Drama um Scherzanruf bei Kate: Ein Sender für Krawall

Eine Krankenschwester stirbt, kurz nachdem sie Opfer eines Telefonstreichs auf Kosten der britischen Königsfamilie wurde. Die Verantwortlichen beim australischen Sender 2DayFM zeigen sich "am Boden zerstört". Doch die Radiostation fiel schon häufiger durch grenzwertige Aktionen auf.

London - Am Samstagmorgen stand auf der Internetseite des australischen Radiosenders 2DayFM eine kurze Erklärung zum "tragischen" Tod einer britischen Krankenschwester. Gleich darüber fand sich die Geschichte "Wenn Delphine angreifen": Ein junges Mädchen wird in einem US-Freizeitpark von einem Meeressäuger attackiert. Der Vater filmt trotz Protesten seiner Tochter die Verletzung - während die Mutter ihr versichert, man werde das Ganze schon niemandem zeigen.

Privatsphäre zählt bei 2DayFM auch sonst wenig: Am Dienstag hatten zwei Moderatoren des Senders sich am Telefon als Queen Elizabeth II. und Prinz Charles ausgegeben und so in einem Londoner Krankenhaus Informationen über den Zustand der dort behandelten schwangeren Herzogin Catherine erhalten.

Die Krankenschwester, die den Spaßanruf durchgestellt hatte, wurde später tot aufgefunden. Die Polizei erklärte, man betrachte ihren Tod als "nicht verdächtig"; britische Medien gingen angesichts der Umstände von Selbstmord aus.

Nun ist die Empörung über die Aktion groß. Im Internet wurde 2DayFM mit verärgerten Reaktionen überschwemmt. Auf Facebook schrieben Kommentatoren: "Was für eine Schande Euer Sender ist" oder "Schließt diese Radiostation!!!". Der Sender wurde zudem aufgefordert, eine Entschädigung an die Hinterbliebenen zu zahlen.

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Nach Telefonscherz: Schock über Tod von Kates Krankenschwester
Die Supermarktkette Coles zog Werbespots bei 2DayFM zurück und erklärte, die Australier seien "verärgert und erschüttert über die tragischen Konsequenzen" des Streichs. Auch andere Unternehmen kündigten ihre Werbung. Der australische Kommunikationsminister Stephen Conroy forderte den Medienkontrollrat des Landes auf, die Angelegenheit zu untersuchen.

Die Moderatoren erklärten, sie seien tief betroffen über den Tod der Krankenschwester, und legten ihre Arbeit bis auf weiteres nieder. "Ich habe heute morgen mit beiden Moderatoren gesprochen, und man kann sagen, dass sie am Boden zerstört sind", sagte Rhys Holleran, Chef der Mediengruppe Southern Cross Austereo, zu der 2DayFM gehört. Man habe den beiden auch psychologische Unterstützung angeboten. "Diese Leute sind keine Maschinen, sondern Menschen", sagte Holleran.

Der Austereo-Chef versprach, das Unternehmen werde mögliche Ermittlungen unterstützen. Er sei aber sicher, dass man keine Gesetze gebrochen habe. Schließlich gebe es seit Jahrzehnten Telefonstreiche. "Es gibt sie nicht nur bei einer Radiostation, einem Senderverbund oder einem Land, sondern in der ganzen Welt."

Vergewaltigungsbeichte einer 14-Jährigen

Doch 2DayFM fiel bereits in der Vergangenheit durch geschmacklose Aktionen auf. Im Jahr 2009 hatte ein anderer Moderator des Senders eine 14-Jährige dazu gebracht, im Radio eine angebliche Vergewaltigung zu enthüllen. Zuvor hatte der Journalist unter anderem öffentlich Muttermilch getrunken und in einem Wettbewerb den kleinsten Penis von Sydney suchen lassen.

Der Auftritt mit der 14-Jährigen war sogar vom damaligen Premierminister Kevin Rudd verurteilt worden. Als Konsequenz verkündete die australische Medienaufsicht im Mai verschärfte Auflagen für 2DayFM. Das Programm des Senders dürfe "allgemeine Anstandsregeln" nicht verletzen und müsse die "demografischen Charakteristiken des Publikums" berücksichtigen.

Den jüngsten Telefonstreich hatte allerdings selbst Prinz Charles zunächst auf die leichte Schulter genommen. "Woher wollen Sie wissen, dass ich kein Radiosender bin?", scherzte er, als ihn ein Reporter um ein Statement zur Schwangerschaft seiner Schwiegertochter bat. Der Tod der Krankenschwester lässt die Aktion nun aber in einem anderen Licht erscheinen. Schließlich diskutiert Großbritannien nach dem Skandal um die "News of the World" derzeit selbst über eine verschärfte Kontrolle seiner Medien. Die mittlerweile eingestellte Boulevardzeitung hatte jahrelang Telefone abgehört - auch von Mitgliedern der königlichen Familie. "Genauso hat auch der Abhörskandal begonnen", zitiert der US-Sender CNN einen Kommentar zum Telefonscherz von 2DayFM.

Auch britische Medien hatten ausgiebig über die Aktion berichtet. Die verstorbene Krankenschwester musste zwar laut ihrem Arbeitgeber keinerlei Konsequenzen fürchten, hatte sich den Streich aber offenbar sehr zu Herzen genommen. Die 46-Jährige stammte aus Indien, war verheiratet und Mutter zweier Kinder. Britische Medien beschrieben sie als beliebt, aber äußerst zurückhaltend. "Ich bin ein sehr nervöser Mensch", schrieb die Frau laut "Daily Telegraph" in einem Internet-Statement für ihren Fahrlehrer, nachdem sie im vergangenen Jahr ihren Führerscheintest bestanden hatte.

Die australischen Radiomoderatoren hatten sich nach dem Streich verwundert gezeigt, wie leicht sie die Krankenschwester und eine Kollegin hereinlegen konnten. "Wir waren sehr überrascht, dass unser Anruf durchgestellt wurde", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. "Wir dachten, die würden auflegen, sobald sie unsere schrecklichen Akzente hören."

dab/Reuters/AP/dpa

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