Anschläge So können Sie mit Kindern über Terror und Gewalt reden

Soll man die Tat von München, den Terror von Nizza oder das Attentat von Würzburg vor Kindern verschweigen? Kleinreden? Ablenken? Ansbert Kneip, Leiter des Kindernachrichtenmagazins "Dein SPIEGEL", rät etwas anderes.

Kinder am Einkaufszentrum in München mit Blumen
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Kinder am Einkaufszentrum in München mit Blumen


Mein Sohn war sieben Jahre alt, als am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasten. Am Tag danach bat er mich, am Computer ein Flugsimulatorspiel zu öffnen und über das virtuelle New York zu kreisen.

In der Microsoft-Version New Yorks standen die Türme natürlich noch. "Flieg drauf zu", verlangte mein Sohn. "Warum?", fragte ich. Seine Antwort warf mich um: "Ich will wissen, was die zum Schluss gesehen haben."

Wie kann ein Siebenjähriger so etwas Grausames durchspielen wollen? Warum will er das wissen?

Ich glaube, die Antwort auf diese Frage hilft auch heute, wenn man mit Kindern über den Amoklauf von München sprechen will, über den LKW-Attentäter von Nizza, den Axt-Anschlag von Würzburg, über die ganzen schrecklichen Nachrichten der letzten Zeit. Und darüber sprechen muss man. Eltern können ihre Kinder vor den Nachrichten nicht bewahren, und sie dürfen sie nicht mit Ängsten und Fantasien allein lassen.

"Das ist nichts für dich", ist die falsche Antwort

Ängste entstehen vor allem durch Nichtwissen: Etwas Schreckliches ist passiert, die Nachrichten sind voll davon, die Erwachsenen reden darüber. Es sind, an einem Abend wie gestern, also eine Menge Informationen, die auf Kinder einprasseln. Aber für viele Kinder sind das alles nur Bruchstücke. Ein steter Fluss von Information ergibt für sie kein Bild.

Schon Erwachsenen fällt es nicht leicht, mal gedanklich zurückzutreten und das Gesehene zu ordnen. Kinder können das erst recht nicht. Und dann setzt die Fantasie ein. So wie bei meinem Sohn, damals am 11. September: Aus dem Nachrichtenstrom hat er sich ein winziges Detail gegriffen. Und er war wohl die ganze Nacht damit beschäftigt, dieses Puzzlestück zu verstehen.

Gerade in letzter Zeit hat es viele Attentate gegeben. Auch Erwachsene beschleicht das diffuse Gefühl: Alles wird immer schlimmer, die Welt gerät aus den Fugen. Kinder kriegen das natürlich mit. Da hilft Ehrlichkeit - und Einordnung. Ein "Das ist nichts für dich" wäre die falsche Antwort, jedenfalls für die meisten Kinder.

Man darf also ruhig sagen: "Ja, es sind viel schreckliche Sachen passiert." Aber man sollte hinzufügen: "Nachrichten berichten immer, wenn etwas Besonderes geschieht. Nachrichten zeigen also nicht, wie die Welt ist. Sie zeigen, was in der Welt an Außergewöhnlichem passiert. An den meisten Orten der Erde passiert die meiste Zeit über nämlich: gar nichts. Das kommt dann nur nicht in den Nachrichten vor."

Ihr Kind fragt nach Details? Erzählen Sie welche!

Auch den Amoklauf von München darf man Kindern ruhig schildern, natürlich ohne grausame Details, ohne Sensationslust: "Jemand hat in einem Einkaufszentrum angefangen zu schießen. Die allermeisten Menschen konnten sich retten, einige leider nicht." Damit machen Sie klar, dass tatsächlich etwas Grausames passiert ist.

Je nach Alter wird Ihr Kind Details wissen wollen. Mein Rat: Erzählen Sie welche. Denn damit können Sie einerseits die Neugierde befriedigen und das Bedürfnis, über den Fall zu sprechen. Aber sie können - andererseits - versuchen, damit die Fantasie in eine Richtung zu steuern. Zum Beispiel: Erzählen Sie, dass sehr viel Polizei vor Ort war, dass die U-Bahn geschlossen wurde, damit der Täter nicht wegfahren konnte.

Ich würde sogar berichten, dass die Polizei anfangs noch dachte, es wären bis zu drei Täter unterwegs. Aber damit das Kind nicht Angst bekommt, irgendwo liefen noch Menschen mit Gewehren herum, würde ich erklären, wie so eine Fehlinformation entsteht: Es haben so viele Menschen angerufen und von dem Täter erzählt, dass die Polizei glauben konnte, es wären mehr als einer. Wer aufgeregt bei der Polizei anruft, kann den Mann nämlich oft gar nicht richtig beschreiben.

Sie können Ihr Kind fragen, ob es ihm denn gelänge, jemanden gut zu beschreiben, den es nur ganz kurz gesehen hat. Spielen Sie das mal durch (natürlich nicht als Bedrohungsszenario). So machen Sie klar: Dass es am Anfang Verwirrung gibt, ist völlig klar.

Warum tun Menschen so etwas?

Und erzählen Sie, dass noch nach dem Amoklauf Menschen zum Einkaufszentrum kamen, die gar nicht mitgekriegt hatten, was da los war. Die wollten einfach nur nach Feierabend schnell noch was kaufen. Selbst in München, zum Zeitpunkt der Tat, war die Mehrzahl der Menschen gar nicht betroffen. Das ist kein Verharmlosen. Aber Sie rücken damit das Geschehen ein wenig aus dem Zentrum: Ja, es ist schrecklich, aber es sind nicht alle überall betroffen.

Bleibt die Frage nach dem Motiv: Warum tun Menschen so etwas? Ein Amokläufer kann krank sein. Ein Terrorist will Schrecken verbreiten und glaubt, dass er ins Paradies kommt. Das ist natürlich keine befriedigende Antwort. Ich weiß auch keine. Aber ich finde, dass kann man vor Kindern ruhig zugeben.

Vor 15 Jahren, nach dem 11. September 2001, habe ich übrigens tatsächlich den Flugsimulator gestartet und meinem damals Siebenjährigen New York von oben gezeigt. Aber nah ran an die Türme bin ich nicht geflogen. Ich habe ihm gesagt "Ich finde, das gehört sich nicht. Man sollte das nicht nachspielen." Das hat ihm als Antwort gereicht.

Über den Autor
    Ansbert Kneip, 54, leitet seit 2009 das Kindernachrichtenmagazin "Dein SPIEGEL". Das Heft erscheint monatlich und richtet sich an Kinder zwischen 9 und 13 Jahren. "Dein SPIEGEL" erklärt die Nachrichten aus der Erwachsenenwelt für Kinder. Dabei geht es immer wieder um schwierige Themen: Fukushima, Syrien, Eurokrise, Terror. Aber natürlich auch um Spaß: Basteln, Rätseln, fremde Länder, Spannendes aus Wissenschaft und Tierwelt.

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Dein SPIEGEL 8/2016 COVER

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Seite 1
johanna1961 24.07.2016
1. Spiegel für Kinder bis 13 ... und dann?
Danke für den hilfreichen Artikel. Der Spiegel für Kinder ist laut Redaktion bis etwa 13 Jahre geeignet. Gut gemacht! Wie aber erreicht man die sehr wichtige Zielgruppe der 14 Jährigen und älteren Jugendlichen? Diese sind in einem besonders schwierigen Alter, reden eher weniger mit den Eltern über ihre Probleme und auch schwierige Nachrichtenlagen. Sie sind gnadenlos mit den "normalen" Nachrichten für Erwachsene konfrontiert. Und alles was für etwas jüngere ist, wird natürlich als zu kindlich verurteilt. Gibt es da Ideen? Vorschläge? Welche Medien gibt es für Jugendliche? Wie kann man vermeiden, dass sie ihre Meinung nur über soziale Medien holen?
vitalik 24.07.2016
2.
Ihr siebenjähriger Sohn wollte in einem Simulations-Computerspiel sehen, wie es aussieht, wenn man auf die Türme zufliegt? Das klingt doch etwas seltsam. Vielleicht sollte man den Kindern erklären, wie Nachrichten funktionieren. 24 Stunden-Sendung über kleinere Vorfälle in Deutschland und nur kurze Erwähnungen zu Massenmorden im nahen Osten oder in Afrika. Es ist doch kein Wunder, dass die Kinder an der Fülle von Informationen nicht weiterkommen. Das gehört aber zu dem Verantwortungsbereich der Eltern, dass die Kinder nicht den ganzen Tag vor der Glotze hängen. Nein, man muss die Kinder nicht von der Außenwelt abschotten, man muss aber auch nicht versuchen den Kindern die Informationslast aufzubürden.
socialmediator 24.07.2016
3. Genau so.
Danke Herr Kneip für den besonnenen und klaren Artikel. Ich bin da vollkommen Ihrer Meinung. Ich hatte 9/11 mit meinem Sohn eine ganz ähnliche Szene. Wir können und wir sollten als Eltern nicht wie im Dornröschen Märchen vorgehen und versuchen unsere Kinder vor schmerzlichen Tatsachen zu bewahren. Nicht mal im Märchen hat das geklappt. Das Leben hat auch traurige und schmerzvolle Momente. Das zu lernen gehört auch zum älter werden.
zapp-zarapp 24.07.2016
4. Sehr guter Beitrag!
Ich kann das von Ihnen vorgeschlagene Vorgehen, sowohl aus privater wie fachlicher Sicht, für viele Kinder, als sinnvoll einstufen.
buecherwurm1612 24.07.2016
5.
Danke für den tollen Beitrag! Die Frage habe ich mir die letzten Tage öfters gestellt. Vielleicht wäre das auch ein interessantes Thema für "Dein Spiegel". Eine tolle Kinderzeitschrift , die ich auch als Mama gerne lese. Weiter so!
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