dem Film auf offener Straße, überfallen Läden, beklauen Passanten, schlagen Polizisten zusammen.

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"Tatort" mit Schenk und Ballauf: Pulverfass Köln

Tatsächlich gibt es ein Problem mit kriminellen Maghrebinern im Rheinland: In Köln ist die Zahl der Tatverdächtigen aus Nordafrika in den vergangenen Jahren gestiegen; in Düsseldorf galten 2015 laut dem sogenannten Casablanca-Polizeibericht in mehreren Tausend Fällen von Raub, Diebstahl und Körperverletzung Personen aus dieser Gruppe als tatverdächtig.

Das Problem ist aber nicht die Nationalität der Kriminellen, sondern deren Organisation: Die Ergebnisse des Berichts deuten auf komplexe Bandenkriminalität hin, deren Struktur selbst die Ermittler kaum durchschauen. Alle 3,5 Stunden begehen demnach Täter aus dem Maghreb in Düsseldorf eine Straftat - was aber nicht bedeutet, dass ein Großteil der aus Nordafrika stammenden Menschen kriminell ist: "Wir stellen fest, dass nur sehr wenige Zuwanderer als Straftäter auffallen", sagte Ende 2015 ein leitender Kriminalbeamter im Interview, "diese dann aber häufig eine Vielzahl von Delikten begehen."

  • Welche Rolle spielen Bürgerwehren in Deutschland?

Als Reaktion auf die Vorfälle in der Silvesternacht vor mehr als einem Jahr bildeten sich unter anderem in Köln sogenannte Bürgerwehren - darüber unterhalten sich zu Beginn des aktuellen "Tatorts" auch die Ermittler Ballauf und Schenk. Der erzählt, es würden noch immer neue Bürgerwehren entstehen, "je nachdem, wie die Stimmung gerade ist in diesem, unseren Lande".

Vor einem Jahr hatten sich viele dieser Gruppen gebildet - angeblich, um in den Innenstädten wieder für Sicherheit zu sorgen. Die Sicherheitsbehörden sehen das kritisch: "Es ist nicht die Aufgabe von Bürgerwehren oder anderen selbst ernannten Hobby-Sheriffs, Polizei zu spielen", sagte Innenminister Thomas de Maizière im Sommer. Sascha Braun von der Polizeigewerkschaft warnte zudem: "Die Gefahr liegt vor allem darin, dass sich Menschen selbst in Gefahr begeben, ohne entsprechend ausgebildet zu sein."

Zwar gibt es seit einiger Zeit auch in anderen Ländern Bürgerwehren - etwa in Finnland oder Osteuropa - , in Deutschland jedoch ist dieses Phänomen inzwischen offenbar wieder bedeutungslos. "Wir haben aktuell keine Erkenntnisse, dass es in Nordrhein-Westfalen Bürgerwehren in den Innenstädten gibt", sagte zuletzt Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei dem "Deutschlandfunk": "Es war ein temporärer Effekt, der aber relativ schnell nachgelassen hat."

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