Hamburg - Dieses Titelbild geht um die Welt: Das aktuelle Cover des "Time"-Magazins zeigt eine junge Mutter, an deren Brust ihr Sohn nuckelt - der steht auf einem Stuhl und ist schon fast vier Jahre alt. Bebildert wird damit eine Geschichte, in der thematisiert wird, wie lange Kinder gestillt werden sollen.
Während in aller Welt heftig über das Titelbild und das dahinterstehende Thema diskutiert wird, haben die Macher des Magazins uneingeschränkten Grund zur Freude. "Time" verkaufte an einem Tag mehr Online-Abos als in einer normalen Woche, sagte Richard Stengel, leitender Redakteur des Magazins, der Tageszeitung
"The Indianapolis Star".Stengel betonte in dem Interview jedoch vor allem die journalistischen Absichten des Magazins: "Es ist Teil unseres Jobs als Journalisten Diskussionen anzustoßen und die Menschen zum Nachdenken zu bringen" Genau das habe er im Sinn gehabt, als er seine Zustimmung zur Veröffentlichung des Covers gab, sagte Stengel dem "Star" am Samstag. Abertausende - wenn nicht sogar Millionen - Menschen werden so auf eine Geschichte aufmerksam, von der sie sonst nicht gewusst hätten.
Die Geschichte zu dem Foto befasst sich mit der Arbeit des Kinderarztes Bill Sears. Der inzwischen 72-Jährige schrieb vor fast 20 Jahren das Buch "The Baby Book" und prägte das sogenannte Attachment Parenting (auf Deutsch etwa: bindungsorientierte Elternschaft). Dieser Philosophie zufolge ist eine enge Bindung der Eltern zum Kind eine entscheidende Grundlage für die emotionale Stabilität des Kindes im Erwachsenenalter. Körperliche Nähe wie das gemeinsame Schlafen und auch das verlängerte Stillen spielen darin eine besondere Rolle.
Fotograf orientierte sich an Madonnen-Bildern
Fotograf Martin Schoeller, von dem die Aufnahme stammt, hatte im Rahmen des Cover-Shootings insgesamt vier Familien aus verschiedenen Teilen der USA fotografiert, die diese Philosophie vertreten. Als Vorlagen hätten religiöse Madonnen-Bilder gedient - doch bei den Aufnahmen stieß Schoeller nach eigenen Angaben an physische Grenzen: "Wenn man an Stillen denkt, denkt man an Mütter, die ihre Kinder halten. Das war aber mit einigen der Kinder unmöglich", erklärte er in einem das "Time"-Cover erklärenden Text.
Stengel denkt dem Blatt zufolge nicht daran, sich für das Titelbild zu entschuldigen - ganz im Gegenteil: "Menschen sprechen darüber und das ist nützlich", sagte der Journalist, der für einen Vortrag an der Universität in Indianapolis war. Es entbehre nicht einer gewissen Komik, dass einige meinen, das Cover übertrete die Grenzen des guten Geschmacks: Das Foto eines natürlichen elterlichen Verhaltens sei deutlich weniger besorgniserregend als Bilder von Gewalt, die Amerikaner jeden Tag im Fernsehen oder bei Computerspielen sähen - und ignorierten.
Der "Time"-Mitarbeiter war lange vor Veröffentlichung des Titels von der Butler-Universität in Indianapolis eingeladen worden, um über Medien und Technologie zu sprechen. Das Thema des verlängerten Stillens stand nicht auf der Agenda, sagte Stengel, der im Interview mit dem "Star" sagte, dass seine Frau die gemeinsamen Kinder noch nach deren ersten Geburtstag gestillt habe.
Bereits am Freitag war die Frau, die auf dem Cover zu sehen ist, im Fernsehen aufgetreten. Jamie Lynne Grumet aus Los Angeles, die sich mit ihrem dreijährigen Sohn Aram ablichten ließ, verteidigte in der populären "Today Show" des Senders NBC die Aufnahme: "Wir wussten ganz genau, in was wir damit hineingeraten würden", sagte die 26-Jährige. Sie verstehe, warum "Time" dieses Bild ausgesucht habe: "Es hat solch einen Medienhype ausgelöst, um den Dialog in Gang zu bringen."
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