Trampolin-Trend Deutschland im Flummi-Modus

Immer mehr Deutsche legen sich ein Trampolin zu, besuchen "Jump Houses" oder spezielle Sportkurse. Was steckt hinter dem Trend?

DPA

Von und (Videos), Berlin


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Martina Albrecht ist eher klein, ziemlich grauhaarig - und offenkundig glücklich. Jauchzend hopst die Projektmanagerin über das langgezogene "Performance-Trampolin" im Berliner Jump House, spreizt in der Luft die Beine und streckt ihre Arme wie Flügel von sich. "Es ist jetzt egal, wie komisch ich aussehe", sagt sie nach der Landung, "das hier hat was mit Fliegen zu tun."

Albrecht leitet einen einwöchigen Projektmanagement-Kurs in der Hauptstadt, im Jump House sollen ihre Seminarteilnehmer den Kopf frei bekommen. Sie sind nicht die Einzigen, die das an diesem Sommerabend in Deutschlands größter Trampolinhalle versuchen, einer ehemaligen Munitionsfabrik im Nordwesten Berlins: Frauen und Männer fast jeden Alters hopsen durch den langgezogenen Klinkerbau auf 121 Sprungmatten.

Was lange primär als Vorgartenbelustigung für Kinder galt, hat sich - quasi sprunghaft - zum Trend entwickelt. Überall im Land entstehen Trampolinhallen mit Namen wie "Sprunghaus", "Air Hop" oder "Jump XL", gleichzeitig steigt der Absatz der Sportgeräte. Hüpfen ist hip.

Video: Einfach mal Spaß haben - in Deutschlands größter Trampolinhalle

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Im Berliner Jump House lässt sich beobachten, wie diese Entwicklung alle Altersklassen erfasst: Dort hoppeln Kinder, Muskelprotze und Rentner wie Flummis über sogenannte Performance Trampoline. An der Rückwand der Halle werfen sich Schüler beim Dodgeball mit Bällen ab, gleich nebenan läuft eine Partie der Basketball-Variante Slamball. Und über allem Hüpfen schwebt am Rande der Halle eine Art Loge, von der aus Kaffee trinkende Eltern ihre Schützlinge beobachten können.

Dabei sind es eben nicht nur Kinder, die zum Hopsen dorthin kommen. Zwar gibt es für Schulklassen vormittags eine "Jump Olympiade", doch spätestens am Nachmittag wagen sich Menschen jeden Alters auf die Sprungmatten: Kegelvereine, Betriebsfeiern, Seniorengruppen.

Welche Ausmaße der Trend hat, lässt sich im Detail noch nicht absehen - aber dass es ihn gibt, ist unzweifelhaft. "Gerade im Freizeitsport gibt es einen Anstieg an interessierten Nachwuchssportlern zu verzeichnen", sagt Patrick Siegfried, Vizepräsident des Deutschen Turner-Bunds: Das zeige sich auch an den vielen Trampolinen in Fitnessstudios und Gärten.

Und auch das Geschäft brummt: Sebastian Campmann vom Fitnessgeräte-Versandhändler Sport-Tiedje spricht von einem "hohen zweistelligen Wachstum" beim Absatz von Trampolinen sowie einem "länger anhaltenden Trend". Der Hersteller Bellicon steigerte den Absatz in den vergangenen zwei Jahren nach eigenen Angaben um jeweils gut 20 Prozent. Und Catherine Artzt vom gleichnamigen Gesundheitsgeräte-Händler sagt: "In der Tat steigt die Nachfrage nach Trampolinen."

Kein Wunder also, dass die Betreiber von Trampolinhallen, Trampolinkursen und Trampolinparks ein großes Geschäft wittern: In Tausenden Gärten stehen in den Sommermonaten Trampoline, obwohl selbst die schlichtesten Modelle nicht gerade günstig sind. Ein Minitrampolin in der einfachsten Ausführung mit gerade mal einem Meter Durchmesser bietet der Hersteller Bellicon für 378 Euro an.

Wer über riesige Sprungtücher hopsen will, ist ohnehin auf Parks und Hallen wie das Berliner Jump House angewiesen. Kein Wunder, dass die junge Firma mit rasantem Wachstum plant: 2014 entstand das erste Jump House in Hamburg, die Halle in Berlin gibt es erst seit diesem Frühjahr - und schon bis Ende nächsten Jahres sollen laut Geschäftsführer Till Walz bis zu sechs weitere Standorte eröffnen.

Walz, der den Trend vor einigen Jahren gemeinsam mit seinem Partner Christoph Ahmadi in den USA entdeckt hat, setzt vor allem auf die kindliche Lust am Toben: "Wir entdecken gerade die Freude am Springen wieder", sagt er - "ob im Garten oder im Trampolinpark."

Dabei geht es vielen Trampolin-Fans um etwas anderes: ihre eigene Gesundheit.

Berlin-Britz, am anderen Ende der Hauptstadt. Hektische Beats pulsieren an diesem warmen Abend aus dem Fitnessstudio Viva la Vital im Süden der Metropole. Im Obergeschoss springen 21 Frauen auf sechseckigen Trampolinen im Takt der Musik: Techno-Versionen von "Eye of the Tiger" oder "Er hat ein knallrotes Gummiboot", es riecht nach Schweiß und warmem Kunststoff.

Video: Hüpfen bis zur Traumfigur - mit Trampolin-Training

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Die Sportart nennt sich Jumping Fitness - eine schweißtreibende Aerobic-Variante, die mit dem verstaubten Image des Trampolinsports wenig zu tun hat: Koordiniert hüpfen, auf der Stelle laufen, seitlich springen - und das alles in atemraubendem Tempo, 50 Minuten lang ohne Pause, unter den frenetischen Anfeuerungsrufen der Trainerinnen Julia Baßler und Caroline Seidig.

Seit zwei Jahren bieten die beiden Frauen Trampolinkurse in ihrem Fitnessstudio an, inzwischen acht Mal pro Woche, sie schwören auf die Trendsportart. Und zwar völlig zurecht, wie Bernd Wolfarth sagt. Der Professor für Sportmedizin, ein schlanker Rotschopf mit weißem Kittel, steht elf Kilometer entfernt im Erdgeschoss seines Instituts auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität. Der Trampolinsport sei gut für Rumpf, Bauch und Rücken, sagt Wolfarth, "das wird damit sehr gut trainiert".

Wie beachtlich diese positiven Effekte mitunter ausfallen, zeigt eine aktuelle Studie: Wochenlang ließen türkische Forscher ein Dutzend junger Probanden um die 20 trainieren - die einen auf Trampolinen, die anderen mussten joggen. Das Ergebnis nach rund zwei Monaten: Die Läufer hatten weniger Fett verbrannt, weniger Gewicht verloren, weniger Sauerstoff verarbeitet, weniger Sprungweite hinzugewonnen.

Entsprechend positiv urteilt auch die Kinderchirurgin Karin Rothe, die in ihrem schlichten Büro der Charité-Klinik im Stadtteil Wedding sitzt. "Das Trampolin ist prinzipiell ein gutes Instrument, um die Körperspannung zu trainieren", sagt die Krankenhauschefin. Wenn jedoch Kinder mit unterschiedlichen Gewichten gemeinsam hüpften, so Rothe, seien die Kräfte unkalkulierbar: "Dann stürzen sie aus großer Höhe."

Die Folge: Beinbrüche, Wirbelsäulenstauchungen, Kopfverletzungen - Experten verzeichnen seit einigen Jahren einen deutlichen Anstieg der Verletzungszahlen. Der kindliche Körper ist für exzessives Springen offenbar mangelhaft gerüstet, laut US-Kinderärzten sind bei mehr als zehn Prozent solcher Verletzungen Hals oder Kopf betroffen.

"Je jünger Kinder sind, desto häufiger fallen sie auf Arme und Beine", sagt Rothe. Etwas ältere Kinder verletzen sich demnach bisweilen sogar noch schwerer - weil sie oft übermutig und unvorsichtig seien. "Im schlimmsten Fall gibt es schwere Schädel-Hirn-Traumen", so Rothe - bis hin zu Hirnblutungen oder sogar Querschnittslähmungen. "Deshalb sollten die Eltern in solchen Trampolinhallen auch nicht nebenbei einen Kaffee trinken gehen."

Video: Was Ärzte über den Trampolin-Trend sagen

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Solche Gefahren drohen aber natürlich vor allem unvorsichtigen Laien - und in der Regel nicht den Profis: Wer gut trainiert ist und langjährige Erfahrung hat, beherrscht sehenswerte Kunststücke mit klangvollen Namen wie "Double Cat-Twist" (Doppelschraube aus der Rückenlage) oder "Miller plus" (Doppelsalto rückwärts mit dreifacher Schraube).

Im Berliner Jump House erkennt man diese erfahrenen Springer sofort: An der sogenannten Tumbling Lane überbieten sich drahtige Mädchen und durchtrainierte Jugendliche mit akrobatischen Einlagen.

Und am "Wall Jump", wo Trampoline steil an der Wand aufgebaut sind, wirbelt Efraim Gakpeto durch die Luft, ein durchtrainierter Hüne in gelbem Shirt. Der 24-Jährige spielt regelmäßig Fußball und müsste in der Freizeit eigentlich seine Knochen schonen, wie er sagt. Aufs Trampolinspringen könne er aber schlichtweg nicht verzichten: "Das ist wie fliegen, man fühlt sich einfach so frei dabei."

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Kinder auf dem Trampolin

Zusammengefasst: Immer mehr Menschen in Deutschland benutzen Trampoline - im heimischen Garten, in großen Hallen, als Gesundheitssport. Tatsächlich hält das Springen auf den Geräten fit und schont die Gelenke. Eltern sollten jedoch vorsichtig sein: Vor allem Kinder können sich beim Hüpfen schwerere Verletzungen zuziehen.

Mitarbeit: Benjamin Braden

insgesamt 3 Beiträge
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Carina_L 07.09.2016
1. Das will ich auch!
Wow, die Halle in dem Video sieht ja bärenstark aus! Schade, dass es sowas nicht hier in Nürnberg gibt. Müsste man eigentlich mal für sorgen... Ist sowas sehr kompliziert, oder könnte ich auch eine Trampolinhalle aufmachen? Meine Kids würden sich sicher freuen! :)
bur123 18.10.2016
2. Wir bekommen auch solch ein Trampolinpark in Koblenz Mayen
Bin mal gespannt wie das bei uns wird :) 21 JUMP TOWN soll bei uns bald eröffnen mal sehen wie es so wird. MFG
a.huebgen 20.01.2018
3. Jumping Fittness Trampolin Sport
Hallo, ich habe mich auch angefangen umzusehen nach einem neuen Fitness Input und bin dabei auf das Konzept mit den Trampolinen gestoßen. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich begeistert von den theoretischen Ausführungen dazu, SPON schreibt ja offensichtlich auch dass es gut sein soll... Werde mir wohl ein Fitness Trampolin kaufen und sehen, wie es sich in meinem Programm schlägt. Würde mich auf alle Fälle freuen wenn meine Fitness dadurch steigt und ich Kondition und Kraft in den Beinen dazu bekomme ?️. Ich halte euch auf alle Fälle auf dem laufenden ;)
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