Triumph von Japans Fußballfrauen: Ein Moment im Glück

Von und Haluka Maier-Borst, Tokio

Japan kämpft noch immer mit den verheerenden Folgen von Erdbeben und Tsunami. Der WM-Titel der Fußballerinnen ist endlich wieder Grund zur Freude. Geschlossenheit und Kampfgeist brachten den Frauen den Sieg - Eigenschaften, die das Land nach der Katastrophe dringend braucht.

Jubel in Tokio: Japan feiert seine WM-Heldinnen Fotos
AFP

Tokios Zeitungen druckten Sonderausgaben und verteilten sie am Montagmorgen in der japanischen Hauptstadt. Die Passanten griffen gern zu. Erstmals seit Wochen gab es wieder gute Nachrichten: Japan hat die Weltmeisterschaft im Frauenfußball gewonnen. Im japanischen Fernsehen flimmerten Bilder von jubelnden und gerührten Weltmeisterinnen über die Mattscheiben.

Die Japanerinnen hatten am Sonntagabend ihr erstes Finale auf großer Bühne bestritten und in Frankfurt am Main den zweimaligen Weltmeister USA 5:3 nach Elfmeterschießen (1:1, 2:2) besiegt. Den Triumph im fernen Deutschland feierten Tausende Japaner im Morgengrauen von Tokio. Sie tanzten in dunkelblauen Trikots - den Farben ihrer Nationalmannschaft. Sie sangen und umarmten sich. Erstmals nach der verheerenden Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe vom März hat das Land wieder einen Grund zum Jubeln.

Wenigstens für einen Moment, im Rausch des größten Erfolgs ihrer Fußballerinnen, konnten die Japaner die tragischen Ereignisse der vergangenen Monate ausblenden. Fast 25.000 Menschen sind durch Erdbeben und Tsunami ums Leben gekommen. Mit den Folgen von Naturkatastrophe und Super-GAU werden die Menschen in dem asiatischen Land noch jahrelang zu kämpfen haben. "Das ist eine Chance, die nukleare Katastrophe und alles andere für eine Zeitlang zu vergessen", sagte ein 22 Jahre alter Fußballfan nach dem WM-Sieg.

Abwehrspielerin arbeitete im AKW Fukushima

Wenn man die Bedeutung des Titels für das Land verstehen will, hilft es, sich die Geschichte von Aya Sameshima anzusehen. Das Schicksal der 1,62 Meter großen, 53 Kilo leichten, oft etwas schüchtern und fast zerbrechlich wirkenden Abwehrspielerin hat es den japanischen Medien besonders angetan. Die 24-Jährige spielte, als Einzige in Japans WM-Kader, für Tepco Mareeze, den Erstliga-Club des Kraftwerksbetreibers. Vor dem Erdbeben arbeitete sie in der Verwaltung der Reaktoranlage des havarierten AKW Fukushima.

Sameshima lebte und spielte im J-Village, einem Sportkomplex nahe Fukushima. Sie war aber gerade im Süden Japans in einem Trainingslager, als am 11. März die Erde bebte, die Wellen kamen und das Kraftwerk havarierte. Ihre Angehörigen sind nicht zu Schaden gekommen, doch Freunde und Fans gehören zu den Opfern der Katastrophe.

Tepco Mareeze, Sameshimas ehemaliger Club, hat sich aus dem Spielbetrieb abgemeldet. Es ist unklar, ob er überhaupt noch existiert. Sie fand Unterschlupf bei den Boston Breakers, einem Spitzenverein der US-Profiliga. Es fiel ihr nicht leicht, aus Japan wegzugehen. Sie hatte das Gefühl, ihr Team im Stich zu lassen. Sameshima überegte lange, ob sie in der schwierigen Situation überhaupt an der WM teilnehmen soll. Die Entscheidung fiel schließlich aus urjapanischen Gründen: um dem Land Kraft und Mut zu schenken. "Ich spiele auch für die Frauen, die jetzt nicht mehr Fußball spielen können", sagte Sameshima vor dem Finale.

"Vielen Dank für eure Unterstützung"

Nach dem Triumph sah man die 24-Jährige inmitten ihrer Mitspielerinnen auf die Siegerehrung warten, lachend und tanzend, für japanische Verhältnisse ausgelassen feiernd. Fukushima schien in diesen Momenten weit weg. Doch schon ein paar Minuten später war Fukushima wieder da - nach der Pokalübergabe bedankte sich die Mannschaft mit einem Banner: "Für unsere Freunde in aller Welt - vielen Dank für eure Unterstützung." Gemeint war vor allem die Unterstützung nach dem Unglück vom März.

Der Fußball und das Nationalteam, beides Dinge, die nach dem Unglück im März so unwichtig schienen, haben Aya Sameshima offenbar geholfen, mit der schwierigen Situation fertig zu werden. Der WM-Titel wird die Probleme des Landes nicht lösen, könnte sich aber als wichtige Stütze des Selbstbewusstseins erweisen.

Japan lächelt wieder - und sogar die Verliererinnen vergaßen ihren Frust. "Japan hat durch die Fukushima-Katastrophe so viel gelitten. Das Land hat den WM-Sieg mehr gebraucht als wir. Er wird diesem Volk Hoffnung geben", sagte US-Starstürmerin Abby Wambach.

Geglückt ist den Japanerinnen ihr Triumph vor allem, so betonen es die heimischen Medien, dank japanischer Tugenden: Kampfgeist und Zusammenhalt. Es sind Eigenschaften, die das Land nach den Katastrophen dringend braucht. Und so spürten die Japaner in dieser immer kämpfenden, nie aufgebenden Mannschaft wohl auch einen Teil ihres nationalen Selbstverständnisses.

Spielerinnen werden wie Helden empfangen

Hiroe Matsue etwa hat die ersten Spiele des Turniers kaum verfolgt, eigentlich interessiert sie sich nicht für Fußball. "Aber dieser Sieg gibt uns eine Menge Energie und Hoffnung nach dem Erdbeben", sagt die 30-Jährige. Das Finale hat sie sich angeschaut - wie viele andere Japaner auch. Als der Anstoß um exakt 3.45 Uhr Ortszeit fiel, waren viele Bars und Restaurants im Zentrum von Tokio längst überfüllt.

Die überragende Homare Sawa, als beste WM-Spielerin und -Torschützin (fünf Treffer) ausgezeichnet, dachte auch in der Stunde des Triumphs an die ferne Heimat. "Ich hoffe, wir konnten unseren Landsleuten nach all dem Leid ein wenig Freude bereiten", so die Spielführerin. Fast zeitgleich, in der japanischen Morgendämmerung, sagte Sawas Mutter dem Sender Fuji Television mit tränenerstickter Stimme: "Ich habe gefühlt, dass in diesen großen Momenten ganz Japan gelächelt hat."

Die "Japan Times" schrieb von einem "märchenhaften Abschluss" und prophezeite: "Die Spielerinnen werden wie Helden empfangen, nachdem sie das japanische Volk beflügelt haben."

Viele Japaner dürften an diesem Montagmorgen ein wenig müder als sonst gewesen sein - aber dafür neuen Mut geschöpft haben.

mit Material von dapd und sid

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Japans FRauen sind Fußballweltmeister...
Hemul 18.07.2011
... und dazu gratuliere ich aus ganzem Herzen! Diese Verbissenheit, dieser Kampfgeist, einfach bewundernswert! Ein verdienter Sieg!
2. Auf den Punkt
Tokund 18.07.2011
Der Artikel bringt die Gefuehle in Japan auf den Punkt. Nach dem z.T. grossen Unsinn an dieser Stelle zum Fukushima-Unglueck im Maerz und April endlich mal ein gelungener Beitrag.
3. *
Monark™ 18.07.2011
Zitat von Hemul... und dazu gratuliere ich aus ganzem Herzen! Diese Verbissenheit, dieser Kampfgeist, einfach bewundernswert! Ein verdienter Sieg!
Sehe ich genauso, aber statt "Verbissenheit" hätte ich "Moral", "Konzentration" oder "mentale Stärke" geschrieben. Schönen Gruß ins Mumintal!
4. Internationale Sportwettkaempfe
sushiboi 18.07.2011
muessen jetzt also schon zur Staerkung des Nationalismus herhalten. Schade eigentlich, aber wenn man sich die Entwicklungen in der EU anschaut, auch nichts besonderes. Von den eigentlich gar nicht direkt betroffenen Artikelschreibern Jens Witte, Haluka Maier-Borst & Yamada-Cho haette man, u.U. selbst trotz des tlw. noch recht jugendlichen Alters, ein wenig mehr Reflexion erwarten koennen, insbesondere da der Artikel nicht unter der Rubrik "Sport" sondern unter "Gesellschaft - Japan" eingeordnet ist. Solche Krisenzeiten, wie sie Japan und auch die EU gerade durchmachen, koennen zur Betonung von Unterschieden und zur Abschottung fuehren, sie koennten aber auch als Chance zur Oeffnung und Knuepfung von neuen Aussenkontakten begriffen werden, entsprechende Groesse und nicht Kleingeister vorausgesetzt.
5. Nippon omedeto!
Caiman 18.07.2011
Oder auf Deutsch: Herzlichen Glückwunsch, Japan! Euer Team hat verdient gewonnen, wir haben uns sehr darüber gefreut!
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