#TrauungFürAlle Endlich richtig heiraten!

Gleichstellung live: In Berlin hat sich ein lesbisches Paar auf dem Kirchentag trauen lassen. Ganz normal. Oder?

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Spätestens als die prächtige, fast 300 Jahre alte Orgel der Berliner Marienkirche anfängt zu spielen, sind die Sonne, das Urlaubsfeeling und die Geschäftigkeit draußen auf dem Alexanderplatz vergessen: Es gilt eine Trauung zu feiern. Und wie immer, wenn sich ein Paar vor dem Altar das Ja-Wort gibt, tritt feierliche Stille ein.

Sarah J. und Eva U. - seit 2010 ein Paar, seit zweieinhalb Jahren standesamtlich "verpartnert" - wollen endlich "richtig heiraten", vor Gott und der Gemeinde ihre Liebe zueinander bezeugen. Und das nicht im privaten Rahmen, sondern öffentlich, auf dem Kirchentag, im Rahmen des Projekts #TrauungFürAlle.

"Wir wollen Lesben und Schwulen in der Kirche ein Gesicht geben", sagt die 31-jährige J., die wie ihre Frau Theologin ist. Noch immer sei ein Coming-out im kirchlichen Kontext "ein schwieriger und schmerzlicher Prozess", viele Gemeindemitglieder würden gar keine gleichgeschlechtlich Liebenden kennen.

"Dabei sind wir nur ein Paar von vielen, wir wollen anderen Mut machen, zeigen, dass es einen Platz für sie gibt in der Kirche." Die Trauung sei daher weniger ein Familienfest als "eine Zeichenhandlung, ein symbolischer Akt im christlichen Sinne".

Das klingt akademisch, entspringt aber dem echten Bedürfnis, der vieldiskutierten "Ehe für alle" nach vorn zu verhelfen. Und das solle nicht verdruckst geschehen, mit freundlichen Worten über eine "schwesterliche und damit vermeintlich harmlose, normkonforme Liebe", sagt J. "Wir haben als Trauspruch bewusst das Hohelied 8, 6-7a gewählt, denn es sind leidenschaftliche und kraftvolle Verse, die ausdrücken, wie wir uns lieben."

In der Übersetzung nach der Bibel in gerechter Sprache heißt es: "Leg mich wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Grab ist meine Leidenschaft. (…...) Wassermassen können die Liebe nicht löschen und Fluten sie nicht überschwemmen."

"Was für ein Trauspruch!", ruft Pastor Christian Stäblein, seit August 2015 Propst der Landeskirche EKBO. Er traut zum ersten Mal ein gleichgeschlechtliches Paar, er tut es unaufgeregt und gewissenhaft, nennt den Schritt der beiden Frauen "beispiellos beispielhaft".

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"Trauung für alle" auf dem Kirchentag: "Stark wie der Tod ist die Liebe"

Gibt es Kollegen, die sich weigern, "Ehen für alle" zu schließen? "Ja, einige wenige habe ich erlebt. Aber das ist ja auch ihr gutes Recht", so Stäblein. Im Synodenbeschluss wurde explizit festgehalten, dass kein Pfarrer dazu gezwungen werden könne, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. "Es gehört auch zur Botschaft der Vielfalt, dass man ihnen das ermöglicht", so der Propst.

Aus der Bibel sei die "Ehe für alle" theologisch nicht zu begründen, sagt Stäblein. "Das Kulturinstitut der Ehe war nun mal vor 2000 Jahren nicht wie heute." Deshalb müsse man interpretieren, wie immer bei der Bibelexegese.

Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren sind in der Evangelischen Kirche in Deutschland keine Seltenheit mehr. Trauungen wie bei heterosexuellen Paaren allerdings werden bisher nur in vier Landeskirchen durchgeführt. In der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist dies seit Juli 2016 möglich, nachdem sich die Landessynode auf ein entsprechendes Gesetz geeinigt hatte. Sarah J. und ihre Frau kommen aus einer Gemeinde, wo nur die Segnung möglich ist. "Auch deshalb haben wir uns für Berlin entschieden."

"Das ist meine Auffassung von Ethik"

Während in der Gesellschaft Umfragen zufolge längst Konsens über die Notwendigkeit einer vollständigen Gleichstellung besteht, gibt es innerhalb der Kirche bei einigen Bedenken. Befeuert werden Skeptiker unter anderem von Gruppen wie den "Christen in der AfD", die eine "Ehe für alle" als "Etikettenschwindel" bezeichnen.

Für die Theologin J. hat die Trauung auch Bedeutung im feministischen Kontext: "Wir zeigen, dass es einer Frau möglich ist, das eigene Begehren auf eine Frau zu lenken und damit genauso verbindlich umzugehen wie Heterosexuelle." Tatsächlich liest man im Positionspapier der evangelischen Kirche viel über Treue als christliche Tugend und Voraussetzung für eine Ehe. Auch Propst Stäblein betont, dass der Wille zur Treue zu einer Eheschließung dazugehöre.

J. sieht das differenzierter: "Die Liebe ist kein Rezeptbuch. Es gibt eine Fülle von Beziehungsformen, die in der Bibel gutgeheißen werden." Sie und ihre Frau lebten konventionell, in einer geschlossenen Beziehung, "aber jedes Paar trifft ganz individuell seine Entscheidung, was liebens- und lebenswert ist." Wenn Treue nicht der oberste Wert sei und Menschen entschieden, polyamor zu leben, sei das in Ordnung - "solange sie verantwortlich füreinander sind und in Krisensituationen wie Krankheit oder Schicksalsschlägen zueinanderstehen und sich kümmern. Das ist meine Auffassung von Ethik - persönliche Verantwortung ist wichtiger als Normen."

"Warum sollten wir nicht adoptieren dürfen?"

Dem Bundestag liegen bereits drei Gesetzentwürfe für die uneingeschränkte "Ehe für alle" vor. Die Grünen wollen eine Bundestagsabstimmung dazu über das Bundesverfassungsgericht erzwingen. Ist eine Lösung des Problems in Sicht? "Es wird Zeit, wir warten schon so lange", sagt J. "Rechtliche Regelungen sind wichtig, sie haben Wirkung auf die gesellschaftliche Realität."

Tatsächlich ist die rechtliche Gleichstellung bereits vorangeschritten, Streitpunkt ist das Adoptionsrecht. "Wir wollen uns nicht mehr wie Paare zweiter Klasse behandeln lassen", so J. "Rund ein Drittel der lesbischen Frauen lebt schon jetzt mit Kindern. Die Kommunen werben händeringend um gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern - wenn wir das können, warum sollten wir nicht adoptieren dürfen?"

Als Beobachter hatte man den Eindruck: Diese Ehe wurde mit großem Ernst und noch größerer Verbindlichkeit geschlossen. Es war eine anrührende, feierliche Zeremonie - aber auch "eine ganz normale Maienhochzeit", wie es sich der Propst und das Paar gewünscht hatten. Bis kurz vor Schluss zumindest. Beim Auszug des Paares aus der Kirche brach tosender Applaus los, Gläubige, Kirchentagsbesucher und Zaungäste lachten und freuten sich lautstark. Die Botschaft der Zeichenhandlung war angekommen.

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