Sterbehilfe-Prozess Das Versprechen

Ein alter Mann bittet seinen Sohn, ihn von seinen Schmerzen zu erlösen. Der Sohn tötet den Schwerkranken. Muss er dafür bestraft werden? Das Kölner Amtsgericht hat entschieden.

Von Claudia Hauser, Köln

Amtsgericht Köln: "Das müssen Sie für den Rest Ihres Lebens mit sich herumtragen.
DPA

Amtsgericht Köln: "Das müssen Sie für den Rest Ihres Lebens mit sich herumtragen.


Marc H. traf sich mit Freunden in einer Kneipe, es war der 28. Juni 2014, Brasilien gegen Chile, WM-Achtelfinale. Das Spiel ging lang, Brasilien siegte erst im Elfmeterschießen. Marc H.* ging gegen 22.15 Uhr los, Zeugen sagen, er habe bis dahin 15 bis 20 Kölsch getrunken. Er legte sich aber nicht schlafen, sondern besuchte noch seinen Vater in dessen Wohnung, er wollte nach ihm sehen.

Karl H.*, 74 Jahre alt, war noch wach, er flehte seinen Sohn an, "Jung, erlös mich, Jung, mach et". Der Sohn hielt ihm Mund und Nase zu, küsste ihn auf die Stirn, wenig später gab der Vater ein Geräusch von sich, der Sohn nahm ein Messer und stach zu.

Um 22.48 Uhr rief Marc H. seinen besten Freund an, er war noch in der Kneipe. "Ich habe meinen Vater erlöst. Du musst vorbeikommen."

"Niemand kann sich über Ihre Entscheidung moralisch erheben"

Als der Staatsanwalt am Freitag, rund sieben Monate nach jener Nacht, Marc H. fragt, wie er mit der Tat lebt, sagt er: "Ich weiß jetzt, was die Hölle ist." Er denke jeden Tag und jede Stunde an seinen Vater. "Die Bilder sind immer im Kopf."

Es wird ein kurzer Prozess: Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Schöffengericht sind der Auffassung, dass die Folgen der Tat für den Angeklagten "so schwer sind, dass die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt wäre", so steht es in Paragraf 60 des Strafgesetzbuchs. "Von einer Strafe wird abgesehen", sagt der Vorsitzende Richter Frank Altpeter. "Niemand hier im Saal kann sich über Ihre Entscheidung moralisch erheben."

Es ist Jahre her, dass Marc H. mit seinem Vater einen Verwandten besuchte, der an Alzheimer erkrankt war und im Wachkoma lag. Nach dem Besuch im Krankenhaus sagte Karl H. zu seinem Sohn: "Eines musst du mir schwören, lass mich niemals so liegen."

Familie H. lebte eng zusammen in einem rechtsrheinischen Stadtteil Kölns. Alle unter einem Dach - die Eltern, Sohn Marc mit seiner Tochter, seiner Frau und deren Schwester. "Es ist ein Mehrgenerationenhaus, eine Familienidylle wie aus dem vergangenen Jahrhundert", sagt Anwalt Frank Hatlé.

"Lass mich nicht so sterben"

Es war im Jahr 2013, als die Familie noch enger zusammenrückte: Bei Karl H. wurde die progressive supranukleäre Blickparese (PSP) diagnostiziert, eine seltene Erkrankung des Gehirns. Die Symptome ähneln der Parkinson-Erkrankung, doch PSP schreitet schneller voran. Die Krankheit lähmt die Augen und lässt die Patienten torkeln wie im Vollrausch. Ihre Persönlichkeit verändert sich - vor allem darunter soll Karl H. sehr gelitten haben.

Seit März 2014 war er pflegebedürftig. Die Familie kümmerte sich um den Vater, behielt ihn zu Hause, doch er baute rasant ab. Innerhalb von drei Monaten soll er derart entkräftet gewesen sein, dass er nicht mehr aufstehen konnte. In dieser Zeit soll er seinen Sohn gebeten haben, ihm eine Pistole zu besorgen. Die hätte er schon gar nicht mehr greifen können. "Jung, tu irgendwas, aber lass mich nicht so sterben", soll der Schwerkranke immer wieder gesagt haben.

"Sein Sohn sollte ihm diesen Wunsch erfüllen", sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer im Juli 2014. Dass es sich in diesem Fall nicht um Mord oder Totschlag handele, sei schnell klar gewesen. Marc H. habe sich regelrecht in der Pflicht gesehen, den Wunsch des Vaters zu erfüllen, wie sein Rechtsanwalt Frank Hatlé sagt. "Es gibt niemanden in der Familie, der darüber im Zweifel ist, dass es das Richtige war." Wenn auch innerhalb der Familie darüber gesprochen worden sein soll, den Vater nach Holland zu bringen. Dort ist aktive Sterbehilfe erlaubt.

Einmal soll Karl H. seinen Hausarzt gefragt haben, ob er ihn nicht erschießen könne. Der nahm die Frage offenbar nicht ernst.

"Mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich daran zerbreche"

Der Freund, den Marc H. in jener Juninacht zu sich rief, beschrieb später Ermittlern, wie Marc H. versucht habe, dem toten Vater den Mund zu schließen, wie er ihn wieder auf die Stirn küsste. Der Freund rief die Polizei. Als die Beamten eintrafen, stand Marc H. vor ihnen, er zitterte am ganzen Leib. Auf dem Bett lag Karl H. in seinem Blut, neben ihm ein Küchenmesser. Marc H. ließ sich festnehmen. Weil keine Fluchtgefahr bestand, wurde er bald aus der Untersuchungshaft entlassen.

Marc H. arbeitete drei Tage nach dem Tod seines Vaters wieder. "Zu Hause wäre ich verrückt geworden", sagt er am Freitag vor Gericht. Doch im Gespräch mit Kunden merkte er, dass er gar nicht hörte, was sie sagten. "Ich musste meiner Frau versprechen, dass ich mir professionelle Hilfe hole, wenn es sein muss." Zweimal sei er kurz davor gewesen. Aber er will es allein schaffen. "Mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich daran zerbreche."

Richter Altpeter sagt schließlich zum Angeklagten: "Was Sie getan haben, müssen Sie für den Rest Ihres Lebens mit sich herumtragen. Das ist Strafe genug."

Nachdem die Verhandlung geschlossen ist, nehmen sich Marc H. und seine Familie in den Arm und lassen sich lange nicht los. Dann verlassen sie schweigend das Gericht.

* Die Namen des Vaters und des Sohnes wurden von der Redaktion geändert.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.