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Therapie für Pädophile: "Wir können die Fantasien nicht verschwinden lassen"

Lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren: Das Projekt "Kein Täter werden" hilft Pädophilen im Umgang mit ihrer Störung. Therapeutin Petya Schuhmann erklärt im Interview, wie riskante Situationen vermieden werden sollen.

Puppe auf Waldboden: Projekt "Kein Täter werden" will Übergriffe auf Kinder verhindern Zur Großansicht
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Puppe auf Waldboden: Projekt "Kein Täter werden" will Übergriffe auf Kinder verhindern

Hamburg - An acht Standorten in Deutschland bietet das Projekt "Kein Täter werden" kostenlose Therapien für Pädophile an. Das Ziel: sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche zu verhindern. Gegründet wurde das Projekt 2005 an der Berliner Charité, seit 2010 existiert es auch an der sexualwissenschaftlichen Ambulanz der Universität Regensburg.

In zwei Gruppen von sechs bis zehn Personen treffen sich Pädophile dort einmal pro Woche. Hinzu kommen Betroffene in Einzeltherapie und Patienten, die alle drei bis vier Wochen zur Beratung kommen. Medikamente zur Senkung der Testosteronproduktion werden angeboten, sind aber nicht verpflichtend. Sie dämpfen das sexuelle Verlangen.

Die Pädophilen werden in Regensburg von vier Therapeuten betreut - eine von ihnen ist Psychologin Petya Schuhmann, 31. Im Interview erklärt sie, worauf es bei ihrer Arbeit ankommt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schuhmann, an der Uni Regensburg sind gerade 30 Pädophile in Behandlung. Lehnen Sie auch Patienten ab?

Schuhmann: Ja, ein Ausschlusskriterium ist zum Beispiel, wenn die Justiz bereits tätig geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Männer, die sich an Kindern vergangen haben, aber nicht gefasst wurden, kommen auch zur Behandlung?

Schuhmann: Ja, die nehmen wir auch auf. Es geht um Prävention. Wir wollen verhindern, dass noch mal etwas geschieht. Normalerweise melden sich bei uns Männer, die ihre pädophile Neigung spüren und darunter leiden. Sie befürchten, dass sie übergriffig werden könnten und suchen deshalb Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen, was können Sie erreichen?

Schuhmann: Wir haben drei Ziele: Keine Übergriffe auf Kinder, kein Konsum von Kinderpornografie, akzeptieren der Störung. Vereinfacht gesagt sollen die Betroffenen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren und mit der Störung umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, ein Pädophiler fährt mit dem Bus zur Arbeit und trifft dabei zwangsläufig jeden Tag Schulkinder. Wie gehen Sie vor?

Schuhmann: Wir setzen uns in der Gruppe mit solchen Situationen auseinander: Welche Gedanken kommen auf? Welche Gefühle? Wie verhalte ich mich? Diesen Fragen gehen wir nach und entwickeln Alternativen. Das können ganz einfache Lösungen sein: einen Bus früher oder später nehmen, zum Beispiel. Strategien zur Vermeidung von Risiko sind Teil der Therapie.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie verhindern, dass sich ein Patient alleine zu Hause vor den Computer setzt und Kinderpornos schaut?

Schuhmann: Wir sprechen viel mit den Patienten darüber, wie diese Bilder entstehen. Oft ist ihnen nicht ganz klar, dass jede Form von Kinderpornografie Missbrauch bedeutet. Die Patienten denken: "Was ist so schlimm daran, wenn ich mir nackte Kinder ansehe?" Wir vermitteln ihnen: Das ist Missbrauch, das ist ein indirekter Übergriff.

FAQ: Wenn Erwachsene Kinder attraktiv finden
SPIEGEL ONLINE: Spielen die Erfahrungen von Missbrauchsopfern auch eine Rolle?

Schuhmann: Ja, etwa wenn wir Beispielbriefe von Opfern lesen und besprechen. Die Patienten reagieren oft mit Bestürzung und Scham. Viele haben sich bisher nicht mit dem Gedanken auseinandergesetzt, wie Missbrauchsopfer fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht zwischen den einzelnen Gruppensitzungen?

Schuhmann: Wir geben den Patienten Übungen mit. Sie sollen zum Beispiel einen Brief an ein fiktives oder echtes Opfer schreiben. Es geht darum, die Gefühle eines Opfers wahrzunehmen und sich zu entschuldigen. Abgeschickt werden die Schreiben aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Patienten sich in kritischen Situationen selbst helfen?

Schuhmann: Wir arbeiten zum Beispiel daran, dass sie jemanden anrufen, wenn sie sich einsam fühlen und den Drang verspüren, Kinderpornos zu schauen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Es ist wichtig, jemanden zu finden, dem man sich anvertrauen kann. Das können die Eltern sein, die Schwester, die Partnerin. Jemand, der Bescheid weiß. Jemand, den man anrufen kann in Situationen, in denen man sich schwach fühlt und Ablenkung braucht. Beziehungen zu Erwachsenen entwickeln ist ein wichtiger Schritt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Pädophilen bei Ihnen in der Regel Einzelgänger?

Schuhmann: Nein, ungefähr 60 Prozent der Menschen, die sich melden, haben einen erwachsenen Partner.

SPIEGEL ONLINE: Aber ihre Neigung ist ihr Geheimnis?

Schuhmann: Die meisten tragen es mit sich selbst herum.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie sonst sozial geächtet werden?

Schuhmann: Leider, ja. Im Laufe der Therapie kommt es aber meistens dazu, dass die Pädophilen jemanden finden, mit dem sie reden können. Wir üben das mit Rollenspielen und bereiten auch auf die Enttäuschung vor, falls derjenige sich doch abwendet. Aber das passiert selten. Meistens reagieren Partner oder Freunde gut. Wenn Pädophile merken, es gibt jemanden, der sie akzeptiert, fällt es ihnen leichter, die Störung selbst zu akzeptieren und zu sagen: "Ich bin wertvoll, obwohl ich pädophil bin."

SPIEGEL ONLINE: Der Kontakt zu Kindern wird sich ja nie ganz vermeiden lassen. Was ist mit Pädophilen, die mit Kindern arbeiten oder selber welche haben wollen?

Schuhmann: Ein Pädophiler findet nicht automatisch seine eigenen Kinder erregend. Wir haben Patienten, die ihre Kinder überhaupt nicht sexuell anziehend finden. Aber das weiß man vorher nicht. Was das Berufliche angeht, arbeiten wir eher in Richtung Neuorientierung. Die Patienten sind sonst einfach vielen Risikosituationen ausgesetzt und merken, dass sie sich unnötig selber belasten.

SPIEGEL ONLINE: Wie vermitteln Sie den Betroffenen, dass sie ihr Leben lang keine sexuelle Befriedigung bekommen werden?

Schuhmann: Das stimmt eben nicht. Man kann ausschließlich pädophil sein, aber seine Sexualität dennoch mit erwachsenen Partnern ausleben. Offenheit ist dabei sehr wichtig, wir bieten deswegen auch Paarsitzungen an. Die Fantasie spielt eine große Rolle. Das gilt auch für Selbstbefriedigung. Viele Patienten haben die falsche Vorstellung, dass wir ihre Fantasien verschwinden lassen. Das können wir nicht. Mit Medikamenten lässt sich die Häufigkeit und die Intensität dämpfen, aber der Betroffene hat noch immer pädophile Fantasien. Und wir verbieten ihnen auch nicht die Selbstbefriedigung mit solchen Gedanken. Solange sie niemandem schaden, ist keine Grenze überschritten.

Die Fragen stellte Hendrik Ternieden


Mehr Informationen zu "Kein Täter werden" finden Sie auf der Website des Projekts.

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