Teenagerinnen in Syrien Mit Romantik in den Dschihad gelockt

Zwei Teenager aus Wien rissen im April von zu Hause aus, um nach Syrien zu gehen. Jetzt wollen sie angeblich wieder zurück. Sie sind nicht die Einzigen, die in den Dschihad gelockt - und bitter enttäuscht wurden.

Teenager Samra und Sabina aus Österreich: Suche nach Identität
Interpol

Teenager Samra und Sabina aus Österreich: Suche nach Identität


Paris - Auf den von der Polizei veröffentlichten Fotos wirken Samra und Sabina zunächst wie ganz normale Teenager. Und doch sie sind freiwillig nach Syrien aufgebrochen, um sich den islamistischen Milizen anzuschließen. Zumindest von Samra berichtet die Zeitung "Österreich", sie wolle inzwischen zu ihren Eltern zurück. Die Zeitung berichtet, beide seien an IS-Kämpfer verheiratet worden.

Das Schicksal der beiden Teenager hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Was sie zu einem solchen Schritt bewogen haben mag, bleibt ebenso rätselhaft, wie ihre Begeisterung für ein Leben an der Seite eines radikalen Glaubenskriegers. Und sie sind nicht die Einzigen, die sich mit dem Versprechen, den Islamisten in Syrien helfen zu können, auf den Weg gemacht haben. Die österreichischen Behörden hätten gerade wieder drei Mädchen aufgehalten, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Das jüngste sei erst 14 Jahre alt gewesen.

Dem Internationalen Zentrum für Studien zur Radikalisierung am Londoner King's College zufolge sind inzwischen mehr als 150 junge Frauen dem Ruf gefolgt. Auch die junge Französin namens Nora ist eine von ihnen. Seit Monaten ist die 15-Jährige in Syrien. Ihr Bruder Foad ist verzweifelt: Immer wieder habe seine Schwester am Telefon die Familie angefleht, sie zu retten.

Im Mai habe er sie dann nach monatelanger Suche endlich ausfindig gemacht. "Als ich ins Zimmer kam und sie mich sah, hörte sie gar nicht mehr auf zu weinen und klammerte sich an mich", erzählt der 37-jährige französische Lkw-Fahrer marokkanischer Herkunft. Doch dann war der Schock groß. "Als ich sie fragte, kommst Du mit zurück, fing sie an, ihren Kopf gegen eine Wand zu schlagen und zu schreien: 'Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht'." Foad ist überzeugt, dass der Französisch sprechende Befehlshaber seiner Schwester mit der Exekution gedroht hat, sollte sie gehen.

Unbekanntes Doppelleben

An einem Nachmittag im Januar sei Nora völlig überraschend für ihre Familie nach Syrien aufgebrochen, erzählt der Bruder. "Drei Tage später erhielten wir eine Nachricht, in der sie sagte, sie sei in Aleppo, sie sei glücklich, habe genug zu essen - so als wäre sie in Disney World." Dabei sei sie früher ein ganz normales, fleißiges Mädchen gewesen und habe sich für Disney-Filme interessiert. Aber es gab offenbar auch eine andere, bis dahin unbekannte Seite von ihr. Nora habe ein Doppelleben geführt, meint Foad. Unbemerkt von der Familie habe sie begonnen, sich dem radikalen Islam zuzuwenden. Erst nach ihrem Verschwinden habe die Familie ein zweites Handy, einen zweiten Facebook-Account und islamische Kleidungsstücke entdeckt.

In ihrem Facebook-Account seien Aufrufe für den Dschihad zu lesen und Bilder verstümmelter syrischer Kinder zu sehen gewesen, erzählt Foad weiter. Seit Mai hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester gehabt. Wo er sie getroffen hat, will Foad auf Anraten der französischen Polizei nicht sagen. Auch seinen eigenen vollen Namen will er nicht veröffentlicht sehen, um seine Familie zu schützen.

Brutale Konfrontation mit der Wirklichkeit

In Syrien angekommen, darin sind sich Experten und Angehörige einig, erfahren die Frauen dann ihr wahres Schicksal: Zwangsheirat mit islamistischen Kämpfern, strenges Einhalten des islamischen Rechts, ein Leben unter ständiger Beobachtung und wenig Hoffnung auf Heimkehr. Nora lebt ihrem Bruder zufolge bei einem engen Berater eines Emirs und betreut Kinder von Dschihadisten. Einer Zwangsheirat, die ein Anwerber und früheres Mitglied der radikalislamischen Nusra-Front eingefädelt habe, habe sie entgehen können. Der Mann befinde sich jetzt in Frankreich in Haft.

Der Dschihad-Expertin Dounia Bouzar zufolge gehen die Anwerber immer raffinierter vor. Einige der Mädchen würden per Facebook kontaktiert oder auf Dating-Seiten. Ein Trend, der auch in Deutschland bekannt ist. Im Internet werde eine Dschihad-Romantik verbreitet, sagte jüngst Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Sie werde von Frauen dazu genutzt, andere Frauen anzuwerben. "Sie wollen Märtyrer heiraten", sagt der schwedische Terrorismus-Experte Magnus Ranstorp. "Es gibt fast eine Art Obsession mit dem Paradies und dem Leben nach dem Tod, was es zu so etwas wie einem Todeskult macht. Der Tod zählt mehr als das Leben."

mik/Reuters



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