Todesstrafe per Giftspritze Die umstrittene Hinrichtung der Michelle Byrom

Sie ist die erste Frau seit 70 Jahren, die im US-Bundesstaat Mississippi hingerichtet werden soll. Die 57-jährige Michelle Byrom soll den Mord an ihrem Mann in Auftrag gegeben haben. Doch vieles spricht für ihre Unschuld: Ihr Sohn hatte die Tat gestanden.

  Michelle Byrom: Perversion des US-Rechtssystems
AP/ Mississippi Department of Corrections

Michelle Byrom: Perversion des US-Rechtssystems


Mississippi - Es ist ein Fall, der am Rechtssystem der Vereinigten Staaten zweifeln lässt: Wie der Nachrichtensender CNN berichtete, soll die 57-jährige Michelle Byrom am Donnerstag im amerikanischen Bundestaat Mississippi mit einer Giftspritze hingerichtet werden. Michelle Byrom ist die erste Frau seit 70 Jahren, die in dem US-Bundesstaat exekutiert werden soll.

Der Todeskandidatin wird vorgeworfen, vor 15 Jahren den Mord an ihrem Mann in Auftrag gegeben zu haben, obwohl ihr Sohn bereits in drei Briefen und einer Aussage bei einem Gerichtspsychologen die Tat gestanden hatte. Der Fall sei das, was man als die Perversion des amerikanischen Rechtssystems bezeichnet, sagte Warren Yoder vom Zentrum für gesellschaftspolitische Fragen in Mississippi gegenüber CNN.

1999 wurde Byroms Ehemann, Edward Byrom, erschossen in seinem Haus in Luka, Mississippi, aufgefunden. Zur Tatzeit lag seine Frau, Michelle Byrom, mit einer doppelseitigen Lungenentzündung im Krankenhaus.

Nach der Tat habe der Sohn, Byrom Junior, seine Mutter im Krankenhaus besucht und ihr erzählt, was passiert war. Mit einer 9-mm-Handfeuerwaffe, die noch von seinem Großvater stammte, habe er das Schlafzimmer seines Vaters gestürmt und das Feuer eröffnet. Danach sei er geflohen. Nach seinem Geständnis im Krankenhaus kehrte der Sohn zurück zum Tatort, um nachzusehen, ob der Vater noch lebte. Als er seinen toten Vater fand, rief er die Notrufnummer 911 an.

Byrom soll dem Killer 15.000 Dollar gezahlt haben

Laut der Aussage der Sheriffs, die nach dem Notruf am Tatort eintrafen, hätten sie zuerst den Sohn und dessen Freund Gillis zu der Tat befragt. Einer der Sheriffs, David Smith, sagte aus, dass Byrom Junior seinen Freund Gillis beschuldigt hatte, im Aufrag seiner Mutter den Vater erschossen zu haben. Schwarzpulver wurde allerdings nur an Byrom Junior festgestellt.

In dem Prozess folgten die Staatsanwälte der Darstellung von Byrom Junior und vertraten die Theorie, dass Michelle Byrom es auf die Lebensversicherung ihres Mannes im Wert von 150.000 Dollar abgesehen hatte und deshalb den Mord in Auftrag gab. Dem Auftragskiller Gillis habe sie 15.000 Dollar für den Mord zahlen wollen.

In einem Brief an seine Mutter aber schrieb Byrom Junior, dass er bei der Tat betrunken gewesen sei und sich die Geschichte ausgedacht habe. "Als sie mich dort gefunden hatten, habe ich mir eine Schwachsinnsgeschichte nach der nächsten ausgedacht, nur um meinen eigenen Arsch zu retten."

Polizeibeamte besuchten Michelle Byrom nach der Tat im Krankenhaus. Nicht weil sie verdächtig erschien - die Ermittler hatten Fragen zu dem Eigentümer der Tatwaffe. Einige Stunden später habe Michelle Byrom Sheriff Smith detaillierte Pläne von dem Mord erzählt. Der Sheriff habe sie daraufhin ermuntert, nicht weiter ihren Sohn zu schützen. Dieser habe bereits gestanden, das Mord-Komplott erfunden zu haben.

Byrom Junior aber schloss offenbar ein Abkommen mit den Staatsanwälten. In der Nacht vor dem Prozessbeginn gegen seine Mutter willigte er ein, als Gegenleistung für eine mildere Strafe gegen seine Mutter auszusagen.

Im Prozess wollten Michelle Byroms Anwälte den Sohn mit dessen Geständnissen konfrontieren - doch die Staatsanwälte erreichten, dass die Briefe als Beweismittel nicht zugelassen wurden. Als Byrom Junior in den Zeugenstand gerufen wurde, leugnete er die Tat und sagte, dass sein Freund Gillis der Killer gewesen sei und seine Mutter ihn angeheuert habe. Er sagte auch, dass er und seine Mutter sich unter anderem die Geständnisse ausgedacht und in den Briefen erwähnt hätten, als sie merkten, dass die Polizei ihren Briefwechsel kontrollierte. Ziel sei gewesen, dass beide einer möglichen Verfolgung entgehen könnten.

Byrom Junior ist seit August 2013 auf freiem Fuß

Byroms Verteidigung sagte, die Mandantin sei ihr Leben lang missbraucht worden. Ihr Stiefvater habe sie geschlagen und sexuell missbraucht. Mit 15 Jahren sei sie ausgezogen und sehr schnell mit ihrem Ehemann, dem damals 31-jährigen Edward Byrom zusammengezogen. Auch er habe Michelle missbraucht. Als sie ihren Sohn bekamen, habe er auch ihn missbraucht. Es sei das klassische Muster eines Missbrauchs, der beendet werden sollte, sagte Professor Warren Yoder vom Zentrum für gesellschaftspolitische Fragen.

Am 19. November 2000 wurde Michelle Byrom zum Tode verurteilt. Gillis wurde nie im Prozess befragt. Richter Gardner wollte sich zu dem Urteil nicht äußern. Der frühere Bezirksstaatsanwalt, der für die Anklage zuständig war, sagte CNN, Michelle Byrom sei ohne Zweifel die Anführerin des Mord-Komplotts und Gillis sei der Schütze gewesen.

Byrom Junior erhielt eine 30-jährige Haftstrafe, so war es wohl mit der Staatsanwaltschaft ausgemacht. Seit August vergangenen Jahres ist er auf freiem Fuß - allerdings unter Aufsicht. Gillis wurde 2009 aus dem Gefängnis entlassen. In einem Interview mit CNN sagte er, dass er unschuldig und von Byrom Junior benutzt worden sei.

Der ehemalige Richter des Obersten Gerichthofs, Oliver Diaz, der noch im Amt war, als Michelle Byroms Fall verhandelt wurde, sagte CNN, er finde es grauenhaft, dass ihr Fall nicht neu aufgerollt wird. Die Mehrheit der Einwohner in Mississippi würde die Todestrafe befürworten, weil sie denken, dass die Angeklagten faire Verfahren bekommen und Anwälte haben, die sie kompetent verteidigen können. "In diesem Fall hatte sie nichts von beidem", sagte Diaz.

som

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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Holbirn 26.03.2014
1. Ich finde, wenn eine Jury auf
Das US-Rechtssystem ist nach dem US-Gesundheitssystem das beste der Welt. Bewährte Experten agieren hier, und das Geschworenensystem garantiert Entscheidungen ohne Vorwissen und Vorurteile. Ich finde die ewige Kritik an einzelnen möglicherweise zweifelhaften Urteilen aus dem Ausland ärgerlich.
ddhecht 26.03.2014
2. Menschenrechte???
Die USA bleiben in meinen Augen, auch wegen solchem Dreck, eine der erbärmlichsten Nationen unter dieser Sonne!
laurenz-von-arabien 26.03.2014
3. Was will man von einem Gericht in einem
Land erwarten, wo nur hohe Militärs wissen, daß Europa hinter einem Ozean liegt.
Europa! 26.03.2014
4. Mörder
Zitat von sysopAP/ Mississippi Department of CorrectionsSie ist die erste Frau seit 70 Jahren, die im US-Bundesstaat Mississippi hingerichtet werden soll. Die 57-jährige Michelle Byrom soll den Mord an ihrem Mann in Auftrag gegeben haben. Doch vieles spricht für ihre Unschuld: Ihr Sohn hatte die Tat gestanden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/todesstrafe-per-giftspritze-in-usa-hinrichtung-von-michelle-byrom-a-960821.html
Ausgerechnet die USA mit ihrer Todesstrafen-Justiz wollen die Welt von universellen "Menschenrechten" überzeugen? Lächerlich.
kazinkua 26.03.2014
5. Ansichtssache
"Das US-Rechtssystem ist nach dem US-Gesundheitssystem das beste der Welt. Bewährte Experten agieren hier, und das Geschworenensystem garantiert Entscheidungen ohne Vorwissen und Vorurteile. Ich finde die ewige Kritik an einzelnen möglicherweise zweifelhaften Urteilen aus dem Ausland ärgerlich." Ich habe eine Zeit lang in den USA gelebt, war dort eigentlich auch sehr zufrieden, aber gerade das Justitz- und das Gesundheitssystem sind in meinen Augen eine Katastrophe. Unfassbar selektiv und voreingenommen. Alleine aus diesen beiden Gründen, bin ich froh wieder in Europa Leben zu können. Natürlich ist hier auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, allerdings sind wird gerade in diesen beiden Sektoren so viel gerechter aufgestellt. Was die Medien angeht möchte ich an den Fall Amanda Knox erinnern. Da haben die amerikanischen Medien auch berichtet, wenn auch nicht immer positiv. Aber letztendlich ist das in einer Welt in der die Pressefreiheit noch was zählen sollte auch gut so.
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