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Tod eines Eisbären: "R.I.P. Knut"

Knut ist tot: Die Nachricht vom plötzlichen Ende des Eisbären geht um die Welt, beschäftigt Zeitungen und Fans bei Twitter und Facebook. Von seiner Mutter verstoßen, unter den Augen der Öffentlichkeit aufgezogen, rührte das Raubtier Millionen Herzen - und sorgte für Millionen Euro Umsatz.

So wie Knut aufwuchs, so ist er gestorben - unter den Augen Hunderter Zuschauer. Am Samstag, 15.22 Uhr, an einem sonnigen Berliner Frühlingstag, trieb der weltbekannte Eisbär plötzlich tot in seinem Wassergraben. 600 bis 700 Zoobesucher hatten zuvor beobachtet, wie das gerade vierjährige Tier von "einer Art epileptischem Anfall" geschüttelt wurde: Er sei untergegangen und mit den Pfoten zuerst wieder aufgetaucht, berichten Augenzeugen. Dann schwamm sein schwerer Körper kopfunter im Becken. Erst am späten Abend konnte er mit einem Kran geborgen werden, das Wasser musste fast völlig abgelassen werden.

Der von seiner Mutter verstoßene und von Pfleger Thomas Dörflein per Hand aufgezogene Eisbär Knut war ein Symbol - aber wofür? Darüber hatten sich viele seit Anfang des Hypes 2007 Gedanken gemacht. Er soll für Unschuld und Reinheit gestanden haben, für seine bedrohte Art, für den Klimawandel und sogar für Deutschland, das nun freundliche und nicht mehr verbissene Land. Mehr als alles andere zog aber wohl das Kindchenschema: Mit seinen dunklen Knopfaugen, seinem weichen weißen Pelz, seinem Tierkindcharme und seiner babybärigen Tapsigkeit bezauberte Knut vor allem in seinen ersten Lebensmonaten Groß und Klein in aller Welt.

Croissants im Flug erhascht

Die Knut-Story begann mit seiner Geburt am 5. Dezember 2006. Nach 33 Jahren Pause war das nur 810 Gramm schwere Tierbaby der erste wieder in Berlin geborene Eisbär. Sein Zwilling starb, aber Pfleger Dörflein brachte Knut mit der Flasche durch. Dörflein, der den kleinen Bären auf einer grünen Filzdecke hinter sich herzog, der einen zerknautschten Fußball zu Knut kickte, der mit dem Tier im tiefen Wasser Bauchplatscher und Tauchen übte. Knut, der Männchen machte fürs Publikum und Croissants im Flug auffing und verschlang - die Fans hatten viel zum Lachen. Im September 2008 starb Ziehvater Dörflein einen plötzlichen Herztod, auch sein Grab wird von Knut-Fans besucht.

Mit zweieinhalb Jahren wurde Knut mit einem Eisbärenmädchen Gianna aus München verkuppelt, die sich etwas grob mit einer krachenden Ohrfeige einführte. Als sie aber - ohne für Knut-Nachwuchs gesorgt zu haben - in ihren Heimatzoo Hellabrunn zurück musste, fand Zoo-Chef Bernhard Blaszkiewitz keine glückliche Lösung. Knut verbrachte die letzten Monate seines kurzen Lebens als noch nicht geschlechtsreifer Bär in der Gesellschaft von drei alten Eisbärendamen. Seine Mutter Tosca, Nancy und Katjuscha isolierten ihn, ließen ihm auf dem riesigen Bärenfelsen nur wenig Platz. Bei Knuts überraschendem Tod war er allerdings allein, die Bärinnen waren schon eingesperrt

Wie seine Geburt war auch Knuts Tod ein Medienereignis - die Nachricht geht in Sekundenschnelle um die Welt: Bei Twitter verlinkten Tausende Artikel und Videos in zahlreichen Sprachen. Zu den Facebook-Gruppen "Knut" und "Knut der kleine Eisbär" kam am Samstag noch Gruppen wie "R.I.P. Knut - We love you forever" (Ruhe in Frieden Knut - wir werden Dich immer lieben) hinzu.

Die Internetseiten zahlreicher internationaler Zeitungen, darunter die amerikanischen "Time" und "Vanity Fair", der britischen "BBC" und "Daily Mail", die italienische "Corriere della Sera" und die schwedische "Svenska Dagbladet", titelten "Cuddly catastrophe" (Knuddelige Katastrophe) oder "Star bear dies young". Angesichts des Hypes lieft aber auch Kritisches über Twitter: "Wen interessieren Japan und Libyen, wenn Eisbär Knut tot ist?", fragt jemand ironisch. Ein anderer bringt es deutlicher auf den Punkt: "Knut ist mir scheissegal. Japan ist wichtiger, verdammt."

"Wir haben dich sooo geliebt!"

Viele Berliner ließen sich aber auch in den Tagen der Luftangriffe in Libyen und der Katastrophen in Japan von Knuts Schicksal berühren. Schon vor Öffnung der Tore um 9 Uhr versammelten sich die Menschen vor dem Zoologischen Garten. "Wir haben dich sooo geliebt!" und "Tschüss Knut!" stand auf abgelegten Zetteln. Viele Kerzen brannten zwischen Blumensträußen. Warum Knut gestorben ist, ist bisher noch unklar. Die Obduktion des Tieres sei erst am Montag möglich, weil am Wochenende die geeigneten Pathologen nicht arbeiteten, sagte Heiner Klös, Bärenkurator des Berliner Zoos, am Sonntag.

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Knut ist tot: Ein Eisbärleben in Bildern
Der Zoo in der Hauptstadt hat mit der Bärenmarke Millionen verdient. Seit seiner "Weltpremiere", bei der der kleine Knut am 23. März 2007 erstmals dem Publikum gezeigt wurde, strömten die Menschen in Massen herbei. Der Zoo zählte in den folgenden Jahren jeweils mehr als drei Millionen Besucher. Die zusätzlichen Eintrittsgelder, die Gewinne aus dem Verkauf von Knut-Souvenirs und die Erlöse von Filmrechten und DVD-Rechten summierten sich auf rund sechs Millionen Euro. Auch als Konterfei auf fünf Millionen Briefmarken machte Knut Kasse. Viele Einnahmen flossen auch in Tierschutzprojekte und kamen dem Zoo zugute.

Auch viele Unternehmen machten mit Eisbärsouvenirs kräftig Profit. Ob Kuscheltiere, Bildbände oder Porzellanfiguren - alle Produkte rund um den Medienstar und Umweltbotschafter Knut fanden reißenden Absatz. Sie ließen auch die Kassen vieler Unternehmen klingeln. Knut-Süßigkeiten ließ zum Beispiel der Fruchtgummihersteller Haribo auflegen. Auf dem Höhepunkt der Knut-Welle 2007 wurden eine Million Schaumgummibären täglich produziert, die bis nach Japan verkauft wurden. Der Handy-Klingelton-Produzent Jamba setzte seine Knut-Töne auch in Italien, Schweden, Spanien und den USA ab. Sein überraschend früher Tod könnte kurzfristig noch einmal die Verkaufszahlen steigen lassen.

"Monoton, nicht zeitgemäß und grausam"

Kritik an der Haltung des Eisbären im Zoo war schon in den letzten Jahren immer wieder aufgekommen. Sein Leben mit den drei Weibchen sei "monoton, nicht zeitgemäß und grausam", sagte die kanadische Eisbärenexpertin Else Poulsen. Die Tierrechtsorganisation Peta, die Berliner Grünen, der Deutsche Tierschutzbund forderten Verbesserungen.

Nach Knuts Tod erklärte der Tierrechtler Frank Albrecht, früher bei Peta tätig: Knut habe wie 90 Prozent aller in Gefangenschaft gehaltenen Eisbären unter Verhaltensstörungen gelitten. Er sei zu sehr auf Menschen und nicht auf Eisbären fixiert gewesen. Möglicherweise habe der ständige Stress mit den drei Eisbärinnen in seinem Gehege "nun zum Tode von Knut geführt", sagte Albrecht.

Bärenexperte Thomas Pietsch vom Tierschutzverein "Vier Pfoten" sagte, "Knut ist bestimmt nicht an Altersschwäche gestorben." Was der Auslöser für den plötzlichen Tod des Tieres sei, wolle er aber nicht mutmaßen. Zwar seien Eisbären denkbar ungeeignet für die Haltung im Zoo. Sie hätten ausgeprägte Gebietsansprüche und Jagdinstinkte. Beides könnten sie in Gefangenschaft nicht ausleben.

Dennoch führe dies nicht zwangsweise zu einem frühen Tod, sagte Pietsch. Teilweise lebten Zootiere sogar länger, weil sie weder Durst noch Hunger leiden müssten und das Risiko von Infektionskrankheiten niedriger sei.

"Es gibt Schuldige"

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abl/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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1. Ich hatte Knut auch lieb.
alaxa 20.03.2011
Allerdings den kleinen Knut, weil er so "knutelig" war. Allein diese Knopfaugen! Nur gut, dass ich, seit Knut zu einem normalen Raubtier geworden ist, auf "Shaun the Sheep" umgestiegen bin.
2. "R.I.P. Knut"
Denkste! 20.03.2011
Liebe Tierschützer und Atheisten, zerreisst diesen post von mir aus in der Luft, aber ich muß sagen, auch ohne selbst besonders religiös geprägt zu sein, finde ich es höchst geschmacklos, eine christliche Grabinschrift auf einen Eisbären anzuwenden.
3. "
Heinzrüdiger, 20.03.2011
Curt Cobain, Michael Jackson und nun Knut - ein weiterer frühzeitiger Tod eines Superstars, dem all der Ruhm zuviel wurde
4. Ich finde
alaxa 20.03.2011
Zitat von Denkste!Liebe Tierschützer und Atheisten, zerreisst diesen post von mir aus in der Luft, aber ich muß sagen, auch ohne selbst besonders religiös geprägt zu sein, finde ich es höchst geschmacklos, eine christliche Grabinschrift auf einen Eisbären anzuwenden.
Ich finde, Eisbären sind auch nur Menschen. Nicht umsonst haben sich so viele Menschen weltweit für ihn begeistert! Sein junges Gesicht hatte doch wirklich kindliche Züge und hat möglicherweise manch eine kindlosen Mutter getröstet. Was allerdings diese Fußball-Krake anbelangt, bin ich mir nicht so sicher, ob sie auch ein RIP verdient hätte.
5. Was hatte Knut von seinem Leben?!
Almanarre21 20.03.2011
Knut steht stellvertretend für alle, im Zoo, bzw. in Gefangenschaft lebende Tiere. Durch den Medienrummel wurde ihm mehr Beachtung zuteil, als all den anderen. So wurde sein Leben von Kindesbeinen an bis zu seinem Tod verfolgt. Vielleicht wird vielen Zoobesuchern nun klar, was es für ein Tier bedeutet, im Zoo zu leben. Zootiere sind wesentlich anfälliger für Krankheiten, was auch mit dem psychischen Zustand der Tiere zusammenhängt. Ein artgerecht gehaltenes "Haustier" lebt zB auch länger als ein in widrigen Umständen gehaltenes (Fütterung, Auslauf, Zuwendung oder Schläge...) Ein Wildtier (also fast alle Zootiere) leben nie artgerecht im Zoo, ihr Platz ist in der freien Natur (in Afrika, Australien, Asien, Antarktis)! Knut starb einen normalen Zoo-Tod Punkt!
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