Segelschiff als Frachter Zurück in die Zukunft

Moderne Containerschiffe sind schwimmende Giganten - und eine enorme Umweltschweinerei, findet Andreas Lackner. Mit zwei Geschäftspartnern betreibt der Österreicher das Gegenmodell. Die "Tres Hombres" ist der einzige Frachtsegler im Transatlantikverkehr.

Fairtransport/ Hajo Olij

Von Rainer Leurs



Wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen

SPIEGEL ONLINE: Herr Lackner, wo auf dem Ozean befindet sich Ihr Öko-Frachter denn gerade?

Lackner: Momentan ist die "Tres Hombres" unterwegs von Belém in Brasilien nach Barbados. Wir haben übrigens einen neuen Kapitän an Bord, einen jungen Niederländer: das erste Mal, dass keiner von uns dreien fährt. Aber er macht das schon okay - es ist ja nicht ganz einfach, so ein Schiff ohne Motor über den Atlantik zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Die letzten großen Frachtsegler wurden im vergangenen Jahrhundert außer Dienst gestellt, weil sie nicht mehr rentabel waren. Warum versuchen Sie es jetzt erneut?

Lackner: Weil wir in einer Welt leben wollen, in der man noch atmen kann. Das moderne Frachtgeschäft per Schiff ist eine enorme Umweltverschmutzung, auch deshalb, weil Öl immer noch viel zu billig ist: Die 16 größten Transportschiffe zusammen stoßen so viel giftige Abgase aus wie alle Autos der Welt auf einmal. Wenn Sie sich das klarmachen, ist unser Vorhaben sehr sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Segelschiff hat eine Kapazität von 34 Tonnen. Damit werden Sie kaum den globalen Frachtverkehr umkrempeln.

Lackner: Die "Tres Hombres" allein kann natürlich wenig ausrichten, aber sie kann auf die Menschen einwirken. Unser Ziel ist es, alle Frachtschiffe der Welt unter Segel zu bringen. In unseren Augen ist es einfach unnötig, alles jederzeit und zum Tiefstpreis verfügbar zu haben, und das auf Kosten von zwei Dritteln der Weltbevölkerung, denen man die Ressourcen wegnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Güter transportiert denn Ihr Schiff? Und vor allem: wohin?

Lackner: Wir fahren jedes Jahr die Transatlantikroute. Dazu stechen wir im Oktober in Holland in See, es geht dann erst nach Norwegen, um Stockfisch abzuholen. Dann weiter nach Frankreich, um Wein zu laden, und in Portugal nehmen wir Olivenöl auf. Danach geht es nach Belém, wo wir Wein und Öl abliefern und im Gegenzug Kaffee und andere fair gehandelte Produkte aus dem Amazonasgebiet laden. Dann segeln wir nach Grenada, für Rum und Kakaobohnen. Damit geht es wieder zurück nach Europa. Wir sind eigentlich immer unterwegs, außer im Herbst. Dann wird das Schiff rausgehoben und überarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Seefahrt wie zu Zeiten von James Cook. Wer tut sich das an, gibt es eine feste Besatzung?

Lackner: Mit so einem Projekt findet man relativ leicht Leute, die mitfahren wollen. Es gibt einen Kapitän, zwei Steuermänner, einen Bootsmann und einen Koch. Außerdem sind zehn Lehrlinge an Bord.

SPIEGEL ONLINE: Und die "Tres Hombres" selbst - was ist das für ein Schiff?

Lackner: Das ist ein alter Kriegsfischkutter, 32 Meter lang, gebaut 1943 in Swinemünde. Als Segler war das Schiff natürlich nie gedacht. Wir haben es deshalb zusammen mit vielen freiwilligen Helfern komplett restauriert und umgebaut. Insgesamt stecken rund 160.000 Arbeitsstunden darin, allein das Kalfatern der Holzplanken hat vier Monate gedauert. Wir haben einen neuen Kiel gelegt, das Rigg gemacht und den Motor rausgerissen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie denn den Diesel nicht dringelassen? Wenigstens für Notfälle?

Lackner: Das hatte philosophische, politische Gründe. Wir dachten uns: Wenn wir schon in so einem kleinen Maßstab arbeiten, dann lassen wir den Motor gleich ganz weg. So kommt man gar nicht erst in Versuchung, die Maschine anzuschmeißen. Auf diese Weise können wir jetzt sagen: Wir verschiffen zu 100 Prozent emissionsfrei, mit dem einzigen reinen Segeltransporter der modernen Ökonomie. Im Übrigen fährt das Schiff auch schneller, wenn keine Schraube dran ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist die "Tres Hombres" denn nun in erster Linie ein wirtschaftliches Unternehmen oder ein politisches Projekt?

Lackner: In erster Linie ist es politisch. Wirtschaftlich ist die Sache insofern, als dass davon Leute leben müssen. Es hat ja im Vorfeld niemand daran gedacht, dass das funktionieren würde. Aber wir halten uns über Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Sicher ist es teurer, zum Beispiel eine Ladung Stockfisch per Segelboot zu transportieren als im Container. Wie hoch ist denn dieser Öko-Aufpreis?

Lackner: Wir sind etwa drei- bis viermal so teuer wie der normale Transport. Was wir verlangen, ist eben der ehrliche Preis: Bei den großen Frachtschiffen müsste man ja eigentlich noch die Umweltschäden mit hineinrechnen. Unser Ansatz dagegen ist langsamer, kleiner - und eben teurer.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nehmen Ihre Kunden das auf sich?

Lackner: Natürlich muss man sie überzeugen, mehr zu bezahlen. Unser Angebot ist ideal für Produkte, die sowieso schon fair gehandelt sind. Für den Eigner der Fracht ist das dann ein Mehrwert - weil er auch noch mit dem Transportweg werben kann.

SPIEGEL ONLINE: Die "Tres Hombres" ist jetzt seit vier Jahren für Sie unterwegs. Wie soll es mit der Firma weitergehen?

Lackner: Natürlich wollen wir uns vergrößern, so dass wir mit dem Preis etwas runtergehen können. Es gibt sehr viele Anfragen aus aller Welt. Wir planen jetzt Schiffe mit 499 Tonnen Kapazität, die dann in Serie gebaut werden. Schöne Segelschiffe sind das, die auch wirtschaftlicher fahren würden als momentan. Das Gute ist ja: Wir müssen keinen neuen Markt kreieren. Wir wollen den Verschmutzern den Markt wegnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal ehrlich, Herr Lackner: Halten Sie das alles für realistisch? Dass Ihre Boote irgendwann Reederei-Giganten wie Maersk das Wasser abgraben?

Lackner: Ich weiß nicht, ob das realistisch ist. Aber wenn wir wirklich etwas ändern wollen, dann müssen wir jetzt beginnen. Stellen Sie sich vor, wie viele Menschen irgendwann auf der Welt leben - und diese Menschen wollen alle Güter haben, die von woanders herbeigeschafft werden. Dieses Wachstum wird nicht ewig gutgehen. Ich glaube, man sollte sich so lokal wie möglich versorgen. Was von weit her kommt, ist dann halt ein Luxusgut - so wie der Rum oder die Schokolade, die wir mitnehmen. Und das kostet dann eben mehr.

  • Fairtransport
    Andreas Lackner, geboren 1976 in Österreich, war Aktivist für Greenpeace, bevor er seine Heimat verließ und auf mehreren Großseglern arbeitete. Bei einer Atlantik-Überfahrt lernte er seine späteren Kompagnons Arjen van der Veen und Jorne Langelaan kennen. Mit ihnen betreibt er heute die Firma Fairtransport, für die die "Tres Hombres" segelt.

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ash26e 11.01.2014
1. An Nachhaltigkeit muß man glauben
Entropie ist halt ein Fremdwort für solche Schwärmer und auch für Journalisten, sonst würden sie solchen Quatsch nicht breittreten.
ziegenzuechter 11.01.2014
2. netter pr gag
Zitat von sysopFairtransport/ Hajo Olij Moderne Containerschiffe sind schwimmende Giganten - und eine enorme Umweltschweinerei, findet Andreas Lackner. Mit zwei Geschäftspartnern betreibt der Österreicher das Gegenmodell. Die "Tres Hombres" ist der einzige Frachtsegler im Transatlantikverkehr. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/tres-hombres-einziger-frachtsegler-auf-dem-atlantik-a-942679.html
aber die umweltfreundliche zukunft des warentransports auf dem wasser, wird sicher nicht ein rueckschritt in die zeit der hanse sein. voll banane!
krassopoteri 11.01.2014
3.
Zitat von ziegenzuechteraber die umweltfreundliche zukunft des warentransports auf dem wasser, wird sicher nicht ein rueckschritt in die zeit der hanse sein. voll banane!
Doch, es werden auch moderne Frachter und Kreuzfahrtschiffe gebaut, die zumindest teilweise mit Windenergie fahren.
captnali 11.01.2014
4. Wer beneidet immer noch
die Villenbewohner in Ovelgönne und Blankenese angesichts derartiger Emmissionswerte?
brassica 11.01.2014
5. Großsegelschiffe, Ackergäule, Postkutschen
Das Ganze ist erst dann konkurrenzfähig, wenn Öl unendlich teuer geworden ist und gleichzeitig am besten noch die menschliche Arbeitskraft praktisch nichts mehr kostet. Dann fahren auch keine Trecker mehr über die Äcker, sondern das erledigen dann wieder Arbeitspferde. Und auf den Straßen sieht man dann auch wieder mehr Pferdekutschen usw.... Ein bißchen wird das aber noch dauern. Und wenns doch noch rechtzeitig einen Technologiesprung gibt bei den Antrieben, dann tritt das dann am Ende vielleicht doch wieder nie ein...
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