Trump und der Rassenhass "Wir stehen an der Schwelle zum Bürgerkrieg"

Der schwarze Bürgerrechtler Hawk Newsome riskierte viel, als er sich in Washington wütenden Trump-Fans entgegenstellte. Doch erstaunlicherweise hörten diese ihm zu. Was hat er aus dieser Begegnung gelernt?

Hawk Newsome vor dem Trump Tower (Januar 2017)
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Hawk Newsome vor dem Trump Tower (Januar 2017)

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Die Zeichen standen auf Konfrontation, als Hawk Newsome auf der National Mall in Washington D.C. vor eine Gruppe Hunderter Trump-Unterstützer trat. Doch der Präsident von Black Lives Matter New York überraschte viele und hielt eine versöhnliche Rede, appellierte an gemeinsame Werte. Selbst Anhänger des US-Präsidenten jubelten dem 40-Jährigen zu.

Es war ein seltener Moment der Verständigung zwischen Lagern, die sich seit Monaten unversöhnlich gegenüberstehen. Das Video der Rede verbreitete sich schnell im Internet, wurde millionenfach angesehen und brachte dem Juristen aus der Bronx landesweite Aufmerksamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie traten als Black-Lives-Matter-Aktivist vor Trump-Anhänger - und die jubelten Ihnen zu. Hätten Sie damit gerechnet?

Hawk Newsome: Nein. Hätte man mich eine Woche vor der Rede gefragt, dann hätte ich gesagt, dass ich die Trump-Anhänger verfluchen würde, dass ich zu ihnen sagen würde: "Fahrt zur Hölle!" Dann geschah aber das Gegenteil. Ich entschied mich für eine positive Botschaft, eine Botschaft der Einheit.

SPIEGEL ONLINE: Woher kam Ihr Sinneswandel?

Newsome: Wir waren kurz davor, auf die Bühne zu gehen, als ich mir dachte: Diese Leute müssen erfahren, wer wir wirklich sind. Wir sind keine Terroristen, keine Cop-Killer. Hegen wir Groll gegen Polizisten? Ja, gegen schlechte Polizisten und alle, die sie decken. Wir prangern den Rassismus in der Justiz an. Und wer an Gerechtigkeit glaubt und an Amerika, sollte dieses Problem auch sehen. Das war meine Botschaft für die Trump-Anhänger.

SPIEGEL ONLINE: Viele von denen würden sagen, dass Sie sehr wohl gegen Polizisten sind. Sie würden auf Vorfälle hinweisen wie den Mord an zwei New Yorker Polizisten 2014. Diese wurden von jemandem umgebracht, der bewusst Jagd auf Cops machte.

Newsome: Natürlich ist das traurig. Keine unschuldige Person verdient so einen Tod. Aber das Ganze ist auch Teil eines Zyklus: Manche Leute sehen Fälle wie den von Eric Garner im Fernsehen. Sie sehen, wie jemand buchstäblich zu Tode gewürgt wird. Das macht sie wütend. Und irgendwann rasten sie aus und machen Jagd auf Polizisten.

SPIEGEL ONLINE: Das Video ihrer Rede verbreitete sich schnell. Wie waren die Reaktionen?

Newsome: Wissen Sie, wer für die Botschaft nicht empfänglich war? Viele der Hardcore-Aktivisten, mit denen ich in der Vergangenheit marschiert bin. Ich meine, ich sehe mich ja selbst als Hardcore-Aktivist. Die sagten zu mir: "Das ist nicht, wer wir sind. Wir freunden uns nicht mit diesen Leuten an. Du hättest die Bühne verwüsten sollen."

SPIEGEL ONLINE: Kritik von der eigenen Seite also. Gab es auch Zuspruch?

Newsome: Sehr viel sogar. In Hunderten Facebook-Nachrichten schrieben mir Menschen, dass sie sich die Anliegen von Black Lives Matter nie angehört hatten, aber jetzt nach der Rede ein offenes Ohr für unser Problem haben. Viele Leute schickten mir ihre Gebete.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Trump-Unterstützer?

Newsome: Ja. Mir haben sogar mehr Leute von den Rechten geschrieben als von den Linken. Viele Leute, die sagen: "Ich bin kein Rassist, glaube nicht an eine Überlegenheit der Weißen. Aber ich unterstütze Trump. Und auch ich glaube an Gerechtigkeit. Danke für diese Botschaft."

SPIEGEL ONLINE: Verkehrte Welt: Anfeindungen aus dem eigenen Lager, Zuspruch von der anderen Seite.

Newsome: Ja. Es gibt Menschen auf beiden Seite, die der Mitte näher stehen und die an Frieden interessiert sind. Und dann gibt es die Leute an den entgegengesetzten Enden, die ständig Krieg führen.

SPIEGEL ONLINE: Krieg?

Newsome: Ich war in Charlottesville. Ich war mittendrin: Wenn man so will, an vorderster Front bei dem Ereignis, das ich die "Schlacht von Charlottesville" nenne. Und ich kann sagen, dass die Polarisierung immer größer wird. Es gibt Potenzial für noch mehr Gewalt in diesem Land. Wir stehen an der Schwelle zu einem Bürgerkrieg. Das glaube ich wirklich.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt Sie zu diesem Schluss?

Newsome: Weil die Leute bewaffnet sind und in den Straßen kämpfen, so wie in Charlottesville und an anderen Orten. Weil der Hass so groß ist wie nie. Und weil nichts diese Entwicklung bremst. Ich hoffe, dass meine Rede einen Dialog in Gang setzt. Trump-Anhänger sind Trump-Anhänger. Aber irgendwann werden wir mit ihnen sprechen müssen.



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