Hamburg - An den 11. März 2011 werden die Japaner noch lange zurückdenken. Es ist ein Freitag. Der Freitag, an dem der Nordosten des Landes erst von einem gewaltigen Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert und dann von einem zerstörerischen Tsunami überrollt wird.
Der Wiederaufbau der verwüsteten Städte und Dörfer wird nach Einschätzung einer Experten-Kommission bis zu zehn Jahre dauern. Durch die Naturkatastrophe kamen den bisherigen offiziellen Angaben zufolge mehr als 14.000 Menschen ums Leben, rund 12.000 gelten noch als vermisst; zehntausende Einzelschicksale, Zehntausende Tragödien.
Eine dieser Tragödien ist die von Yuta Hakoishi.
Der Zwölfjährige sah, wie sein Vater nach dem Beben mit seinem Lastwagen davonfuhr, als er schon in Sicherheit schien. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine Tsunami-Warnung, die Wassermassen rauschten heran. Warum genau der Vater wieder aufbrach? Das weiß bis heute niemand. Yuta betete, dass sein Vater nicht von den Wellen fortgerissen werden würde. Es sollte das letzte Mal sein, dass der Schüler ihn lebend sah.
"11. März: Wir studierten gerade einen Song für die Feier zur Zeugnisvergabe an unserer Schule ein, als ein gewaltiges Erdbeben die Gegend erschütterte. Zuerst dachte ich, es sei einfach ein weiteres gewöhnliches Beben. Und sogar als eine Tsunami-Warnung ausgegeben wurde, habe ich nicht damit gerechnet, dass es eine Flutwelle geben würde. Ich dachte, falls ein Tsunami die Küste erreichen sollte, wäre er vielleicht zehn Zentimeter hoch. Aber damit lag ich total daneben. Ich sah Wasser und Trümmer, die über die Nationalstraße 45 gespült wurden. Ich sah, wie meine Eltern die Osawa-Grundschule erreichten, bevor der Tsunami da war. Und dann sah ich, wie mein Vater zurück ins Freie ging, zu seinem Truck. Ich habe mir große Sorgen gemacht. 'Bitte lass ihn nicht von dem Tsunami fortgerissen werden', betete ich."
Seit diesem Moment fehlte jede Spur von Yutas Vater. Er kam nie zu Hause an. Und auch eine Woche später war der Mann nicht gefunden. "Mama verlor jegliche Hoffnung", notierte der Zwölfjährige.
"Wir werden unser Bestes geben"
Der Junge berichtet auch, wie andere Mitglieder der Familie mit dem Schicksal des Vermissten umgingen. "Opa weinte", heißt es in dem Eintrag vom 18. März. "Wir werden unser Bestes geben, ein neues Zuhause aufzubauen, und sicherstellen, dass ihr alle weiter zur Schule gehen könnt. Falls euer Vater das nicht mehr kann, werden wir unser Bestes dafür tun", gibt der Junge die Worte des Großvaters wider, die dieser an Yuta und dessen Geschwister richtete.
"23. März: Der Tag der Zeugnisvergabe. Als wir den Song 'Arigato' (Danke) gesungen haben, dachte ich: 'Vater, dank dir habe ich den Schulabschluss geschafft. Danke.' Dann bekam ich eine zittrige Stimme und begann zu weinen. In der Nacht hatte ich einen Traum - meine Eltern kamen gemeinsam zurück vom Einkaufen in einem Supermarkt in Miyako."
Zwei Tage später erhielt ein Verwandter Yutas einen Anruf auf seinem Handy. Feuerwehrleute hätten jemanden gefunden, der aussieht wie der Vater des Jungen.
"25. März: Wir sind dorthin geeilt, und ich sah meinen Vater auf dem Boden liegen, mit offenem Mund. Meine ältere Schwester begann zu weinen. Meine Mutter sagte nichts und mein jüngerer Bruder blieb in der Nähe meiner übrigen Verwandten. Ich berührte das Gesicht meines Vaters. Es war kälter als Wasser."
In Yutas Kopf kreiste nur ein Gedanke: "Warum bist du zurück ins Freie gegangen?" Dann fragte sich der Schüler: "Was bringt es, wenn ich mir darüber Gedanken mache?" Doch je häufiger er sich das fragte, desto mehr Tränen füllten seine Augen, heißt es im Tagebuch:
"Ich sah den Talisman aus Titan, den mein Vater an seinem Fußgelenk getragen hat, seinen Ehering und sein Handy. Was mich überraschte, war, dass seine Uhr immer noch funktionierte. Als mein Vater starb, als er von dem Tsunami fortgerissen wurde - selbst da tickte die Uhr weiter. Nun trage ich die Uhr meines Vaters. Ich denke nicht, dass ich sie jemals in meinem Leben verlieren werde."
In den folgenden Tagen begann Yuta langsam zu verarbeiten, was er gesehen hatte. Manchmal, so notiert der Junge in sein Tagebuch, wünsche er sich, er hätte niemals das Gesicht seines Vaters sehen müssen, als sie seine Leiche gefunden haben. "Aber weil sie ihn gefunden haben, können wir seine Leiche einäschern. Und ich konnte ihn berühren. Es ist gut, dass er entdeckt wurde."
"28. März: Der Tag der Feuerbestattung. Meine Schwester, meine Mutter und mein Bruder haben Briefe geschrieben, die wir neben meinen Vater platzierten. Während wir uns nach vorne beugten, um zu beten, sagte ich: 'Die Hakoishi-Familie wird ihr Bestes geben, um ohne dich weiterzumachen.' Sie ließen mich die sterblichen Überreste halten, bis wir sie in die Grabkammer legten. Ich fühlte mich erleichtert, nachdem wir sie begraben hatten."
Die Auszüge aus Yutas Tagebuch enden am 7. April: "Mein Vater war bewundernswert. Heute bin ich wirklich dankbar."
wit
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