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21. Dezember 2014, 11:00 Uhr

Tsunami 2004

Die Jahrtausend-Katastrophe

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Vor zehn Jahren riss der Tsunami rund 230.000 Menschen in den Tod. Wie kam es zu der Katastrophe? Wie haben Überlebende es geschafft? Wie erging es ihnen seither? Wir erzählen es in einer Serie.

Die Fischer auf ihren Kuttern sind die Ersten, die es spüren. Sie berichten später von einem Donnergrollen, riesigen Strudeln und dem Gefühl, ihr Schiff sei in voller Geschwindigkeit auf Grund gelaufen.

Der tausendfache Tod kommt an einem Sonntagmorgen, er kommt aus dem Meer.

Eine gigantische Wasserwand erhebt sich am zweiten Weihnachtstag 2004 aus dem Indischen Ozean. Bis zu sechs Tsunamis, viele Meter hoch, schlagen an Land. Die Wellen vernichten Häuser, Dörfer, Städte. Rund 230.000 Menschen in vierzehn Ländern verlieren in den Fluten ihr Leben, in Indonesien, Thailand, Sri Lanka und Indien werden ganze Landstriche verwüstet. Sogar im mehr als 6400 Kilometer entfernten Ostafrika werden rund 200 Menschen vom Wasser getötet.

Das Meer holt sich jene, die zu schwach sind, sich an eine Palme zu klammern, auf ein Hausdach oder einen Hügel zu retten oder sich an Treibgut festzuhalten. Die Mehrzahl der Toten sind Kinder und Frauen.

Zehn Jahre ist es her, dass der Begriff Tsunami in der Weltöffentlichkeit zum Synonym für Schrecken wurde. Es war eine der größten Naturkatastrophen seit Menschengedenken.

Das Unglück beginnt am Morgen des 26. Dezember um 7.59 Uhr nahe der Insel Simeulue: In 30 Kilometern Tiefe gibt es ein gewaltiges Erdbeben. Experten des U.S. Geological Survey legen die Stärke auf 9,1 fest - es ist das drittstärkste aller bislang registrierten Beben.

Der Meeresboden springt an manchen Stellen um bis zehn Meter in die Höhe, an anderen Orten sackt er einfach weg. Auf einer Länge von 1200 Kilometern kommt es zu enormen Verwerfungen. Unvorstellbare Wassermassen geraten so in Bewegung. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometer pro Stunde schieben sich Billionen Tonnen Wasser gegen die Küste.

Die ersten Inseln der Nikobaren werden Minuten nach dem Beben von riesigen Wellen überrollt. Car Nicobar ist 127 Quadratkilometer groß, der höchste Punkt liegt gerade mal 10 Meter über dem Meeresspiegel, so hoch wie die erste Welle. Die zweite Welle ist höher. Die dritte noch höher. Rund 32.000 Menschen leben auf Car Nicobar. Sie ahnen nicht, dass sich an diesem Morgen unter ihnen die Hölle auftut. Die Inselgruppe, die zu Indien gehört, liegt über der Verwerfungszone. Etwa die Hälfte der Bevölkerung von Car Nicobar stirbt an diesem Tag.

Die Überlebenden sind auf sich allein gestellt, niemand weiß, was sich auf den Inseln zugetragen hat. Alle Kommunikationswege sind zerstört. Flüchtlinge, die sich auf andere Inseln retten können, verbreiten schließlich die furchtbaren Nachrichten. "Im Westen sehen wir nur Wasser und Wasser... Wir sehen kein Land und keine Insel im Westen", schreibt damals ein 13-jähriger Junge in einem Hilferuf.

16 Minuten nach dem Beben erreicht der Tsunami das Festland. Banda Aceh liegt nur 255 Kilometer vom Epizentrum entfernt. 12 Meter hoch schiebt sich die Welle durch die 500.000-Einwohner-Stadt, zermalmt Gebäude, Boote, Autos, Menschen. Kilometerweit wird der Brei ins Land gedrückt. Allein in der Stadt Banda Aceh sterben rund 25.000 Menschen, in der Provinz Aceh rund 170.000.

An den Traumstränden Westthailands kündigt sich die Katastrophe zwei Stunden nach den Erdstößen an: Das Meer weicht urplötzlich um Hunderte Meter, zurück bleiben verdutzte Touristen und am Strand zappelnde Fische. Die Urlauber, viele sind dem europäischen Winterwetter entflohen, genießen heiße Weihnachten. Sie ahnen nichts von dem Überlebenskampf, den so viele Menschen in Aceh und auf den Nikobaren bereits verloren haben. Eine Tsunami-Warnanlage gibt es nicht. Erst als die Wellen an die Strände rollen, beginnen die Menschen zu verstehen: weg, nur weg!

In Khao Lak Beach, einem paradiesisch schönen Örtchen, stehen rund 60 Hotels, viele direkt am Strand. Der Strand ist breit und steigt langsam an, es gibt keine Unterwasserriffe, die den Tsunami bremsen könnten. Die Wasserwand erreicht eine Höhe von über 10 Metern. Mehr als 4000 Menschen kommen allein in der Region um Khao Lak ums Leben, Hunderte deutsche Urlauber sind unter den Opfern. Nirgendwo in Thailand ist die Zahl der Tsunami-Opfer höher.

Zehn Jahre sind vergangen, viele Opfer wurden nie gefunden. Was hat sich seit der Katastrophe verändert? Wie leben die Überlebenden heute?

Heike Klovert und Ulrike Putz reisten zu den Schauplätzen der Katastrophe. Sie trafen einen Vater, der seine Tochter nicht retten konnte. Eine Frau, auf deren Haus ein Kutter gespült wurde, was ihr das Leben rettete und ihr Leben doch zerstörte. Menschen, deren Leben entzweigerissen wurden: in das vor dem Tsunami und das danach. Und die neuen Mut fassten, jeder auf seine Weise.


Jule Lutteroth ist Autorin bei SPIEGEL ONLINE und koordiniert die Multimedia-Storys.

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