Unterwegs im Sperrgebiet Die Stalker von Tschernobyl

Sie dringen illegal in die Sperrzone von Tschernobyl ein - und messen sich in Überlebensspielen: Der Fotograf Pierpaolo Mittica hat junge Männer begleitet, die eine seltsame Leidenschaft teilen.

Pierpaolo Mittica/ Parallelozero

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Zur Person
  • Francesco Zanet
    Pierpaolo Mittica, Jahrgang 1971, arbeitet als Fotograf und Filmemacher. Er erhielt sein Diplom in Konservierung, Archivierung, Technik und Geschichte der Fotografie am CRAF, Spilimbergo. Seine Fotografien wurden in ganz Europa, den USA und China ausgestellt und in internationalen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. Seit rund 20 Jahren fotografiert er immer wieder in der Sperrzone rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Mittica lebt in Vendig.
  • Pierpaolo Mitticas Website

32 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl gilt das Sperrgebiet um das Kernkraftwerk nicht nur als immer beliebter unter Touristen. Auch Gruppen junger Ukrainer, Weißrussen und Russen, die sich illegal in die Zone schleusen, sind davon angezogen: die sogenannten Stalker. An diesem Ort mit schrecklicher Geschichte verspüren sie eine besondere Energie - für sie der ideale Ort für Überlebensspiele.

Der Begriff Stalker stammt ursprünglich aus einem Science-Fiction-Roman, wurde 2007 von dem Survival-Computerspiel der "S.T.A.L.K.E.R"-Serie aufgegriffen, das in der Sperrzone von Tschernobyl verortet ist - und den Startschuss für die Stalker-Bewegung gab. Die meisten der Anhänger sind unter 30 Jahren und Männer, sie organisieren sich häufig in Gruppen mit Namen wie "Illegal Group", haben eigene Symbole, Rituale und tauschen sich in sozialen Netzwerken aus.

Rund hundert Stalker bewegen sich mittlerweile regelmäßig in dem Areal, das mit einem 30-Kilometer Radius um den Reaktorblock 4 gezogen wurde. Der Fotograf Pierpaolo Mittica begleitete für seine Fotoserie "The Zone" die drei Freunde Jimmy, Sasha und Maxim fünf Tage lang auf dem Weg in die Geisterstadt Pripjat.

Vor der Nuklearkatastrophe war Pripjat ein Ort mit rund 50.000 Einwohnern, nur wenige Kilometer von dem Kernkraftwerk entfernt. Die Einwohner wurden im Glauben gelassen, nach der Evakuierung bald wieder nach Hause zu können. Deshalb ließen viele ihre Besitztümer zurück. Das meiste wurde im Lauf der Jahre durch Vandalismus zerstört oder gestohlen. Doch die übrig gebliebenen Möbel und Gegenstände erzählen noch von den Menschen, die hier einst lebten - und bieten den Stalkern ein ideales Spielfeld.

Mittica wollte herausfinden, was die jungen Leute an diesen unwirtlichen und verseuchten Ort treibt. Gemeinsam mit den drei Freunden machte er sich auf die Reise: 60 Kilometer durch den Wald - meist nachts, um Polizeikontrollen zu entgehen. Die Temperaturen sanken dabei auf bis zu minus fünf Grad, immer drohen Begegnungen mit Wölfen, Wildschweinen oder Bären. Doch genau dieser Nervenkitzel reizt viele der Stalker.

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Merkwürdige Leidenschaft: Mit Stalkern in der Sperrzone

In Pripjat selbst besetzen sie Wohnungen, dekorieren sie, erkunden verlassene Stätten und Gebäude, lesen alte sowjetische Zeitschriften und Bücher. Am Abend organisieren sie Partys auf Dächern und beobachten den Sonnenuntergang über dem Kernkraftwerk Tschernobyl. Manchmal bleiben die jungen Leute bis zu zwei Wochen.

Das Gebiet wird streng bewacht, damit niemand kontaminierte Gegenstände mit hinausnimmt. Deshalb müssen sich die Stalker permanent verstecken und Kontrollpunkte umgehen, wie in einem Survivalspiel. Ihr ständiger Begleiter ist ein Strahlenmessgerät - ein Dosimeter.

Wirklich Angst vor Strahlung hätten die meisten jedoch nicht, sagt Mittica. Einige würden die möglichen Folgen ignorieren, viele nicht daran glauben, andere nicht darüber nachdenken. Die größte Gefahr ist die innere Kontamination durch das Einatmen radioaktiver Partikel: Doch die Stalker tragen keine Schutzmasken und trinken verschmutztes Wasser, das sich in den Kellern der Gebäude sammelt.

Fasziniert von einem verseuchten Ort

Warum tun die jungen Männer und Frauen das? Viele suchen das Abenteuer, einen Adrenalinkick, sie wollen sich als letzte Überlebende auf dem Planeten fühlen. Einige genießen den regelfreien Raum, lieben die Einsamkeit oder halten den Ort für heilig, wollen, dass er nicht vergessen wird.

Auch die drei Männer, die Mittica begleitete, haben unterschiedliche Beweggründe. Maxim sagt, er wolle sich und seine Widerstandsfähigkeit testen, Jimmy ist begeistert von der Umgebung: "Es ist eine fantastische und wilde Welt mit einer einzigartigen Landschaft." Die Freunde zieht es immer wieder hierher.

Seit die ukrainische Regierung 2011 das Gebiet für Touristen öffnete, sind die Stalker nicht mehr ganz unter sich. Jimmy sagt: "Die Leute schreiben an die Wände, werfen den Müll einfach in die Gegend, ruinieren die Umwelt. Sie wollen ein Selfie machen und sagen können, dass sie in einer gefährlichen Gegend waren." Er und seine Freunde wollen den Ort aber so bewahren, wie er ist.

Seit 2002 war Fotograf Mittica immer wieder in die Sperrzone - mittlerweile über 20-mal. "Mit meinen Geschichten möchte ich zeigen, dass es noch ein anderes Tschernobyl gibt, eine Konsequenz des Unfalls. Auch wenn er als toter Ort gilt, geht das Leben dort doch weiter."

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