Tod eines Straßentrinkers: "Pavel war mehr als ein Penner"

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Er starb dort, wo er lebte: auf Platte. Pavel L., Obdachloser in Mannheim, soff sich zu Tode. Seine Kumpels fanden ihn leblos in seinem Schlafsack am Hauptbahnhof. Sein Schicksal ist nicht ungewöhnlich. Das Echo, das sein Tod auslöste, schon.

Hamburg - An Pavels Platz hat sich bislang kein anderer getraut. Der engere Bereich um die Litfaßsäule auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Mannheimer Hauptbahnhof ist noch immer für ihn reserviert. Hier bettelte der Obdachlose um Kleingeld - und gab es sofort wieder aus. Für Schnaps.

Pavel L. starb mit 33 Jahren: "Du warst ein guter Mensch"

Pavel L. starb mit 33 Jahren: "Du warst ein guter Mensch"

Drei Jahre brauchte Pavel, dann hatte er sich zu Tode getrunken. Seinen Mikrokosmos um den Bahnhofsvorplatz hat das erschüttert. Viele, die den 33-Jährigen kannten, legten Blumen vor die Litfaßsäule, verfassten Nachrufe. "Du warst ein guter Mensch", schrieb ein Taxifahrer auf einen Zettel. Ein Kollege spricht von Pavels "Charakter und Anstand" - trotz des harten Lebens auf der Straße. Ein dritter sagt: "Der Pavel war mehr als ein Penner. Er hatte Manieren, Witz - und ein großes Herz."

Den Pavel am besten gekannt hat Verena Nikusch, Mannheims einzige Streetworkerin. Sie kümmert sich um die etwa 60 Obdachlosen der Stadt. Deren Biografien gleichen sich: Viele arbeiten jahrelang schwarz, finden irgendwann keine Jobs mehr und rutschen ab, bis der Alkohol das Leben beherrscht.

Verena Nikusch erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit Pavel Anfang 2006. Es begann mit einer Zigarette, die die Nichtraucherin dem gebürtigen Tschechen anbot.

Als die Sozialarbeiterin Pavel erstmals sieht, ist sie überrascht: Für einen, der auf der Straße lebt, schaut er noch sehr frisch und gesund aus. Der Tscheche ist ordentlich angezogen, hat aber keine Papiere bei sich. Da Menschen ohne deutschen Pass und ohne Aufenthaltserlaubnis keinerlei Ansprüche haben, verifiziert Verena Nikusch mit Hilfe der Polizei Pavels Daten, schreibt ihm einen kleinen Zettel und versieht den mit einem Stempel der Caritas-Suchtberatungsstelle, bei der die 30-Jährige angestellt ist. Pavel dankt es ihr mit einem verschmitzten Augenzwinkern.

Als sie Pavel das nächste Mal begegnet, hat das Leben auf der Straße schon deutliche Spuren hinterlassen. "Ich erschrak, als ich ihn ein paar Monate später wiedersah", erinnert sich Nikusch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Pavel sieht jetzt viel älter aus, als er ist, wie die meisten Obdachlosen. Sein schmales Gesicht ist verfurcht, von Narben gezeichnet, am Körper hat er große Hämatome. Er muss oft verprügelt worden sein. Von sich aus habe Pavel nie Streit gesucht, sagt Nikusch.

Vom Schwarzarbeiter über den Wanderzirkus in die Gosse

Pavel L. wurde im tschechischen Vimperk geboren, einem 8000-Einwohner-Städtchen mit zierlichen, bunt gestrichenen Häusern und Kopfsteinpflaster, keine 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Dort baute der gelernte Maurer mit einem seiner beiden Brüder ein Haus für die ganze Familie. Noch heute leben darin seine Mutter, einer der Brüder, seine Schwester mit ihrer Familie.

Vor mehr als vier Jahren schlich sich Pavel L. davon. Auf der Flucht vor Verpflichtungen war er schon länger: Nach der Scheidung von seiner Frau, die ihn als 17-Jährigen zum Vater machte, hatten sich Unterhaltszahlungen aufgetürmt. Jahrelang hatte er für seine beiden Kinder nichts zahlen können. Er selbst sagte, in seiner Heimat warte deshalb ein Haftbefehl auf ihn.

Er fürchtete das Gefängnis, flüchtete in die Schweiz, schlug sich dort mit Gelegenheitsjobs durch. Als sein Pass abgelaufen war und er nach Tschechien zurück sollte, reiste er stattdessen nach Deutschland, auf der Suche nach entfernten Verwandten. Er landete bei einem Wanderzirkus, schüttelte in Fußgängerzonen die Spendendose für Zirkustiere und strandete in Mannheim.

"Er hatte trotz allen Elends immer Nähe zu den Leuten"

Dort findet er schnell Anschluss in der Trinkerszene. Sein Zuhause wird die Straße. Von nun an ist er einer von 18.000 Menschen in Deutschland, die kein Dach über dem Kopf haben. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe gelten weitere 247.000 Menschen als obdachlos, kommen aber in Wohnheimen unter.

Natürlich hat jeder dieser Obdachlosen seine eigene Geschichte - wie alles so wurde, wie es ist. Doch keiner interessiert sich dafür. Bei Pavel L. war das anders. Er suchte das Gespräch - obwohl die Kommunikation mit ihm schwierig war.

Pavel sprach schlecht Deutsch und das auch noch viel und schnell. "Und wenn man ihn nicht verstand, sprach er einfach lauter! Er war davon überzeugt, er spräche sehr gut Deutsch", sagt Nikusch und lacht. Sie muss oft lachen, wenn sie von Pavel erzählt. Einer seiner Aussprüche war: "Ich habe nix zapzarapp", was so viel bedeutete wie: "Ich habe nichts geklaut." Und wenn er nicht wusste, was er sagen sollte, sagte er einfach: "Allaballa."

"Er hatte trotz allen Elends einen großartigen Humor, immer Blödsinn im Kopf und immer Nähe zu den Leuten um ihn herum", sagt Nikusch. "So viele haben bei Pavel hinter dem Säufer auch den Menschen gesehen und gespürt, dass auch so einer ein guter Freund, ein Vater oder Bruder sein kann."

Wollmütze, Zwirbelbart und den Schalk im Nacken

Wenn Mannheim am frühen Morgen zum Leben erwachte, schälte sich Pavel aus seinem Schlafsack auf dem Areal des alten Rangierbahnhofs, auf dem er die Nächte verbrachte, tapste zu seinem Stammplatz und hielt die rechte Hand auf, während er sich mit der linken Hand die schwarze Wollmütze zurecht schob. Seinen Bart zwirbelte er zu einer langen, abstehenden Locke. Dann erschien das verschmitzte Lächeln auf seinem Gesicht.

Pavel hatte keine Scheu vor den parfümierten Kostümträgerinnen mit Rollkoffern im Schlepptau und vor den Geschäftsmännern im Anzug mit Handy. Er sprach sie ebenso an wie die, die kaum selbst über die Runden kamen.

Pavel schien sich mit dem Leben auf der Straße arrangiert zu haben. Er wusste, dass auch er Leute, die ihm aus dem Weg gingen, in Ruhe zu lassen hatte. Dass man sich im Winter selbst im klimatisch milden Mannheim einen überdachten Unterschlupf suchen musste.

Sein Badezimmer war der Rhein. Einmal verletzte er sich beim Schwimmen, kippte über die Wunde eine halbe Pulle Wodka und vertraute auf die heilende Wirkung des Alkohols. Streetworkerin Nikusch schleppte ihn ins Krankenhaus, wo die Wunde genäht wurde.

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