Tokio Das Lächeln vor dem GAU

Nur zwei Autostunden liegt Japans Hauptstadt entfernt von Fukushima, dem Schauplatz einer drohenden atomaren Katastrophe. Doch die Menschen in Tokio bleiben gespenstisch gelassen, vertrauen den Beschwichtigungen der Regierung. Angst zeigen nur die Ausländer.

Alexander Dluzak

Aus Tokio berichten Maren Bekker und


Früh am Morgen, kurz nach 8 Uhr. Auf allen Kanälen im japanischen Fernsehen das gleiche Bild. Rauchschwaden quellen aus dem Reaktor in Fukushima. Etwa 250 Kilometer sind es von dort bis Tokio, gerade mal zwei Autostunden, doch in Itabashi, einem Stadtteil im Norden der japanischen Hauptstadt, ist alles wie immer. Außer bei Dr. Drive.

Vor den Zufahrten zu der Tankstelle an der Nakayamastraße flattert ein weiß-rotes Absperrband im Wind. Darüber hängt ein selbstgemaltes Schild, "Wegen Lieferschwierigkeiten geschlossen" steht darauf. Die Autobesitzer aus der Nachbarschaft haben wohl alle noch einmal vollgetankt, schließlich weiß keiner, ob man demnächst vor einer radioaktiven Wolke fliehen muss.

Darauf hat auch Jesus keine Antwort, darum hat es die Gruppe Christen vor der U-Bahnstation Motohasunuma auch nicht leicht, die vorbeihastenden Passanten für ihre mit Bibelzitaten bedruckten Erfrischungstücher zu begeistern. Göttlicher Beistand ist nicht sonderlich gefragt, die Menschen in Tokio sind gefasst, trotz der Leichen, die vor der Ostküste treiben, trotz der regelmäßigen Nachbeben, trotz der kollabierenden Atomkraftwerke.

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Zwei Tage nach dem Beben: Verwüstete Ostküste
Auf dem Bahnsteig sondiert eine Gruppe Rentner mit Plastiktüten vor einem Flachbildschirm die aktuelle Lage im Nahverkehr. Die meisten Linien fahren wieder, die Unterbrechungen blinken rot im digitalen Plan des Liniennetzes auf. Darunter liefert eine Laufschrift Details. Jouban-Linie fällt aus, steht da, dann folgen weitere Linien, der Grund ist immer der gleiche: Ausfall wegen Erdbeben.

Neben dem Monitor informiert ein offensichtlich vor dem großen Beben am Freitag angebrachtes Werbeplakat über den neuen Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug, der Reisende in weniger als zwei Stunden von Tokio nach Sendai bringt. Sendai ist die vom Tsunami verwüstete Hauptstadt der Provinz Miyagi, wo die gemessene Radioaktivität bereits 400-mal höher ist als normal.

Reisen nach Miyagi sind wohl das Letzte, wonach den Tokiotern momentan der Sinn steht. Nur wenige Fahrgäste sitzen in den Zügen der Yamanote Linie, die Tokios Innenstadtbezirke umkreist. Fast alle tragen einen Mundschutz, die meisten starren auf ihr Handy, zwei ältere Damen echauffieren sich über einen jungen Mann, der beim Aussteigen die Werbebeilage seiner Tageszeitung auf dem Sitz liegen lässt.

Die Lage ist stabil. So hat sie es im Fernsehen gehört

Zwei Stopps weiter, Shinjuku, der größte Bahnof Tokios. Bis zu drei Millionen Menschen werden hier täglich durchgeschleust. Normalerweise.

Schlangen bilden sich heute nur vor den Schaltern der Überlandbusse. Sonst ist nicht viel los. Kaori findet das unheimlich. "Wo sind die nur alle?", fragt sich die Studentin, sie ist auf dem Weg in einen Elektronikmarkt, um Kopfhörer für ihren MP3-Player zu kaufen. Kaori fühlt sich bestens präpariert für alles, was der heutige Tag an Katastrophen bereithalten könnte. Sie hat Turnschuhe dabei, falls die Züge wieder stoppen und sie nach Hause laufen muss. Außerdem frische Unterwäsche und eine Zahnbürste. Gegen mögliche radioaktive Strahlung hat ihre Mutter ihr einen Mundschutz mitgegeben, ob der allerdings im Ernstfall hilft, bezweifelt sie.

Kaoris Besorgnis hält sich in Grenzen, die beschädigten Atomkraftwerke seien schließlich weit entfernt und die Lage dort, so habe sie es im japanischen Fernsehen gehört, weitestgehend stabil. Viel mehr Sorgen machen der jungen Frau die zahlreichen Nachbeben. Die findet sie "zermürbend". Doch es scheint, als ob die Angst vor der Naturgewalt für Kaori auch etwas Beruhigendes hat - weil sie nämlich verhindert, sich mit der von Menschenhand gemachten möglichen Nuklearkatastrophe auseinanderzusetzen.

Keiner hat ihr gesagt, wie man mit Radioaktivität umgeht

Wie alle Japaner hat Kaori vom Kindergartenalter an gelernt, dass Naturkatastrophen jederzeit, von einer Sekunde auf die nächste, über sie hereinbrechen können. Sie hat gelernt, bei einem Erdbeben schnell unter den Tisch zu kriechen und einen Feuerlöscher zu bedienen. Sie hat gelernt, dass es Regeln gibt, die man bei einem solchen Unglück einhalten muss - wie man mit schleichender Radioaktivität umgeht, hat ihr keiner gesagt, ihr nicht, keinem anderen Japaner und auch nicht den Jugendlichen vor dem Bahnhof Shimokitazawa.

"Spendet für die Tsunamiopfer", rufen sie. Mit Draht haben sie sich selbstgemalte Schilder vor den Bauch gehängt. "Unterstützt die Menschen in der Tohoku Region" steht darauf, es ist die Region im Norden Japans, die am stärksten von dem Beben betroffen ist. "Wir haben uns heute Morgen dazu entschlossen, etwas zu machen", erzählt die 22-jährige Minato. "Die Bilder von den Zerstörungen sind einfach schrecklich."

In der Hand hält Minato eine Plastikdose mit einem Schlitz im Deckel, durch den wandern im Zehn-Sekundentakt Münzen und Geldscheine. Die Resonanz ist gewaltig, vor Minato und ihrer Spendendose bildet sich zeitweise eine Schlange. Sie sei in Kobe aufgewachsen und könne sich noch gut an das Erdbeben 1995 erinnern, erzählt sie. Damals starben etwa 6000 Menschen, die Region um die Stadt Kobe wurde verwüstet.

Sorge bereiten ihr auch die aktuellen Störfälle in den Atomkraftwerken, allerdings könne man der Regierung vertrauen, die werde schon das Richtige tun, glaubt sie. Zur Atomkraft habe Japan keine Alternative, schließlich sei das Land arm an Rohstoffen und die alternative Energieversorgung noch nicht ausgereift genug. Ohne die Atomenergie hätte Japan keinen Wirtschaftsaufschwung erlebt, die Gefahr sei der Preis für Japans Wohlstand.

Aufgeregte Ausländer

Die nervösesten Menschen in Tokio scheinen die Nicht-Japaner zu sein. Eine Wohnungsagentur für Ausländer berichtet von hysterischen Anrufen und reihenweise Kündigungen. An der Haltestelle für einen Flughafenbus in Shinjuku stehen Touristen aus dem Westen neben riesigen Rollkoffern. Immer wieder wird man von anderen Ausländern angesprochen: Ob es etwas Neues gebe über die Atomkraftwerke? Ob man wohl schnellstmöglich fliehen sollte? Alle berichten von Anrufen besorgter Angehöriger, von eindringlichen Appellen, doch bitte sofort den nächsten Flieger zu nehmen. Insgesamt, da ist man sich einig, wird in den ausländischen Medien ein anderes Bild der Situation vermittelt als in den japanischen.

Im Laufe des Nachmittags werden die Straßen in Tokio immer voller. Vor allem die Kreuzung vor dem Bahnhof Shibuya. Wenn hier die Fußgängerampeln auf Grün springen, überqueren bis zu 15.000 Menschen pro Ampelphase die Kreuzung. Sie muss immer herhalten, wenn Medien die Menschenmassen Tokios, die Enge und Betriebsamkeit der Metropole abbilden wollen. Auch heute sind Kamerateams und Fotografen vor Ort.

Die Bilder, die sie an ihre Redaktionen schicken, werden nicht zu dem passen, was die Welt gerade von Japan und der Stimmung im Land erwartet. Aus den umliegenden Straßen und den Ausgängen des Bahnhofs quellen nicht abreißende Ströme junger Menschen. Sie sammeln sich in einer urbanen Choreografie zunächst an den Ampeln und gleiten dann elegant aneinander vorbei. Die Stimmung ist unglaublich normal und hilft enorm gegen die eigene innere Unruhe.

"Sie haben uns verboten zu schreien"

So geht es auch Megumi und Yasha, die am Raucherplatz vor dem Bahnhof Shibuya gerade etwas tun, was man eigentlich nirgendwo in Japan macht: Sie treten ihre Zigarettenkippen auf dem Boden aus, um sich dann direkt eine neue anzustecken. Zu Hause hätten sie es nicht ausgehalten, erzählt das Pärchen. Es sei besser, unterwegs zu sein, als zu Hause bei aufgedrehter Heizung zu sitzen und fernzusehen, das verbrauche schließlich Strom. Das wichtigste sei jetzt, Strom zu sparen. Dazu rufen die japanischen Medien rund um die Uhr auf. Die beiden glauben so, die noch planmäßig laufenden Atomkraftwerke vor einer Überstrapazierung zu schützen. "Wenn alle mithelfen und ruhig bleiben, können wir die Situation in den Griff kriegen." Ihr Leben läuft normal weiter - so lange es keine anderweitigen offiziellen Anweisungen gibt.

Umgerechnet 700 Euro, so viel haben Minato und ihre Freunde vor dem Bahnhof Shimokitazawa in zwei Stunden gesammelt. Das Geld wollen sie am nächsten Tag auf das Konto einer Hilfsorganisation einzahlen. Es darf aber ruhig noch mehr werden. "Spendet für die Tsunamiopfer", rufen sie unverdrossen. Zwei Polizisten sprechen die Gruppe an. Nach kurzem Gespräch verbeugen sie sich höflich und gehen weiter. Minato schüttelt den Kopf, "sie haben uns verboten zu schreien", sagt sie. Um keine Unruhe zu verursachen.

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wkawollek 13.03.2011
1. Lächeln
Ja, das zeichnet sie aus - nicht nur die Japaner. Das Lächeln. Dabei kennen wir das bei uns doch auch, oder sollten es kennen. Wie sagte Martin Luther? 'Wenn ich wüsste,dass morgen die Welt untergeht,würde ich heute noch ein Äpfelbäumchen pflanzen.' Doch man sollte die Asiaten deshalb nicht verachten, sie sind sensibler als wir - trotz Lächeln.
alaxa 13.03.2011
2. kein Wunder
Kein Wunder bei der japanischen Informationspolitik, die stets versucht, das Gesicht zu wahren. Wenn ich NHK gucke, sehe ich vorwiegend harmlosere Berichte als auf anderen Sendern wie z.B. Sky News. Apropos: CNN ist bei mir auf die Stufe "ferner liefen" abgesunken. Die haben meiner Meinung nach offenbar mehr Interesse an Eigenwerbung als an Fakten-Übertragung. Da ist ja sogar NTV und N24 besser bzw. more up to date.
dibexxx 13.03.2011
3. German Angst.
Zitat von sysopNur zwei Autostunden*liegt Japans Hauptstadt entfernt von Fukushima, dem Schauplatz*einer drohenden atomaren Katastrophe. Doch die Menschen in Tokio bleiben gespenstisch gelassen, vertrauen den Beschwichtigungen der Regierung. Angst zeigen nur die Ausländer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,750697,00.html
Vor allem die Deutschen machen sich gerne schon verrückt, wenn ein Unglück nur irgendwie im Bereich des Möglichen erscheint.
HBRSS 13.03.2011
4. Eine Frage der Ehre
Zitat von sysopNur zwei Autostunden*liegt Japans Hauptstadt entfernt von Fukushima, dem Schauplatz*einer drohenden atomaren Katastrophe. Doch die Menschen in Tokio bleiben gespenstisch gelassen, vertrauen den Beschwichtigungen der Regierung. Angst zeigen nur die Ausländer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,750697,00.html
Was sollen die Leute denn sonst machen? Weglaufen oder weinen bringt nichts und so wahren sie wenigstens ihr Gesicht. Meine Hochachtung!
dipuc 13.03.2011
5. ..
Zitat von sysopNur zwei Autostunden*liegt Japans Hauptstadt entfernt von Fukushima, dem Schauplatz*einer drohenden atomaren Katastrophe. Doch die Menschen in Tokio bleiben gespenstisch gelassen, vertrauen den Beschwichtigungen der Regierung. Angst zeigen nur die Ausländer. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,750697,00.html
Spricht da vielleicht auch der Wunsch nach einer reisserischeren Story aus dem Redakteur? Es sollte jedem normal denkenden Menschen klar sein, dass eine Massenpanik in dieser Situation erheblichen Schaden anrichten könnte. Ist es nicht zu begrüßen, dass diese ausbleibt?
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