Transsexuelle in Indien Shazias Hoffnung auf ein neues Leben

Die Transsexuelle Shazia geht in Neu-Delhi auf den Strich, verkauft ihren in Saris gehüllten Männerkörper an Freier. Doch das Leben der Inderin könnte sich bald schlagartig bessern.

DPA

Von , Neu-Delhi


Das letzte Mal, dass sie es mit der Staatsmacht zu tun bekam, ist fünf Wochen her: Shazia kam nachts aus dem Haus eines Freiers, den sie und eine Kollegin gerade bedient hatten. In westliche Minikleider gehüllt, liefen die beiden Transsexuellen durch Neu-Delhis Defence Colony, einen teuren Stadtteil, in dem auch viele Ausländer wohnen. "Eine Streife hielt uns an, die Polizisten beschimpften uns und nahmen uns mit", sagt die 22-jährige Shazia. Vier Tage wurden die beiden in Neu-Delhis berüchtigtem Tihar Gefängnis festgehalten, beschuldigt, "öffentliches Ärgernis" erregt zu haben.

Erst als eine Hilfsorganisation die Kaution hinterlegte, kamen die beiden Transsexuellen frei. Am Donnerstag ist die Anhörung vor Gericht, doch Shazia hofft, dass die Anklage vielleicht fallengelassen werden könnte. "Angeblich soll doch alles besser werden für uns", sagt sie. "Wenn der Staat das ernst meint, kann er gleich damit anfangen, indem er unseren Fall zu den Akten legt."

Dass Transsexuelle in Indien es künftig leichter haben sollen, hat der Oberste Gerichtshof des Landes Mitte April beschlossen: Danach müssen sich Transsexuelle künftig nicht mehr als Mann oder Frau registrieren lassen. In öffentlichen Dokumenten wie Ausweisen und Führerscheinen soll es bald die dritte Kategorie "Andere" geben.

Richterspruch im Sinne der Transsexuellen

Einschneidender als solche Formalitäten jedoch ist für die geschätzt zwei bis sechs Millionen Transsexuellen in Indien der Beschluss der Richter, die Transgender-Gemeinschaft als sozial und wirtschaftlich rückständig einzustufen. Denn damit haben Menschen wie Shazia bald Anspruch auf staatliche Hilfen, wie ihn auch Angehörige niederer Kasten erhalten. Sie haben dadurch einen leichteren Zugang zu Bildungseinrichtungen und Regierungsposten, von denen ein bestimmter Prozentsatz für benachteiligte Gemeinschaften reserviert ist.

Geht es also nach dem Staat, könnte Shazia in Kürze von der Sexarbeiterin zur Beamtin aufsteigen. Sie würde dann doch noch in die Fußstapfen ihrer Eltern treten: Shazia wuchs in einer Polizistenfamilie im am Fuße des Himalaja gelegenen Bundesstaat Uttarakhand auf, erzählt sie in den Räumen der Hilfsorganisation Adobe, die sich in Delhis Vorort Noida für Homo- und Transsexuelle einsetzt.

Dass sie sich als Frau fühlt, entdeckte sie als 14-Jährige: Sie begann auf ihrem von der Armee betriebenen Internat, sich für Mitschüler zu interessieren. Nachdem Shazia mehrmals bei Techtelmechteln mit anderen Jungs erwischt wurde, benachrichtigte die Schulleitung ihre Eltern: Die nahmen ihren Sohn, der lieber eine Tochter sein wollte, von der Schule und sperrten Shazia zu Hause ein. Ihren College-Abschluss in Geologie und Chemie ließen die Eltern Shazia nur per Fernstudium machen. Vor zwei Jahren riss sie aus und kam nach Delhi.

"Die meisten von uns sind doch Analphabeten"

Hier versuchte sich Shazia, die gut Englisch spricht, als Telefonistin in einem Callcenter. "Weil die Kunden da nicht sehen konnten, dass ich anders bin." Doch mit ihrer Aufmachung in knallfarbenen Saris, Lippenstift und viel Strass-Schmuck eckte sie auch bei ihren Kollegen an. "Vor neun Monaten habe ich gekündigt, seitdem gehe ich anschaffen", sagt Shazia. Von ihrem Verdienst zahlt sie ein weiteres Fernstudium, einen Bachelor in Sozialarbeit. Dabei könnte die wegweisende neue Gesetzgebung ihr helfen, hofft sie. "Vielleicht kann ich ein Stipendium bekommen und dann einen Job aus dem Minderheiten-Kontingent", sagt Shazia.

Sie ist in der indischen Transgender-Community Indiens die absolute Ausnahme. Dass auf dem Subkontinent demnächst Millionen Männer in Frauenkleidern hinter Schaltern und Schreibtischen sitzen, ist höchst unwahrscheinlich. "Die meisten von uns sind doch Analphabeten, wie sollen wir da einen Beamtenjob bekommen", sagt Mala, die Anführerin einer sogenannten Hijra-Gemeinschaft. Hijras waren im alten Indien Eunuchen, die in familienähnlichen Gruppen am Rande der Gesellschaft lebten und die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, bei Hochzeiten und Geburten zu singen und zu tanzen.

"Transsexuelle der nächsten Generation werden wählen können"

Heute amputieren die meisten Transsexuelle ihre Genitalien nicht mehr, leben aber immer noch im alten Stil: Die Häuser der Hijras bieten die einzige Zuflucht für die jungen transsexuellen Männer, die in der Pubertät von ihren Familien verstoßen werden.

Auch Mala und ihre 250 Untergebenen wohnen zusammen und sprengen lärmend und singend Familienfeiern. Ihr Besuch gilt als Fluch und Segen zugleich: Zum einen muss viel Geld gezahlt werden, damit die ungeladenen Gäste wieder abziehen. Andererseits gilt das Auftauchen der Transsexuellen als glückliches Omen. Mala ist sich sicher, dass sich in ihrem Leben so schnell nichts verbessern wird, nur weil einige Richter eine Entscheidung fällen. Zufrieden ist sie trotzdem. "So fängt Fortschritt an. Wir haben keine Chance gehabt, ein anderes Leben zu führen als das einer Hijra. Doch die Transsexuellen der nächsten Generation werden wählen können, was sie aus ihrem Leben machen wollen."

Ob Shazia tatsächlich in den Genuss der neuen Privilegien kommt, steht und fällt damit, ob sie angesichts der neuen Gesetzeslage eine bereits getroffene Entscheidung rückgängig macht. Eigentlich hatte sie beschlossen, eine Geschlechtsumwandlung vorzunehmen, die Hormonbehandlung vor der Operation läuft schon. Doch wenn sich Shazia zur Frau umoperieren lässt, verlöre sie alle ihr gerade zugesprochenen Rechte und stünde da, wo eine halbe Milliarde indischer Frauen stehen: auf der Verliererseite. "Nur dafür, dass man eine Frau ist, bekommt man hier kein Stipendium", sagt sie.

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