Europas Werte nach dem Terror Wer sind "die", wer sind "wir"?

"Unsere Werte", diese Wendung ist derzeit äußerst beliebt - und gefährlich. Denn sie suggeriert Einigkeit, wo keine ist. Das muss und darf nicht so bleiben.

Ein Kommentar von


"Ich habe fünf Jahre lang neben dem Bataclan gewohnt", so beginnt der Artikel des Frankreich-Korrespondenten der "Welt am Sontag". Der Journalist hat einen sehr persönlichen Text über sein Leben in Paris geschrieben. Nachvollziehbar, nah dran, menschlich. Dann kam ein Absatz, der nachdenklich macht:

"Es gibt keinen Zweifel, was die Terroristen treffen wollten: Uns. Unsere Freiheit, unsere Werte. Unsere Lust an diesem Leben hier."

"Unsere Werte". Diese Wendung ist seit den Anschlägen en vogue. "Wir geben unsere Werte nicht auf", schrieb die "Frankfurter Rundschau" und änderte die Überschrift später in "Die Freiheit nicht aufgeben". "Wir werden unsere Werte verteidigen!", formulierte "Der Westen", als würden die Redakteure gleich einen halben Tag frei machen, um selbst zu den Waffen zu greifen.

Doch welche Werte genau? Bestimmt hat jeder von Ihnen jetzt schon eine oder sogar mehrere Antworten im Kopf. Und vielleicht kamen auch die Redakteure der "Frankfurter Rundschau" ins Grübeln. Wie viele Menschen teilen eigentlich dieselben Antworten, dieselben Werte?

Worthülse "unsere Werte"

Gibt man "unsere Werte" bei Google ein, ist der erste Treffer nicht der Wikipedia-Eintrag zum Grundgesetz oder zu den zehn Geboten. Es sind Seiten des Haushaltsgerätebauers Siemens und des IT-Dienstleisters Atos.

Klickt man auf solche Links, findet man dort garantiert die aufgeblasensten, diffusesten, realitätsfernsten Wortwolken des gesamten Internetauftritts der Firmen.

Das liegt daran, dass "unsere Werte" eine Wendung ist, die einiges aushält, ein bequemer Schuh, der jedem passt. "Werte" haben Unternehmen, die uns damit etwas verkaufen wollen; Nationalisten, die keine Einwanderer in ihrem Land wollen; Neoliberale, die unsere Marktwirtschaft gefährdet sehen; Gegner der Todesstrafe; Firmenmanager, die Angst um ihre Aktienkurse haben.

Sie waren noch nicht dabei? _______________________________ - hier ist Platz, um sich und Ihre Werte einzureihen.

Unsere Werte sind derzeit schwierig zu fassen. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn wer sich seiner Werte nicht sicher ist, hat das Glück, dass sie lange nicht bedroht wurden. Es bedeutet aber auch, dass sich nicht nur Waschmaschinenhersteller, sondern auch unterschiedlichste politische Gruppen dieser Wendung bemächtigt und sie mit ihren Inhalten aufgeladen haben. Der bloße Ruf nach dieser momentan recht verquollenen in mancher Menschen Argumentation gefährlichen Wendung kann also momentan nicht weiterhelfen. Denn sie vereinigt Gruppen, deren Interessen nichts miteinander zu tun haben. Hinter der Worthülse "unsere Werte" gibt es im Augenblick kein "uns".

Schrecklich - und schrecklich einfach

Das führt zu einem weiteren Konstrukt, das sich momentan in der Beschwörung "unserer Werte" verbirgt - und das die Probleme noch stärker offenlegt: das "wir" und daraus folgend, das "die".

"Die" das sind IS, ISIS, ISIL, DAESH und "wir" ... der Westen? Die fundamentalistische Auslegung einer Religion gegen einen losen Zusammenschluss von Nationen? Diese Gegenüberstellung wirkt nicht ohne Grund problematisch. Doch wo die beiden Gruppen vergleichbar werden, ist auf der Ebene der Werte. Der IS vertritt eine fundamentalistische Auslegung des Islam, die Terror, Mord und Selbstmord mit dem Paradies belohnt, wenn es gegen "die Ungläubigen" geht. Das ist schrecklich, auch schrecklich einfach.

Deshalb ist es wichtig, dass auch wir wieder klare Werte formulieren, auf die wir uns einigen können. Und einige Gruppen müssen verstehen, dass es zu kurz gedacht wäre, diese Werte an eine Konstruktion wie "Europa" oder "der Westen" zu knüpfen.

Zu einer Wertegemeinschaft gegen den Terror zählen dann nämlich auch all jene, die derzeit auf Fotos im Netz Schilder hochhalten: "Wir sind Muslime, wir sind keine Terroristen" und alle, die vor dem IS-Terror, der nun Paris getroffen hat, nach Europa geflüchtet sind.

Eine unvorstellbare Zwickmühle

Trotz offener Bekenntnisse gegen radikalen Islamismus sind Muslime momentan stärker von Terror betroffen, als die meisten Europäer. Denn sie werden nicht nur von IS bedroht, sondern auch von manchen populistischen Politikern und besorgten Bürgern, die sie pauschal verdächtigen und mit verurteilen, die sie gängeln und verängstigen. Eine unvorstellbare Zwickmühle: Syrer, die vor dem Terror im eigenen Land fliehen, von eben diesem Terror in Europa eingeholt werden - und sich dann auch noch anhören müssen, sie seien eine Gefahr für die Sicherheit.

Wenn wir uns also zunächst als "Gegner des Terrors" zu einer Wertegemeinschaft zusammenfinden, sind alle ausgeschlossen, die versuchen, die Welt mit Terror zu verändern. Also auch jene Art von Terroristen, die Asylbewerberheime anzünden, jene, die eine Drohkulisse aufbauen, indem sie vor Flüchtlingsunterkünften campieren, alle, die Flüchtlinge drangsalieren, verletzen oder unter Generalverdacht stellen wollen.

Es ist nicht einfach, eine klare Linie zwischen "uns" und "denen" zu ziehen. Deshalb ist es um so wichtiger, dass wir "unsere Werte" jetzt nicht nur beschwören, sondern sie auch formulieren.

Wenn es ein "wir" gibt, wenn es Werte gibt, hinter denen sich eine breite Mehrheit versammeln will, ist das Einende die Verurteilung von Terrorakten und der Wunsch nach Frieden. Das ist doch ein Anfang. Auf der anderen Seite bleibt dann eine vergleichbar kleine Gruppe von Menschen, die bereit ist, für ihre Werte Angst zu verbreiten und sie anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Zu denen zählen in diesen Tagen jedoch nicht nur radikale Islamisten.

Zum Autor
  • Jeannette Corbeau
    Benjamin Maack ist Redakteur im Panorama-Ressort von SPIEGEL ONLINE.



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