Türkische Gastarbeiter: Deutsche Frau, schöne Frau

Was ist das Geheimnis deutscher Frauen? Sie empfingen die ersten Gastarbeiter in Tanzcafés, erfährt Yasemin Ergin auf ihrer Reise, die sie auf den Spuren ihres Vaters unternimmt. Mancher türkische Mann fand in Deutschland nicht nur eine Heimat - sondern auch die große Liebe.

Gastarbeiter-Zug: Zum Flirten in den "Wienerwald" Fotos
Yasemin Ergin

Einmal, erzählt Mustafa Kazanci, habe ihm ein Schüler Knoblauchzehen geschenkt. In der festen Überzeugung, er freue sich als Türke mehr darüber als über Pralinen. Der Abgeordnete der türkischen Regierungspartei AKP sitzt im Konferenzwagen des Zuges und erzählt Anekdoten aus Deutschland, wo er Anfang der achtziger Jahre als Türkischlehrer lebte. Nett seien die Deutschen gewesen. Aber leider hoffnungslos vorurteilsbepackt.

Möglich, dass sich diese Szene so abgespielt hat, schließlich galten türkische Essgewohnheiten im Deutschland der achtziger Jahre tatsächlich als ziemlich exotisch. Trotzdem wirken die Erinnerungen des Politikers auf mich wie völlig überzeichnete Versionen von Geschichten, die meine Eltern gerne aus ihrer Anfangszeit in Deutschland erzählten. Aber während der Zug von Istanbul nach München fährt, bleibt ja genug Zeit für Anekdoten.

Wir erreichen die serbische Grenze, der Zug hält an. Im Speisewagen sitzen drei serbische Beamte vor Stapeln türkischer Pässe. Meine Eltern ließen sie auf unseren Reisen in die Türkei niemals auch nur eine Sekunde aus den Augen. Nicht nur, weil diese so wertvolle Dinge enthielten wie ihre deutsche Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, - aus der ein paar Jahre später übrigens eine Aufenthaltsberechtigung wurde - sondern weil unter türkischen Urlaubern jedes Jahr von neuem Schauergeschichten über Familien kursierten, die an der österreichischen, jugoslawischen oder bulgarischen Grenze gestrandet waren, weil sie ihre Pässe verschlampt hatten.

Zum Flirten in den "Wienerwald"

Ich setze mich zu Nuri Yilmaz, einen 69-jährigen Rentner aus Lübeck. Meinen Vater, der ein paar Jahre nach ihm in derselben Stadt landete, kennt er nicht. Aber er kennt Schlutup, das alte Fischerdorf am Lübecker Stadtrand, in dem ich die erste Hälfte meiner Kindheit verbrachte. Ihm sei es gar nicht so sehr ums Geld gegangen, als er sich damals entschloss, nach Deutschland zu gehen, sagt er irgendwann.

Sein Bruder, der schon dort war, schickte Nuri und seinem Cousin eines Tages einen Brief: "Es ist sehr schön hier. Die deutschen Frauen gehen in Cafés und sprechen mit Männern. Ihr solltet auch kommen," stand darin. "Ich war 21 und gerade vom Militär zurück. Natürlich hat mich der Brief neugierig gemacht. Ich sah ganz gut aus damals und hab mir gute Chancen ausgemalt."

Zum Beweis kramt er ein Foto aus der Tasche, das ihn als jungen Mann zeigt. Fast alle Reisenden haben solche Bilder dabei. So, als würde man ihnen sonst nicht glauben, dass sie mal jung waren.

Ein paar Brocken Deutsch, ein neuer Anzug und ein freundliches Lächeln reichten aus. Nuri Yilmaz lernte in den Tanzcafés der neuen Stadt schnell Frauen kennen. Mit einer bekam er sogar ein Kind, doch die Beziehung hielt nicht lange. Nach der Trennung fügte sich der junge Mann dem Drängen seines Vaters und heiratete eine Frau aus seinem Heimatdorf.

Die deutschen Frauen. Sie waren für fast alle Männer hier im Zug irgendwann einmal ein Thema - und sind es für einige heute noch. Ferhat Dursunbek, trotz seiner 76 Jahre einer der quirligsten Passagiere an Bord, lernte seine Ingeborg 1969 in Berlin im "Wienerwald" kennen - und ist seitdem mit ihr zusammen.

Die Frau als Integrationshelfer

Sie begleitet ihn auch auf dieser Reise - und hält sich meist schüchtern im Hintergrund, wenn ihr Mann mal wieder den Alleinunterhalter im Großraumabteil gibt. Oder Nedim Sekerli aus Quickborn, der oft und gerne über Deutschland schimpft und angeblich bis heute Heimweh hat, aber nichts auf seine deutsche Frau kommen lässt, die er 1967 in seinem türkischen Heimatort heiratete.

Meine Eltern waren schon verheiratet, als mein Vater nach Deutschland kam. Meine Mutter folgte ihm erst über ein Jahr später. Die Fotos aus jener Zeit zeigen einen sehr attraktiven jungen Mann. Ich frage mich plötzlich, ob er vielleicht mal in den selben Tanzcafés war wie Nuri Yilmaz.

Später treffe ich Sebahattin Coskun wieder, der mir nach der Abreise erzählt hatte, wie groß das Heimweh nach seiner Frau gewesen war, als er damals in Istanbul in den Zug gestiegen war. Sein Deutsch reiche zum Überleben, sagt er, aber richtig gelernt habe er die Sprache nie. Dann wirft er Ferhat Dursunbek, der sich zwei Tische weiter lautstark unterhält, einen belustigten Blick zu und sagt: "Die Einzigen aus unserer Generation, die richtig gut Deutsch sprechen, sind diejenigen, die sich gleich mit deutschen Frauen eingelassen haben. Bei der Fließbandarbeit hat noch keiner sein Deutsch verbessert."

Klingt plausibel, denke ich, während wir endlich Belgrad erreichen.

Mein Vater sprach übrigens auch nie besonders gut Deutsch. Ob meine Mutter bei ihrer Ankunft in Deutschland wohl ahnte, dass das ein gutes Zeichen war?

Lesen Sie im ersten Teil der Serie, warum inszenierte Nostalgie die meisten Passagiere an Bord des Zuges bei der Abfahrt in Istanbul kalt ließ.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. .
Haio Forler 28.10.2011
Zitat von sysopWas ist das Geheimnis deutscher Frauen? Sie empfingen die*ersten*Gastarbeiter in Tanzcafés,*erfährt Yasemin Ergin auf*ihrer Reise, die sie auf den Spuren ihres Vaters*unternimmt. Mancher*türkische Mann fand in Deutschland nicht nur eine Heimat - sondern auch*die große Liebe. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,794570,00.html
Daran werde ich noch lange rätseln.
2. was für ein geheimnis?
shuggarcgn 28.10.2011
Zitat von sysopWas ist das Geheimnis deutscher Frauen? Sie empfingen die*ersten*Gastarbeiter in Tanzcafés,*erfährt Yasemin Ergin auf*ihrer Reise, die sie auf den Spuren ihres Vaters*unternimmt. Mancher*türkische Mann fand in Deutschland nicht nur eine Heimat - sondern auch*die große Liebe. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,794570,00.html
Es waren junge Männer in einer fremden Welt. Frauen, dessen Sprache man(n) nicht verstanden hat konnten nur geheimnisvoll wirken. So haben übrigens auch die Türken auf die Deutschen gewirkt, damals, in den Anfängen, als man sich eben nicht verständigen konnte... Jetzt, wo es die Sprachbarrieren nicht mehr gibt, gibt es auch keine wundersamen Geheimnisse mehr... Die neuen Generationen haben statt dessen mit Magen-Darm-Krankheiten zu kämpfen als mit rosigen Schmetterlingen im Bauch. Das Geheimnis kann demnach nicht mit der deutschen Frau, sondern mit der Unkenntnis der deutschen Sprache zu tun haben. Erstaunlich aber wahr: Um diese Geheimnisse wieder zu entdecken, muss man also die deutsche Sprache verlernen. Was für eine Tragödie!!!
3. was für ein geheimnis?
shuggarcgn 29.10.2011
Zitat von sysopWas ist das Geheimnis deutscher Frauen? Sie empfingen die*ersten*Gastarbeiter in Tanzcafés,*erfährt Yasemin Ergin auf*ihrer Reise, die sie auf den Spuren ihres Vaters*unternimmt. Mancher*türkische Mann fand in Deutschland nicht nur eine Heimat - sondern auch*die große Liebe. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,794570,00.html
Es waren junge Männer in einer fremden Welt. Frauen, dessen Sprache man(n) nicht verstanden hat konnten nur geheimnisvoll wirken. So haben übrigens auch die Türken auf die Deutschen gewirkt, damals, in den Anfängen, als man sich eben nicht verständigen konnte... Jetzt, wo es die Sprachbarrieren nicht mehr gibt, gibt es auch keine wundersamen Geheimnisse mehr... Die neuen Generationen haben statt dessen mit Magen-Darm-Krankheiten zu kämpfen als mit rosigen Schmetterlingen im Bauch. Das Geheimnis kann demnach nicht mit der deutschen Frau, sondern mit der Unkenntnis der deutschen Sprache zu tun haben. Erstaunlich aber wahr: Um diese Geheimnisse wieder zu entdecken, muss man also die deutsche Sprache verlernen. Was für eine Tragödie!!!
4.
Sheherazade 29.10.2011
Habe dazu übrigens einen Buchtipp: "Die Brücke vom goldenen Horn" von Emine Sevgi Özdamar.
5. Bereits im 16. Jhd. war Knoblauch...
A.D.H. 29.10.2011
...in Deutschland bekannt, und wurde in der Küche verwendet, genauso, wie viele andere Gewürze und Gemüse, die angeblich erst mit den Gastarbeitern nach Deutschland kamen. "Nach der Trennung fügte sich der junge Mann dem Drängen seines Vaters und heiratete eine Frau aus seinem Heimatdorf." Neben der inkompatiblem Kultur beschreibt der obige Satz eines der Grundprobleme für die mangelnde Integration. Seit Gül betracht die Türkei die Türken in Deutschland zudem auch immer als Vorhut des türkischen Staates. Siehe die Verfassungsschutzberichte von 1988 bis 1996. Die rot-grüne Regierung beachtete die Hinweise ab 1998 nicht mehr, und Merkel macht genau da weiter.
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Zur Autorin
  • Daniel Etter
    Yasemin Ergins Eltern zogen Anfang der siebziger Jahre als Gastarbeiter von der türkischen Mittelmeer- an die deutsche Ostseeküste.

    Sie wuchs in Lübeck auf und lebt nach Zwischenstationen in Indien und den USA heute in Hamburg, wo sie als freie Journalistin unter anderem für den NDR und die Zeitschrift "Zenith" arbeitet.

    Mit einem Stipendium der Internationalen Journalistenprogramme ist sie für zwei Monate in Istanbul, von wo aus sie gerade mit dem Zug nach München fährt - also die gleiche Reise unternimmt, die ihren Vater erstmals nach Deutschland brachte.


Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Ahmet Davutoglu

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Wie die Gastarbeiter nach Deutschland kamen
Das Abkommen
Schon in den späten fünfziger Jahren kamen vereinzelt türkische Arbeiter in die Bundesrepublik - eine gesetzliche Rahmenregelung zwischen Ankara und Bonn wurde erst Jahre später getroffen Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die sogenannten "Gastarbeiter" sollten maximal zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Die Türkei erhoffte sich, dass durch das Geld, das türkische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat überwiesen, die Wirtschaft angekurbelt würde. Deutschland suchte in den Jahren des Wirtschaftswunders billige Arbeitskräfte. Das Rotationsprinzip, nachdem die "Gastarbeiter" nach zwei Jahren ausgewechselt werden sollten, wurde 1964 auf Wunsch der Arbeitsgeber in einer Neufassung des Abkommens aufgehoben. 1973 kam es zum Anwerbestopp.

Wieviele kamen?
Von 1961 bis November 1973 bewarben sich etwa 2,66 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in Deutschland, nur knapp 650.000 wurden nach Angaben des "Dokumentationszentrums und Museums über die Migration aus der Türkei" (DOMIT) vermittelt. Fast jeder dritte Gastarbeiter war laut DOMIT Facharbeiter oder angelernte Arbeitskraft - die Quote war deutlich höher als etwa unter den Gastarbeitern aus Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal. Ein Fünftel aller Angeworbenen aus der Türkei waren Frauen.
Wer durfte kommen?
Das Bewerbungs-Prozedere spielte sich wie folgt ab: Die deutschen Arbeitgeber wandten sich an die Arbeitsämter mit einem so genannten "Vermittlungsauftrag - Türkische Arbeitskräfte", die Angebote wurden weitergeleitet zur deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul und von dort an das türkische Arbeitsamt. Es gab verschiedene Altersgrenzen: Qualifizierte männliche Bewerber durften nicht älter als 40 Jahre sein, Frauen nicht älter als 45 Jahre. Bei unqualifizierten Arbeitern lag die Grenze bei 30 Jahren.
Wieviele blieben?
Etwa die Hälfte aller zwischen 1961 und 1973 angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei sind Schätzungen zufolge wieder in ihre Heimat zurückgegangen. Die andere Hälfte blieb, immer mehr Familienangehörige zogen nach. Heute haben rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln.
Die Gesundheitsprüfungen
Alle Arbeiter, die vom türkischen Arbeitsamt ausgewählt wurden, mussten sich in Istanbul untersuchen lassen. Gruppenweise mussten die Kandidaten vor Ärzte treten - Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben unternommen, körperliche Übungen mussten vorgeführt werden, der Körper wurde nach Operationsnarben abgesucht, Genitalien wurden abgetastet. Letzteres "war für die Menschen aus Anatolien vermutlich das Schlimmste", schreibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei DOMIT. Zwischen 10 und 17 Prozent der Kandidaten, die das türkische Arbeitsamt als geeignet befunden hatte, wurden bei den Gesundheitsprüfungen in Istanbul aussortiert. Wer beí den Gesundheitschecks als nicht geeignet befunden wurde, musste den Traum von der Arbeit in Deutschland für immer begraben.