Triftern nach der Hochwasserkatastrophe Ein Dorf im Schlamm

Sabine Engelmann liebte den Altbach, nun hasst sie ihn: Das Hochwasser hat die Einwohner im niederbayerischen Triftern schwer getroffen. Unterwegs in einem verwüsteten Ort.

Von , Triftern


Karl Hollmayr hat sich einen Spruch ins Erdgeschoss gehängt. Als zuletzt im niederbayerischen Triftern in atemberaubendem Tempo das Wasser kam, blieben die gerahmten Worte nicht mehr als ein frommer Wunsch: "Gott beschütze dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus."

Der Rahmen ist noch an seinem Platz geblieben. Aber sonst ist in dem rund hundert Jahre alten Haus, in dem schon Hollmayrs Vater aufwuchs, kaum mehr etwas dort, wo es hingehört. Das Mobiliar aus dem Erdgeschoss: ein Fall für den Sperrmüll. Reservisten der Bundeswehr werfen Bretter aus den aufgesperrten Fenstern.

Triftern ist von dem jüngsten Hochwasser besonders betroffen. Dabei ist der Altbach, der durch den Ort mit rund 5000 Einwohnern im Landkreis Rottal-Inn fließt, normalerweise zahm und friedlich. Nach tagelangen starken Regenfällen spitzte sich die Lage am Mittwoch aber dramatisch zu.

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Hochwasser in Niederbayern: Zerstörung und Schlammmassen in Triftern

Welche Verwüstung die Katastrophe hinterließ, wird in Triftern jetzt allmählich sichtbar, nachdem das Wasser weitgehend abgelaufen oder abgepumpt ist. Nicht nur viele Straßen sind von einer dicken Schlammschicht überzogen, auch in etlichen Häusern klebt der Morast. An vielen Ecken des Ortes wurden inzwischen Container aufgestellt. In ihnen türmen sich die zu schmierigen Klumpen geformten Habseligkeiten der Hochwasseropfer. Mit schwerem Gerät fahren Helfer durch den Ort, karren unbrauchbare Sofas, kaputte Regale und Schränke zu einem Platz, um sie später zu entsorgen.

"Land unter"

Karl Hollmayr
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Karl Hollmayr

Hollmayr, 51, sportlicher Typ, kurze graue Haare und Dreitagebart, steht an diesem Donnerstag in dem Raum, der mal seine Küche war. Seine Hose ist schlammverschmiert, der Dreck ist ihm bei den Aufräumarbeiten ins Gesicht gespritzt. Mit den Schuhen steht er in der braunen Brühe, die immer noch zentimeterhoch durch manche Zimmer schwappt.

"Land unter", das sei sein erster Gedanke gewesen, als er das Ausmaß des Hochwassers überblickt habe, sagt Hollmayr. Er sei bei der Arbeit gewesen, als man ihn alarmierte. Daraufhin eilte Hollmayr nach Triftern, aber die Einsatzkräfte ließen ihn aus Sicherheitsgründen vorerst nicht in das Haus. Das Wasser stand bei rund 1,50 Meter, Hollmayr übernachtete bei seiner Freundin.

1991 habe sich das Hochwasser schon einmal seinen Weg nach Triftern gebahnt, sagt Hollmayr. Damals sei es aber viel glimpflicher ausgegangen. Dieses Mal kam das Wasser mit nie dagewesener Wucht: "Da kannst du nichts machen", sagt Hollmayr.

Die Aufräumarbeiten in seinem Erdgeschoss gleichen einem Abrisskommando: Die völlig durchnässte Küchenarbeitsplatte bricht Hollmayr weg. Es geht jetzt nur darum, die Räume möglichst schnell leer zu bekommen, damit sie trocknen können.

Die bayerische Staatsregierung kündigte rasche und unbürokratische Hilfe für die Betroffenen an. Die überschwemmte Fläche in Niederbayern ist etwa doppelt so groß wie der Chiemsee. Mehrere Minister verschafften sich am Donnerstag einen Eindruck vom Krisengebiet. "Das ganze kam so überfallartig, da ist mit Hochwasserschutz nichts zu machen", sagte Finanzminister Markus Söder (CSU).

Umso größer scheint jetzt bei den Helfern und Bürgern in Triftern der Wille zum Wiederaufbau zu sein. "Es sind wirklich alle Helfer im Einsatz, die laufen können", sagt ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Männer, Frauen, Junge und Alte greifen zu Schaufeln, um den Schlamm zu entfernen. Natürlich gibt es auch Betroffene, die entsetzt sind angesichts der Zerstörung und für einen Moment resignieren: "Die Hütte kann man abreißen", sagt ein junger Mann verzweifelt - und packt kurz danach dann doch wieder mit in dem Haus seiner Mutter an.

"Jetzt hasse ich den Bach"

Sabine Engelmann
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Sabine Engelmann

Und dann sind da Menschen wie Sabine Engelmann, die das Gefühl haben, Pech und Glück zugleich gehabt zu haben und bei denen der Schock noch tief sitzt: Die 46-Jährige war allein mit ihrem Hund zu Hause, als das Wasser kam. "Innerhalb von wenigen Minuten stand es da", sagt sie. Sie flüchtete samt Hund auf den Balkon im ersten Stock und alarmierte per Handy die Feuerwehr. "Ich hatte Angst um mein Leben." Die Retter kamen per Boot, rund um das Haus stand das Wasser.

Erst vor ein paar Monaten ist Engelmann mit ihrem Mann aus der Nähe von Osnabrück hierher gezogen. "Bayern war schon immer ein Traum von uns", sagt sie. Zusammen mit ihrem Mann genoss Engelmann die ersten Wochen in der neuen Heimat: den Blick Richtung Wald, die Ruhe, den rauschenden Bach. "Jetzt hasse ich den Bach", sagt Engelmann.

Für die Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten in Triftern veranschlagen die Helfer noch mehrere Tage, noch gibt es nicht einmal Strom. Die Aufarbeitung in den Köpfen vieler Hochwasseropfer wird dagegen noch länger dauern. In Triftern und anderen vom Hochwasser betroffenen Orten sind bereits Seelsorger unterwegs: "Wir sprechen die Leute an", sagt Diakon Robert Rembeck. Manche Betroffene wirkten sehr gefasst, andere würden die Seelsorger in ihre Häuser und Wohnungen holen, um ihnen die Zerstörung zu zeigen. Die Seelsorge würde im Krisengebiet noch einige Zeit gebraucht, sagt Rembeck.

In Triftern sind glücklicherweise keine Todesopfer zu beklagen. In den nicht weit entfernten Orten Simbach am Inn und Jubach wurden inzwischen schon sechs Leichen geborgen.

Video: Weiteres Todesopfer nach Hochwasser in Bayern

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