Kreativtraining in Favela: Senhor Tom und seine Monster

Von Simone Utler

Nachts hörte er Schüsse, tagsüber nähte er bunte Stoffmonster: Der deutsche Designer Thomas Lupo zog für sechs Monate in ein brasilianisches Armenviertel - um mit Kindern der Favela zu basteln.

Belo Horizonte: Basteln, malen und fotografieren mit Favela-Kids Fotos
Thomas Lupo

Hamburg - Kinder in Deutschland malen oft Häuser. Oder Bäume. Oder ihre Familie. Oder ein Auto. Die Kids aus Morro do Papagaio stehen total auf Monster. "Da kann man nichts falsch machen, jedes Monster ist individuell und damit genau richtig so, wie es geschaffen wurde", erklärt Designer Thomas Lupo. "Es ist egal, wie viele Arme, Beine und Augen ein Wesen hat - die Kinder können sich austoben."

Lupo ist Grafiker und Designer aus Deutschland, Morro do Papagaio, der Papageienhügel, ist eine Favela im brasilianischen Belo Horizonte. Etwa 16.000 Menschen leben hier. Lupo war im Sommer 2009 für sechs Monate in dem Armenviertel und leitete ein Kreativtraining für Kinder. Inzwischen hat er die Ergebnisse seiner Arbeit in einem Buch zusammengefasst.

"Ich glaube an die Kraft der Kreativität, die in jedem Menschen steckt. Über Kunst können junge Menschen ihr Potential entdecken", erklärt der Designer seine Vision, die ihn in die Favela brachte. "Wenn die Kinder entdecken, 'wow, ich kann da was', fördert das Integration, Toleranz und Selbstvertrauen."

Kleine Monster aus Stoff machten Pauliana von einem einfachen Mädchen zu einer Lehrerin. Als junges Mädchen hatte sie von ihrer Mutter gelernt, wie man näht. Inzwischen ist die 16-Jährige eine Künstlerin im Umgang mit Nadel und Faden, und so ist es für sie ein Leichtes, aus blauem und weißem Stoff, schwarzem Garn und schwarzen Knöpfen Stoffpuppen zu fertigen - und anderen Kindern bei ihren Phantasiefiguren zu helfen. "Für Pauliana sind diese kleinen Monster mehr als nur leblose Puppen. Sie kümmert sich fürsorglich um alle entstandenen Figuren", sagt Lupo der mit den Kindern und Jugendlichen die Puppen gebastelt hat.

Lupo selbst wurde als Kind inspiriert, von seinem Großvater, dem er oft beim Zeichnen zugesehen hat. Er studierte Grafikdesign und arbeitet heute bei einer großen Werbeagentur als Art Director. "Gerade der Designbereich ist oft oberflächlich. Der Job macht Spaß, aber in unserer Branche ist vieles extrem kurzlebig."

Bellende Hunde, tobende Kinder, Schüsse

Kurz nach seiner Hochzeitsreise, die ihn nach Brasilien führte, entstand der Plan: mehrere Monate als Hausmeister in einem Hort in der Favela arbeiten und ein Kreativtraining für die Kinder anbieten. Lupo schrieb zwei Einrichtungen an - und wurde von einer eingeladen.

Als er auf dem Papageienhügel ankommt, hat er in seinem Gepäck alles, was man zum Kreativsein brauchen könnte: Pappe, Transparentpapier, Schaumstoff, Stoffe, Wäscheklammern, Tusche, Kreide, Klebstoff, Kameras, DVD-Rohlinge und Chemikalien, um Fotos zu entwickeln.

Anfangs lässt Lupo die Jungen und Mädchen, die zwischen 8 und 16 Jahre alt sind, mit Farben und Formen experimentieren und einfach drauflosmalen.

Für den deutschen Werber sind die ersten Wochen in der Favela nicht einfach. Um engen Kontakt zu den Bewohnern zu bekommen, bezieht Lupo ein kleines Zimmer in dem Viertel. Der Raum ist schlicht aber sauber, er hat keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine, die Toilette ist nebenan. Anfänglich machen ihm vor allem nachts die fremden Geräusche zu schaffen. Er hört laute Musik, das Bellen der Hunde, tobende Kinder - und immer wieder Schüsse. "Am Anfang bin ich nur tagsüber rausgegangen." Lupo hat durchaus Zweifel an seinem Projekt.

Viele Kinder wachsen ohne Vater auf

Doch er gewöhnt sich an die Lebensumstände. Und mit dem ersten Kontakt zu den Jugendlichen, die ihn von Anfang an Tom nennen, wächst die Akzeptanz in der Favela. Die 14-jährige Rebecca hilft ihm beim Übersetzen. "Sie hat mir praktisch alles von den Augen abgelesen und funktionierte als eine Art Dolmetscherin."

Rebecca kommt aus zerrütteten Verhältnissen. Der Vater hat die Familie verlassen, nun lebt sie mit Mutter, Schwester und Großvater in einer Hütte, es gibt nur zwei Betten. Etliche Kinder auf dem Papageienhügel wachsen nur bei einem Elternteil auf, meist der Mutter. Manche Väter sitzen im Gefängnis, andere sind abgehauen. "Brasilien ist das Land mit den meisten alleinerziehenden Müttern weltweit", sagt Lupo. In einigen Fällen sei es ihm unangenehm gewesen, nach dem Vater zu fragen. In anderen Fällen habe er bewusst Abstand schaffen müssen, weil er sonst in die Vaterrolle hätte rutschen können.

Lupo wollte nicht im Detail mit den Kindern über ihre Schicksale sprechen, sie therapieren - er wollte einfach mit ihnen basteln. Aus Pappe bauten sie Elektrogeräte und Autos, aus Zigarettenschachteln fertigten sie Lochkameras, mit Gelatine und Wasser heften sie Aufkleber an Strommasten. Einige der jungen Künstler standen schon morgens vor seiner Tür, weil sie es nicht abwarten konnten, dass es losging. Insgesamt nahmen rund 80 Kinder an dem Projekt teil.

Wenn es darum ging, etwas Neues auszuprobieren, war Pedro immer als einer der ersten dabei. Er liebte es, mit Lupos Kamera zu spielen. Viele Fotos, die in dem von Lupo veröffentlichten und mit mehreren Designpreisen ausgezeichneten Bildband "Anleitung zum Ausbrechen" zu sehen sind, stammen von dem Zehnjährigen.

Engagement auch in Afghanistan, Südafrika - und der Schweiz

Für viele Familien ist das Leben in Morro do Papagaio ein täglicher Überlebenskampf. "Die Favela ist einer der wenigen Orte, an denen man für wenig Geld wohnen kann - aber selbst dort ist es nicht einfach", sagt Lupo.

Es gibt zwar Schulen, aber das Niveau ist nicht sehr hoch. "Das ist eine Art Sonderschule, auf der die Kinder nur die Basics lernen. Mittags gehen sie dann in den Hort, wo sie zumindest ein bisschen betreut werden", so Lupo. Er will den Kindern nicht nur beim Entdecken ihrer Kreativität helfen, sondern auch finanziell. Seinen Anteil an dem Verkauf des Bildbandes lässt er in die Favela fließen, um eine Lehrkraft zu finanzieren, die mit den Kindern weiterhin bastelt.

Das Projekt in Belo Horizonte war lediglich der Anfang: Lupo hat den Verein Arthelps gegründet, in dem sich überwiegend Kreative engagieren, die notleidenden Menschen mit Kunst helfen wollen - zum einen vor Ort, zum anderen finanziell von Europa aus.

In Afghanistan hat Arthelps Kinder und Jugendliche mit selbstgebauten Lochkameras unter Anleitung Szenen aus ihrem Alltag fotografieren lassen. In Südafrika betreut der Verein zurzeit ein Kurzprojekt mit Kindern eines Slums am Stadtrand von Kapstadt. Außerdem bereitet er eine Aktion in Indien vor.

"Doch auch hier in Europa gibt es viele Jugendliche, die keine Perspektive haben", sagt Lupo. So hat sein Verein in der Schweiz ein Projekt mit Jugendlichen im offenen Strafvollzug unterstützt. Mittelfristig plant Lupo, mit den Produkten der Kinder ein Label für Design und Mode zu entwickeln. Damit könne man Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. ...
keyoz 11.06.2012
hut ab! eine tolle idee. ich wünsche ihm alles gute für seine projekte!
2. Lupo will nur basteln
Ylex 11.06.2012
Zitat: „Lupo wollte nicht im Detail mit den Kindern über ihre Schicksale sprechen, sie therapieren - er wollte einfach mit ihnen basteln.“ Sehr nett von Lupo, wirklich ein feiner Zug von ihm, mit Favela-Kindern Monster zu basteln, darauf kommt so leicht keiner. Ja, wie originell, das ist doch mal etwas anderes, wenn ein Art Director (Kunstdirektor) für ein halbes Jahr mit Pappe und Kleber in ein Slum geht, um die Kinder beim Ausleben ihrer kreativen Bedürnisse anzuleiten – leider nicht die Kinder, die vor Hunger keine Lust zum Basteln haben, die auf der Müllhalde nach Verwertbarem suchen müssen, die im Dreck krank geworden sind, die verschleppt oder wie Hunde erschossen wurden. Natürlich wollte Lupo mit den Slum-Kids nicht über ihre Schicksale sprechen, denn was hätte er ihnen auch sagen sollen? Dass er nur zum Basteln gekommen ist, ganz einfach – aber lieber nicht, dass sie ihm die Kinder nebenbei dabei helfen, dass er berühmt wird und dass sogar der SPIEGEL dem Bastel-Lupo einen Artikel widmet, der allerdings etwas peinlich wirkt. Doch was tut man nicht alles, um das Elend in der Welt ein bisschen zu lindern...
3. Ahee...
dschuangtsi 11.06.2012
Endlich mal kein völkerverdummender Design-Müll. Es doch noch coole Peoples.
4. - - -
steve3000 11.06.2012
Zitat von YlexZitat: „Lupo wollte nicht im Detail mit den Kindern über ihre Schicksale sprechen, sie therapieren - er wollte einfach mit ihnen basteln.“ Sehr nett von Lupo, wirklich ein feiner Zug von ihm, mit Favela-Kindern Monster zu basteln, darauf kommt so leicht keiner. Ja, wie originell, das ist doch mal etwas anderes, wenn ein Art Director (Kunstdirektor) für ein halbes Jahr mit Pappe und Kleber in ein Slum geht, um die Kinder beim Ausleben ihrer kreativen Bedürnisse anzuleiten – leider nicht die Kinder, die vor Hunger keine Lust zum Basteln haben, die auf der Müllhalde nach Verwertbarem suchen müssen, die im Dreck krank geworden sind, die verschleppt oder wie Hunde erschossen wurden. Natürlich wollte Lupo mit den Slum-Kids nicht über ihre Schicksale sprechen, denn was hätte er ihnen auch sagen sollen? Dass er nur zum Basteln gekommen ist, ganz einfach – aber lieber nicht, dass sie ihm die Kinder nebenbei dabei helfen, dass er berühmt wird und dass sogar der SPIEGEL dem Bastel-Lupo einen Artikel widmet, der allerdings etwas peinlich wirkt. Doch was tut man nicht alles, um das Elend in der Welt ein bisschen zu lindern...
Falsch, ganz falsch. Sie haben die Kinder in Afrika vergessen. Dort hätte er hingehen sollen, denn diesen Kinder geht es wirklich schlecht. Aber da war er sich wohl zu fein für, der Herr Künstlergutmensch. ;-) Im Ernst: Gleich der zweite (!) Beitrag in diesem Thread präsentiert das übliche Motzen, Nörgeln, Meckern. Erst einmal alles besser wissen, erst einmal vom heimischen PC aus alles niedermachen. Er hat den Kindern Ausdrucksmöglichkeiten gegeben. Das verstehen Leute wie Sie natürlich nicht. Als Einzelner kann er nicht aus dem Stand einfach die materielle Not beseitigen. Aber er kann diesen Kindern helfen, Selbstwertgefühl zu entwickeln, in ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Sie ahnen vermutlich nicht einmal, wie wichtig das ist. Mein lieber Herr Gesangsverein, was müssen Sie zynisch und verbittert sein ... Durch einen SPON-Artikel wird man also schon "berühmt"? Und komplett gelesen haben Sie diesen ja wohl auch nicht. Ich darf zitieren: "Er will den Kindern nicht nur beim Entdecken ihrer Kreativität helfen, sondern auch finanziell. Seinen Anteil an dem Verkauf des Bildbandes lässt er in die Favela fließen, um eine Lehrkraft zu finanzieren, die mit den Kindern weiterhin bastelt. [...] Das Projekt in Belo Horizonte war lediglich der Anfang: Lupo hat den Verein Arthelps gegründet [...]" Der Verein betreut weitere Projekte in anderen Ländern und dient dazu, sowohl vor Ort zu helfen wie auch finanziell von Europa aus. Und was, Herr/Frau "Ylex", haben SIE bisher getan?
5. Und ...?
panzerknacker51 11.06.2012
Zitat von sysopThomas LupoNachts hörte er Schüsse, tagsüber nähte er bunte Stoffmonster: Der deutsche Designer Thomas Lupo zog für sechs Monate in ein brasilianisches Armenviertel - um mit Kindern der Favela zu basteln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,829690,00.html
Ist da jetzt ein Kind aus dem Elend raus oder sammeln die weiter Eßbares aus den Müllbergen? Daß sich jemand um die Kinder kümmert, ist eine Sache; eine andere ist, sein Süppchen auf diesem Elend zu kochen und sein eigenes Buch zu promoten. Wie heißt es doch gleich: Tue Gutes und sprich NICHT darüber ...
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