Kein Bett für mich in Basel. "Tut mir leid, Ihr Zimmer wurde für Freitagnacht reserviert", sagt der Mann an der Hotelrezeption. "Heute sind wir leider ausgebucht." Donnerstagnacht, 23 Uhr. Freitag soll ich im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Basel lesen. Die Organisatoren haben Flug und Übernachtung gebucht, nur leider passten die Buchungen nicht zueinander.
Ärgerlich ist so etwas immer, in meinem desolaten Zustand ist es ein Alptraum: Die Reise hat mich völlig geschafft, ich möchte nur noch liegen. Die Frage ist: wo? Ein freies Hotelzimmer zu finden, erweist sich als schwierig, die Stadt ist voll. Der Mann an der Rezeption telefoniert beinahe eine Stunde lang, dann hat er ein Zimmer für mich gefunden, endlich. Glück im Unglück, das Hotelzimmer ist hell und freundlich, vor dem Fenster fließt der Rhein.
Allerdings, spätestens wenn das Licht verlischt, ist jedes Einzelzimmer in einer fremden Stadt ein kalter, einsamer und irgendwie unwirtlicher Ort. Ich schlafe schlecht, wie immer, wenn ich ein oder zwei Nächte alleine in einem Hotel verbringe. Nach dem Frühstück bleiben mir noch drei Stunden Zeit bis zum Beginn meiner Lesung. Die Baseler Altstadt liegt vor der Hoteltür, es würde sich lohnen, hinaus auf die Straße zu gehen. Allein, mir fehlt die Energie.
Ich fühle mich zerschlissen, also zurück ins Bett, Kraft schöpfen für die Veranstaltung und die Rückreise. Ich muss mir meine Energie einteilen. Zwölf Wochen noch, dann ist die Hepatitis-C-Behandlung mit all ihren Nebenwirkungen vorüber. Ich kann es kaum erwarten, dass der Tag für mich wieder mehr als drei oder vier Stunden hat und der Schlaf eine ganze Nacht dauert. Freitagnacht, nach meiner Rückkehr, setze ich mir die 36. Interferonspritze.
Sonntagnacht warte ich wieder vergeblich auf den Schlaf. In dieser Nacht erscheint mir meine Wohnung beinahe wie ein Hotelzimmer, ungastlich, irgendwie leer. Ich nehme meinen iPod mit ins Bett, er spielt gegen die Stille an, die Musik vermag die Leere nur notdürftig zu füllen. Gegen fünf Uhr morgens falle ich in einen unruhigen Schlaf.
Ein oder zwei Wochen zuvor hat sich ein Leser per Mail über meine Kolumne beschwert, er vermisse die gesellschaftliche Relevanz, meine Texte seien "eine Chronik des Jammerns" und geprägt von "Banalem und Irrelevantem, für die Leser so interessant wie eine Chronik über Hämorrhoiden bei Rentnern".
Auch wenn der Ton meiner Meinung nach unangemessen beleidigend ist, kann ich seinen Grundeinwand nachvollziehen. Sicher, es ist nicht von gesellschaftlicher Relevanz, dass ich beim Kartenspielen verliere, Termine vergesse, nachts häufig auf die Toilette muss und unter Schlaflosigkeit leide. Aber macht nicht gerade dass, was der Leser als banal bezeichnet, unseren Alltag aus? Und eine der größten Herausforderungen während der Hepatitis-C-Therapie besteht meiner Meinung nach darin, eben diesen banalen Alltag zu bewältigen, trotz all der psychischen und physischen Einschränkungen und Veränderungen, die die Behandlung mit sich bringt.
Diese Veränderungen sind leider oft so gravierend, dass sie mich völlig vereinnahmen und mir den Blick über den Tellerrand der Nebenwirkungen hinaus, hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive, verbauen. Gefangen im Behandlungsghetto.
Anfang der Woche war im SPIEGEL zu lesen, dass sogar der an Krebs erkrankte Großschriftsteller Walter Kempowski in seinen Tagebuchaufzeichnungen seinen gesteigerten Harndrang der Erwähnung wert befindet. Irgendwie tröstlich, auch wenn ich mich nie mit so einem literarischen Schwergewicht vergleichen würde.
Überhaupt scheinen schwere und langwierige Krankheiten, so unterschiedlich sie sein mögen, die Menschen vor durchaus vergleichbare Probleme zu stellen. Eine Leserin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, schreibt in ihrer Mail von einer Herzoperation ihres Mannes, mehr als zehn Jahre zuvor. Nach der Operation waren immer wieder extreme Komplikationen aufgetreten - Amnesie, Entzündungen, Thrombose, Leukopenie, suizidale Tendenzen - die starke medikamentöse Behandlung, Krankenhausaufenthalte und vor allem eine massive Veränderung des Alltags, eine Einschränkung der Lebensqualität und der Leistungsfähigkeit nach sich zog.
Seit dieser Zeit seien die Beziehung und das Familienleben von der Krankheit geprägt und beherrscht, eine große Belastung für beide. Sie schreibt auch davon, wie beide immer wieder Trost und Hoffnung aus kleinen Fortschritten und glücklichen, gemeinsamen Momenten schöpfen.
Eine andere Leserin schrieb mir von ihrer Beziehung zu einem suchtkranken Mann, die sie Jahre zuvor beendet hatte, weil sie sich der Belastung, die seine Krankheit für die Beziehung und den Alltag bedeutete, nicht gewachsen fühlte, von ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen. Zumindest für die Beteiligten scheint die Krankheit und die banale Veränderung des Alltags eine elementare Bedeutung zu haben.
Dienstag erfahre ich die Ergebnisse meiner Blutuntersuchung - das Virus ist weiter nicht feststellbar, die Leberwerte sind in Ordnung, die Anämie hat sich auf einem stabilen Wert eingependelt. "Sieht gut aus", sagt mein Arzt. "Jetzt musst du nur noch die letzen Wochen hinter dich bringen." Werde ich, ganz sicher.
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