Triumph der Olympia-Gegner Freudentränen auf Plastikstühlen

München trauert, die Olympia-Gegner feiern - allen voran die Aktivisten von "NOlympia" in Garmisch-Partenkirchen. Mit ihnen triumphiert Willi Rehberg. Zum vierten Mal hat er gegen Winterspiele in den Alpen gekämpft, und erneut war er erfolgreich.

Aus Garmisch berichtet

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Die Gegner der Winterspiele 2018 in München sind am Tag der Entscheidung dort, wo sie in den vergangenen Wochen immer waren - und wo die Olympia-Befürworter sie am liebsten sahen: im Abseits. Sie versammelten sich im Tierheim in Garmisch, draußen hinten am Berg gelegen, vorbei an Bauernhäusern mit wuchtigen Geranienkübeln vor den Balkonen und verschnörkelten Lüftlmalereien an den Außenwänden.

Willi Rehberg, ein kleiner, braungebrannter Mann im karierten Kurzarmhemd und mit grauem Schnauzer, schleicht durchs Foyer, wo Reihen von zitronengelben Plastikstühlen vor einer klapprigen Leinwand postiert sind. Es ist eine Stunde vor der Bekanntgabe. Die Aktivisten von "NOlympia" bangen, wer den Zuschlag bekommt. "Noch ist alles drin", sagt einer in Lederhose. Und sie hoffen sicher nicht auf den Zuschlag für die bayerische Landeshauptstadt.

Dann wird bekannt: Die Entscheidung ist im ersten Wahlgang erfolgt. Rosi Mittermaier habe im Radio bereits Südkorea gratuliert, erzählt eine Frau, die gerade geparkt hat. Wem jetzt ein kurzer Jubel rausrutscht, der wird ermahnt. "Macht mal langsam!", warnt Wolfgang Zängl, ebenfalls ein führender Olympia-Gegner. Wer zuletzt lacht und so weiter.

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Winterspiele 2018: Triumph für Pyeongchang
Die Stimmung im Heim ist angespannt. Auf einer rustikalen Holztheke schwitzen Semmeln mit Bärlauchaufstrich, Radieserl und andere Häppchen vor sich hin. In einer Wanne schwimmen warme Spezi und Radler. Wenn alles überstanden sei, könne sich, wer Lust hat, gern noch die Tiere anschauen, sagt die Heimleiterin.

Jubel! Die Gegner reißen die Arme hoch

Willi Rehberg sucht sich einen Platz mitten im Chaos, in der Hand hält er ein weißes Blatt Papier: "The International Olympic Committee has the honour of announcing that the XXIII Winter Games will be held in the city of Pyeongchang." Er trägt den Zettel wie eine Monstranz vor sich her. Das Verlesen dieses Satzes ist sein innigster Wunsch.

Unruhig rutschen die Olympia-Gegner schließlich auf ihren Stühlen hin und her. Als IOC-Präsident Jacques Rogge den Umschlag zur Hand nimmt, kann man außer dem Öffnen des Kuverts im Foyer des Tierheims nichts hören. Die Winterspiele finden in Pyeongchang statt, nicht in München und Umgebung - Jubel! Die Gegner reißen die Arme hoch, klatschen, johlen, umarmen sich stürmisch.

Willi Rehberg schießen die Tränen in die rehbraunen Augen. Vor Freude und Erleichterung. Er zieht sein hellblaues Stofftaschentuch aus der Hose, wischt sich übers Gesicht, er atmet kräftig durch.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erteilte der deutschen Olympia-Bewerbung eine deutliche Absage: Die Mitglieder votierten auf der Vollversammlung in Durban mit lediglich 25 von 95 Stimmen für die bayerische Landeshauptstadt. Im Garmischer Tierheim knallen nun die Sektkorken, aber viele trinken erst, nachdem sie Willi Rehberg zugeprostet haben: "Er hat uns gemanagt", sagt Olympia-Gegner Wolfgang Zängl.

Willi Rehberg ist Salzburger. Er wohnt am Rande der Stadt, keine fünf Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt. Er ist der versierteste unter all den Olympia-Kritikern im Tierheim droben am Berg: Er hat gegen alle drei Bewerbungen seiner Heimatstadt für die Winterspiele 2006, 2010 und 2014 protestiert, hat Vorträge gehalten, Handzettel verteilt, Aufklärungsarbeit geleistet.

"Sie klopfen mir auf die Schulter"

Die Aktivisten gegen Winterspiele in München stießen auf ihn, als er vor zwei Jahren auf einer Fachtagung der internationalen Alpenschutzkommission Cipra in Liechtenstein einen Vortrag hielt. Die Grünen, die Linke, die CSU - alle engagierten Willi Rehberg. Er sollte ihnen die Nachteile eines solchen Sportevents im Süden Bayerns aufzeigen.

Er selbst habe nie einer Partei angehört, sagt Willi Rehberg. Für ihn habe immer die Umwelt, die Natur im Mittelpunkt gestanden. Seit mehr als 50 Jahren gehört er dem Österreichischen Alpenverein an, seinen 70. Geburtstag feierte er auf dem Kilimandscharo. Die logistische Meisterleistung habe darin bestanden, pünktlich zum 70. oben zu sein und gleichzeitig wieder so schnell unten, dass er den Salzburger Nachrichten ein Bild mailen konnte, sagt der 75-Jährige und lacht.

Warum engagiert er sich so? "Warum nicht?", fragt er verdutzt zurück. Die Salzburger Politiker hätten ihn gehasst für sein Engagement, viele hätten eineinhalb Jahre kein Wort mit ihm gewechselt. "Heute kommen sie auf mich zu und klopfen mir auf die Schulter", sagt er stolz. Salzburg zahle die Bewerbungskosten noch immer über Kredite ab. "Was meinen Sie, wie es denen erginge, hätten sie die Winterspiele bekommen?"

Rehberg ist überzeugt, dass für Griechenlands Finanzkrise auch die Spiele 2004 verantwortlich seien. 13 Milliarden Euro habe man damals dafür hingelegt. "Und Deutschland zahlt die Schulden nun mit ab", ist er überzeugt. "Winterspiele in Bayern hätten alles nur schlimmer gemacht. In allen Beziehungen."

Gespaltenes Garmisch-Partenkirchen

Am Anfang der Bewerbung für München sei geplant gewesen, dass im Erfolgsfall die Biathlon-Wettbewerbe in Oberammergau stattfinden. Willi Rehberg reiste in das 5000-Seelen-Dorf und schilderte, was die dafür notwendigen Schneekanonen anrichten würden. Die Bewohner gingen auf die Barrikaden: Innerhalb kürzester Zeit sammelten sie doppelt so viele Unterschriften für ein Bürgerbegehren wie nötig. "Wenn mich heute ein Oberammergauer sieht, fällt er mir um den Hals", sagt Rehberg und zwinkert mit den Augen. "Denen habe ich ihr Land gerettet."

Der pensionierte Thyssen-Krupp-Manager kritisiert auch die wirtschaftliche Seite des Unternehmens Olympia. Für ihn hat das IOC nur eine Aufgabe: die pure Vermarktung der Spiele. "Und dabei stecken sie sich die Taschen voll", wettert Rehberg und rechnet vor: "Ich kenne einen Berater, der hat 90.000 Euro pro Monat bekommen und das ein ganzes Jahr lang. Ist es das wert?"

Dann feiern die Gegner ihren Sieg - und diskutieren weiter. In jeder Ecke bilden sich kleine Gruppen, und es gibt weiterhin nur ein Thema: Ist für Olympische Spiele in Zeiten des Klimawandels überhaupt Platz? Wie kann man den verloren gegangenen olympischen Charakter reanimieren?

"In Wirklichkeit hat Garmisch-Partenkirchen gewonnen", bilanziert Axel Doering schließlich. Der Förster gehört mit Wolfgang Zäng, Sylvia Hamberger und Andreas Keller zu den Hauptverantwortlichen von NOlympia.

Sie hatten dafür gesorgt, dass sich Garmisch-Partenkirchen in zwei extreme Lager spaltete: in Olympia-Befürworter und -Gegner. Bei einem Bürgerentscheid am 9. Mai stimmten 57 Prozent für eine Bewerbung. Die Anhänger hatten im Vorfeld erklärt, dass sie mit einer klaren Mehrheit rechneten, der knappe Sieg war eine herbe Niederlage. Das letzte notwendige Grundstück im Zielhang der Kandahar-Abfahrt wurde nach zähen Debatten erst vor wenigen Wochen für die Nutzung vertraglich gesichert.

Entsprechend hefteten sich am Mittwoch die Aktivisten in ihrem Tierheim den Erfolg ans Revers. "Das haben wir gut gemacht", loben sie sich. Die Befürworter sollen das ruhig wissen. Nur hören sie die nicht, die Gegner sind zu weit oben am Hang.

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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
chassespleen 06.07.2011
1. Glückwunsch an Pjöngjang
Jodler, Bierhammer und Tränen - was für ein kindisches Getue der deutschen Protagonisten ...
Roßtäuscher 06.07.2011
2. Willi Rehberg hat völlig recht
Zitat von sysopMünchen trauert, die Olympia-Gegner feiern - allen voran die Aktivisten von "NOlympia" in Garmisch-Partenkirchen. Mit ihnen triumphiert Willi Rehberg. Zum vierten Mal hat er gegen Winterspiele in den Alpen gekämpft, und erneut war er erfolgreich. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,772846,00.html
Noch heute zahlen die Salzburger ihre Kredite ab, allein für die Bewerbung. Was hat München insgesamt für diesen Blödsinn berappen müssen? Warum soll man diesem Korruptionsverein IOC die Taschen vollstopfen? Nach den Olympischen Spielen hätten z.B. die Oberammergauer ihr Langlaufstadion zurückbauen müssen mit Folgen. Die karge Grasnarbe bleibt über Jahrzehnte versaut. Gott sei Dank haben die Südkoreaner den Zuschlag bekommen. Jetzt müssen sie viele Hyundai und Samsung verkaufen bei einem gesättigten Markt!
AuchNurEinNick 06.07.2011
3. Gott sei Dank ...
Ich kenne den Herrn Rehberg nicht aber eines ist sicher, auch ich bin mehr als froh, dass diese zum reinen Kommerz verkommene Veranstaltung nicht in Deutschland ausgerichtet wird. Hoffentlich ist bald einmal Schluss mit diesem Irrsinn der sich als Sport tarnt. Das olympische Komittee möchte Spiele veranstalten? Na prima, dann mal her mit der ganzen Kohle die das Otto-Normalverbraucher kostet. Selbstverständlich inkl. der Kosten die der Wiederaufbau der zerstörten Natur erfordert. Es ist mir ein Rätsel aus welchem unerfindlichen Grund dies alles eine Aufgabe der Allgemeinheit sein sollte.
s.s.t. 06.07.2011
4. ...
Zitat von sysopMünchen trauert, die Olympia-Gegner feiern - allen voran die Aktivisten von "NOlympia" in Garmisch-Partenkirchen. Mit ihnen triumphiert Willi Rehberg. Zum vierten Mal hat er gegen Winterspiele in den Alpen gekämpft, und erneut war er erfolgreich. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,772846,00.html
"Alle wollen etwas ändern; keiner will die Zukunft, wie sie war."(Kreisler) Tja, wir sind halt ein Volk von Blumengießern.
Tottiso 06.07.2011
5. Die zwei Seiten der Medaille
Eine politisch schlechte Entscheidung für Garmisch-Patenkirchen, aber ökologisch eine gute für die Natur. Das ist langfristig mehr wert.
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